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Rückgang der Kinderarmut auf sinkende Kinderzahlen zurückzuführen – Es gibt keine Trendwende (von der Leyen), denn weiter lebt jedes siebte Kind in Armut – Realitität bleibt: Die Verfestigung sozialer Ungleichheit, eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung und eine immer größere Hoffnungslosigkeit am unteren Ende der sozialen Leiter.

Februar 5, 2012

Neue Zahlen zur Kinderarmut

Perspektive: Hoffnungslosigkeit

Von Ernst Wolff
4. Februar 2012

Neue Statistiken der Bundesanstalt für Arbeit und eine Studie der Bertelsmann-Stiftung belegen angeblich eine positive Entwicklung bei der Kinderarmut. In Wahrheit unterstreichen sie einen ganz anderen Trend.

Die Bundesagentur für Arbeit (BA) hat in der vergangenen Woche neue Zahlen zur Kinderarmut veröffentlicht. Aus ihnen geht hervor, dass der Anteil von Kindern unter fünfzehn Jahren aus Hartz-IV-Haushalten vom September 2006 bis zum September 2011 um 257.000 oder 13,5 Prozent gesunken ist. Eine in dieser Woche veröffentlichte Studie der Bertelsmann-Stiftung kommt zu dem Ergebnis, das 2010 in Deutschland weniger Kinder unter drei Jahren in Armut lebten als noch ein Jahr zuvor.

Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) griff die Zahlen sofort auf, erklärte sie zur „Trendwende“ und behauptete kategorisch: „Die Kinderarmut sinkt“.

Heinz Hilgers, Präsident des Kinderschutzbundes, meldete Zweifel an: „Seit dem Jahr 2006 gibt es fast 750.000 Kinder unter fünfzehn Jahren weniger in unserem Land. Wenn es also immer weniger Kinder gibt, so ist es keine Überraschung, dass in absoluten Zahlen betrachtet auch immer weniger Kinder von Sozialleistungen leben.“

Auch der Hauptgeschäftsführer des Paritätischen Gesamtverbandes, Ulrich Schneider, mischte sich in die Debatte ein und sagte gegenüber dem Hamburger Abendblatt: „Fakt ist, dass wir bei allem statistischen Auf und Ab kaum weniger Kinder in Hartz IV haben als bei der Einführung dieses Gesetzes im Jahr 2005. Jedes siebte Kind war es damals und ist es heute. Absolut kein Grund, Erfolge zu feiern.“

Unabhängig von allen statistischen Interpretationen enthüllen beide Untersuchungen bei genauerem Hinsehen vor allem drei Phänomene, die für die Entwicklung unserer Gesellschaft charakteristisch sind: Die Verfestigung sozialer Ungleichheit, eine wachsende gesellschaftliche Polarisierung und eine immer größere Hoffnungslosigkeit am unteren Ende der sozialen Leiter.

Ein Vergleich der offiziellen Arbeitslosenstatistik mit der Entwicklung bei den Langzeitarbeitslosen und den Hartz-IV-Kindern zeigt nämlich: Die Zahl der Arbeitssuchenden insgesamt ging zwischen 2006 und 2011 um 34 Prozent zurück, bei den erwerbsfähigen Hartz-IV-Beziehern waren es aber nur knapp 16 Prozent. Der seit 2008 anhaltende Aufschwung auf dem deutschen Arbeitsmarkt ist also an mehr als der Hälfte aller Hartz-IV-Bezieher spurlos vorübergegangen. Da die Kinder aus diesen Haushalten nur dann eine wirkliche Chance erhalten, wenn die Eltern wieder Arbeit finden, sehen ihre Zukunftschancen heute düsterer aus als vor fünf Jahren.

Aber auch in den Haushalten, in denen es den Eltern gelungen ist, Arbeit zu finden, sieht es häufig nicht besser aus. Nach Angaben des DGB gab es im Jahr 2011 45 Prozent mehr „arbeitende Arme“ als 2006. Das heißt: Auch ein Arbeitsplatz (fast immer im Niedriglohnsektor) hilft den Betroffenen nicht, der Armut zu entkommen.

Noch ernüchternder sind die regionalen Details der Bertelsmann-Studie, die sich ausschließlich mit armen Kindern unter drei Jahren beschäftigt. Sie belegen zum Beispiel, dass ihre Zahl in Berlin nicht abgenommen, sondern um 1,2 Prozent zugenommen hat, und dass sich eine immer größere Ballung armer Familien in einzelnen Stadtvierteln beobachten lässt. Diese demografische Polarisierung führt dazu, dass Kinder armer Familien “unter sich“ bleiben und immer häufiger in Schulen gehen, in denen sie wieder auf andere arme Kinder treffen. Da die Armut oft auch mit sozialen und kulturellen Defiziten einhergeht, entwickelt sich hier ein Kreislauf, aus dem es kaum ein Entrinnen gibt.

Die Arbeitsministerin kommentierte die Ergebnisse der BA-Statistik mit dem Satz: „(Es)… ist eine größere Unabhängigkeit von staatlichen Leistungen entstanden.“ Dass von der Leyen gerade diesen Trend lobend erwähnt, ist kein Zufall: Erklärtes Ziel gegenwärtiger und künftiger Regierungspolitik ist es, die staatlichen Leistungen im Sozialbereich noch weiter einzuschränken. Dabei wird vor allem auf „Eigenleistung“ und Privatisierung gesetzt, auch in den Bereichen Bildung und Kindererziehung. So gibt es in Berlins wohlhabenderen Stadtteilen inzwischen Dutzende privater Kindergärten und Schulen. In diesen oft mehrsprachigen Einrichtungen werden Kinder und Jugendliche aus besser gestellten Familien in jeder erdenklichen Hinsicht gefördert, und der Abstand zwischen ihnen und ihren armen Altersgenossen vergrößert sich weiter. Die musische und sprachliche „Frühförderung von Kleinkindern“ blüht und hat sich inzwischen zu einem lukrativen Geschäftszweig entwickelt.

Dass sich gerade in Berlin der soziale Graben zwischen Kindern aus armen und bessergestellten Familien vertieft hat, stellt aber nicht nur der Bundesregierung, sondern vor allem dem rot-roten Senat aus SPD und Linkspartei, der die Stadt von 2001 bis 2011 regierte, ein Armutszeugnis aus. Kein Wunder, wenn die Linkspartei bei ihrer vollmundigen Kritik an den Studien von BA und Bertelsmann-Stiftung auf ihrer Internetseite mit keinem Wort erwähnt, dass sie selbst zehn Jahre lang den Sozialsenator gestellt, aber nichts zur Verbesserung der Lage armer Kinder in Berlin beigetragen hat.

Noch größere Dimensionen nimmt das Problem an, wenn man einen Blick in die Zukunft wirft. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis es wegen der weltweiten Wirtschafts- und Finanzkrise zu erheblichen Beschäftigungsproblemen für das vom Export abhängige Deutschland kommt. Der unvermeidliche Anstieg der Arbeitslosigkeit wird aber nicht alle Arbeitnehmer gleichermaßen, sondern zuerst und vor allem weniger qualifizierte Arbeitnehmer am unteren Rand der Lohnskala und damit die Eltern armer Kinder betreffen. Das heißt, dass viele Kinder, die vorübergehend aus der Statistik herausgefallen sind, wieder in die Armut zurückgeworfen werden.

Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos beschworen Wissenschaftler angesichts der Gefahren durch die Weltwirtschaftskrise die Vision von einer Welt der „Dystopie“ (Gegenteil von ‚Utopie‘, zu Deutsch: das Zerplatzen aller Hoffnungen) herauf. Allen noch so beschönigenden Worten und Statistiken zum Trotz ist diese Vision für arme Kinder im kapitalistischen Deutschland des Jahres 2012 bereits bittere Realität.

http://www.wsws.org/de/2012/feb2012/kind-f04.shtml

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