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Wem gehört Australien? Den eingewanderten EuropäerInnen oder den ursprünglichen BewohnerInnen, den Aborigines? Und wie könnten gerechte Landrechte, ein gerechtes Zusammenleben aussehen? In Australien ist noch viel zu tun! Und das Land ist ungeheuer rohstoffreich! Was haben die Aboriginies bisher davon?

Februar 7, 2012

Wenn sie „Ausländer raus“ durchsetzen würde, würde es nirgends enger als in Europa, dann müßten wir Millionen Australier, Neuseeländer, Amerikaner, Südafrikaner wieder aufnehmen! Gerade die Europäer sollte also Wege zu einem gleichberechtigten Zusammenleben aller Kulturen mit Lebenschancen für alle suchen.

Ein weiter Weg zur Versöhnung in Australien
Ein Verfassungsreferendum soll Aborigines und Torres Strait Islanders späte Anerkennung bringen
Einen Grund, auf die Strasse zu gehen, haben die Aborigines in Canberra immer wieder. (Bild: Keystone / Epa)
Heftige Proteste am Nationalfeiertag haben die historischen Versäumnisse der australischen Eliten im Umgang mit den Ureinwohnern ins Bewusstsein gerufen. Ein geplantes Verfassungsreferendum könnte zur ausstehenden Versöhnung beitragen.

Heidi Gmür, Karratha

«Vergessen Sie es. Auch wenn wir bereits in der Verlängerung sind – es wird nicht geschehen.» Jack Cox, ein Stammesältester des im Südwesten Australiens lebenden Noongar-Volkes, winkt mit beiden Händen ab. Er glaubt nicht, dass die indigene Bevölkerung, also Aborigines und Torres Strait Islanders, dereinst in der Verfassung explizit als erste Bewohner des Kontinents anerkannt werden. Der alte Cox organisiert Touren im Kodja Place Museum, drei Autostunden südlich von Perth, das sich der Versöhnung der schwarzen und der weissen Bevölkerung verschrieben hat. Wie weit der Weg zu dieser Versöhnung noch ist, haben die Proteste in der Hauptstadt Canberra am 26. Januar, dem Nationalfeiertag Australiens, aber eindrücklich gezeigt.
Kampf für ein Symbol

Die Proteste entzündeten sich an einer Aussage des rechten Oppositionsführers Tony Abbott. Gefragt nach der Bedeutung der in einem Zelt in Canberra untergebrachten Botschaft der Aborigines, erklärte dieser, es habe sich seit der Errichtung des Zeltes vor 40 Jahren viel verändert. Es sei wohl an der Zeit weiterzugehen. Damit rief er zwar nicht zum Abbruch der Botschaft auf. Aber er stellte deren Bedeutung infrage.

Viele Aborigines, die am Nationalfeiertag in Canberra das 40-jährige Bestehen der Botschaft feierten, brachte die Aussage derart in Rage, dass sie Abbott und die linke Premierministerin Julia Gillard, die sich in einem nahe gelegenen Restaurant an einer Veranstaltung aufhielten, aufsuchten und beide in die Flucht trieben. Sie verteidigten ein Symbol, das für den jahrelangen Kampf der indigenen Bevölkerung – die rund 2,3 Prozent der Gesamtbevölkerung Australiens ausmacht – um Souveränität, um Anerkennung und um Landrechte steht. Forderungen, die auch heute noch aktuell sind.

Die Zelt-Botschaft war 1972 errichtet worden. Fünf Jahre zuvor hatte die australische Bevölkerung mit der überwältigenden Mehrheit von 91 Prozent der Stimmen einer Verfassungsänderung zugestimmt, dank der die Ureinwohner überhaupt erst offiziell zur australischen Bevölkerung gezählt wurden.

Die damit verbundenen Hoffnungen auf Anerkennung wurden aber bereits 1971 wieder zunichtegemacht. In einem von Aborigines angestrengten Prozess gegen ein Bergbauunternehmen in den Northern Territories sprach ein Gericht den Ureinwohnern jegliche Landrechte ab. Es berief sich dabei auf die Doktrin der Terra Nullius, die 1835 von der britischen Krone proklamiert worden war und die besagte, dass das kolonialisierte Land von niemandem bewohnt worden war und folglich auch niemandem gehört hatte. Anders als in Neuseeland (vgl. Kasten) wurde daher in Australien auch nie ein Vertrag zwischen der Krone und den Ureinwohnern zur Regelung des Zusammenlebens abgeschlossen.
Historische Versäumnisse

Erst 1992 hat der oberste Gerichtshof die Terra-Nullius-Doktrin für nichtig erklärt und den Weg frei gemacht für den Native Title Act. Das Gesetz spricht den Aborigines gewisse traditionelle Landrechte zu und legt die Verfahren für Verhandlungen fest, wenn der Staat oder Private Land, das mit einem Native Title belegt ist, nutzen wollen.

Die indigene Anwältin Hannah McGlade bezeichnete nach den Protesten in Canberra in einem Gastbeitrag für die Zeitung «The West Australian» dieses Gesetz jedoch als «Picknick für Anwälte», das meistens zugunsten der Interessen der Bergbauindustrie ausgelegt werde. McGlade verwies ausserdem auf die nach wie vor riesige soziale Kluft zwischen indigener und weisser Bevölkerung. Laut offiziellen Zahlen beträgt beispielsweise der Anteil Jugendlicher, die weder in Ausbildung noch berufstätig sind, bei den Aborigines 40 Prozent – bei weissen Jugendlichen sind es 10 Prozent. Siebenmal grösser ist der Anteil indigener Kinder, die missbraucht oder vernachlässigt werden. Vierzehnmal häufiger landet ein erwachsener Ureinwohner im Gefängnis.

Diese Realität ist in den Augen vieler Aborigines eine direkte Folge der historischen Benachteiligung. McGlade spricht zwar von «wichtigen Errungenschaften», die – vorab durch Ausbildung und Arbeitsmöglichkeiten – erzielt worden seien. Die Beziehung zwischen indigener und nichtindigener Bevölkerung sei letztlich aber ungelöst.
Klausel gegen Diskriminierung

Der indigene Professor Patrick Dodson konstatierte unlängst in einer Rede an der Universität von New South Wales ganz grundsätzlich eine mangelhafte Aufarbeitung der Geschichte. Viele Australier zögen es offenbar noch immer vor, zu vergessen, dass der australische Nationalstaat auf dem historischen Vermächtnis kolonialer Enteignung und auf dem Verschweigen des indigenen Volkes begründet worden sei.

Die seit 2010 amtierende Premierministerin Julia Gillard plant aus diesem Grund ein Verfassungsreferendum. Patrick Dodson war Co-Vorsitzender des breit abgestützten Expertenpanels, das vor kurzem konkrete Vorschläge zur Änderung der Verfassung präsentiert hat. Demnach soll unter anderem festgeschrieben werden, dass Aborigines und Torres Strait Islanders die ersten Bewohner Australiens waren. Zwei Verfassungsbestimmungen, die zwar nicht rassistisch motiviert sind, aber zumindest theoretisch zuungunsten einer Rasse ausgelegt werden können, sollen gestrichen werden. Darüber hinaus empfiehlt das Panel eine neue, generelle Klausel gegen Rassendiskriminierung.

Damit gehen die Empfehlungen weiter, als gemeinhin erwartet worden war. Obschon das Vorhaben zur Anerkennung der indigenen Bevölkerung in der Verfassung im Prinzip auch von der Opposition unterstützt wird, hat Tony Abbott bereits Bedenken gegen die Antidiskriminierungsklausel angemeldet. Befürchtungen sind laut geworden, dass das Referendum an dieser Klausel scheitern könnte.

Kritik kommt aber auch vonseiten der Aborigines. Einer der Gründer der Zelt-Botschaft, Michael Anderson, bezeichnete das Referendum in einer Medienmitteilung als «verräterischen Akt gegen die Aborigines», weil es die zentralen Fragen wahrhaftiger Souveränität und Landrechte nicht angehe. – Zu einer Abstimmung wird es voraussichtlich frühestens 2013 kommen.

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/ein_weiter_weg_zur_versoehnung_in_australien_1.14853183.html

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