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Wird China die neue Weltmacht? Wirtschaftlich ist es stark, aber nach wie vor dominiert weltweit und auch in China die euroamerikanische Konsumkultur – Heute ist unsere Leben weltweit vernetzt, unsere Produkte etwa oder zumindest deren Rohstoffe kommen aus aller Welt, deshalb ist es zum Verständnis der eigenen Lage wichtig, alles im globalen Rahmen zu verstehen und sich mit der Globalisierung zu beschäftigen, die es schon lange vor dem Internet gab!

Januar 29, 2012

JÜRGEN OSTERHAMMEL„Globalisierung gab es lange vor dem Internet“

In jeder Ausgabe spricht ZEIT CAMPUS mit einer Koryphäe ihres Fachs. Diesmal mit dem Historiker Jürgen Osterhammel über Weltgeschichte


ZEIT CAMPUS: 
Herr Osterhammel, Sie erforschen Weltgeschichte an der Universität Konstanz. Warum sollten wir uns in der Geschichte anderer Länder eigentlich auskennen?

Jürgen Osterhammel: Ich denke, das gehört zur heutigen Lebenswirklichkeit. Wir sind vernetzt, bekommen Nachrichten aus aller Welt mit – da ist es doch nur natürlich, dass wir auch an Weltgeschichte interessiert sind, nicht nur an Bismarck und Adenauer.

JÜRGEN OSTERHAMMEL

Jürgen Osterhammel

ist Geschichtsprofessor an der Universität Konstanz. 2010 erhielt er den Leibniz-Preis, unter anderem für sein Buch »Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts«

ZEIT CAMPUS: Trotzdem wurde an den Unis bislang vor allem Nationalgeschichte erforscht und gelehrt.

Osterhammel: Ja, weil die Professionalisierung der Geschichtswissenschaft im 19. Jahrhundert mit der Herausbildung der Nationalstaaten zusammenfällt. Da war man im 18. Jahrhundertzur Zeit der Aufklärung schon weiter. Damals hat man sich bereits Gedanken gemacht, wie eine globale Geschichte der Menschheit aussehen könnte. Unnormal ist nicht die neue Forschung, sondern die vorherige Einengung des Blickwinkels.

ZEIT CAMPUS: Die ändert sich jetzt?

Osterhammel: Ja, auch weil in den letzten 30 Jahren die historische Forschung zu Asien, Afrika und Lateinamerika aufgeblüht ist – und zwar sowohl in den Ländern selbst als auch im Westen. Das macht eine kritische Gegenüberstellung möglich.

ZEIT CAMPUS: Wie gehen Sie dabei vor?

Osterhammel: Als Historiker wähle ich erst aus, dann vergleiche ich. Nehmen wir zum Beispiel Revolutionsbewegungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts: Da ist die deutsche Revolution 1848, zwei Jahre später beginnt die Taiping-Revolution in China, und Indien erhebt sich 1857 im Großen Aufstand gegen die britischen Kolonialherren. Hier gilt es, zunächst Gemeinsamkeiten und Unterschiede zu finden und dann zu überprüfen, ob gegenseitige Beeinflussungen vorliegen.

ZEIT CAMPUS: Sie vertreten die These, dass es Globalisierung schon lange vor dem 21. Jahrhundert gab. Warum?

Osterhammel: Es wird oft davon ausgegangen, dass sie eng mit dem Internet verbunden ist. Damit man von Globalisierung sprechen kann, muss aber lediglich ein regelmäßig stattfindender Austausch über große Distanzen existieren. Es muss Kommunikationsmöglichkeiten geben, die Raum und Zeit aufheben. Die hatte man auch schon vor dem Internet.

ZEIT CAMPUS: Seit wann ist die Welt vernetzt?

Osterhammel: Technisch gesehen, war die Ausbreitung der Telegrafie ein großer Schritt. 1866 gab es ein funktionierendes Transatlantikkabel. Um 1880 war Europa mit der ganzen Welt vernetzt. Da gab es plötzlich Nachrichten in gefühlter Echtzeit.

JÜRGEN OSTERHAMMEL„Globalisierung gab es lange vor dem Internet“
Seite 2/3: 

„Eine wirtschaftliche Vormachtstellung ist nicht alles“

ZEIT CAMPUS: Der Beginn der Globalisierung.

Osterhammel: So würde ich das nicht sagen. Einen genauen Startpunkt gibt es nicht.

ZEIT CAMPUS: Nennen Sie uns einen ungefähren!

Osterhammel: Einen ersten regelmäßig stattfindenden Austausch gab es schon um 1500. Damals begannen Spanien und Portugal, Silber aus Südamerika nach Europa zu bringen. Dort prägten sie Münzen, die über Händler bis nach Asien gelangten. Allerdings haben viele Zeitgenossen von alldem nichts geahnt. Ein spanischer Edelmann, der eine Silbermünze in der Hand hielt, wusste nicht, wo diese schon überall war, und erst recht nicht, wo sie noch überall hingelangen sollte. Mit der Einführung der Telegrafie war das anders. Durch sie wurde den Menschen ihre Vernetzung bewusst.

ZEIT CAMPUS: Welche weiteren Bereiche sind entscheidend für die Globalisierung?

Osterhammel: Natürlich der Verkehr. Erst breitete sich die Schifffahrt aus, dann das Fliegen. Zwar nicht wirklich greifbar, aber wirksam ist die Globalisierung auch auf den Finanzmärkten. Außerdem haben Produkte, die wir in der Hand halten, oft – zumindest was die Rohstoffe und Einzelteile angeht – ihren Ursprung in ganz vielen verschiedenen Ländern. Über »made in China« wundert sich heute niemand mehr.

ZEIT CAMPUS: Im Gegenteil: Manche sehen bereits das chinesische Jahrhundert heraufdämmern.

Osterhammel: Ich halte das, ehrlich gesagt, für ziemlich spekulativ. Natürlich scheint der Versuch, die Jahrhunderte geografisch zu kategorisieren, berechtigt: Nachdem das 19. als das Jahrhundert Europas bezeichnet werden kann und sich dann die wirtschaftlichen und politischen Gewichte im 20. Jahrhundert zugunsten der USA verschoben haben, folgert der Schlaumeier in seiner Alltagslogik zwangsläufig, dass jetzt die Zeit von China kommen muss. Solche Prozesse sind aber nicht trendgesteuert, sondern können sich auch unvorhersehbar und plötzlich ändern.

ZEIT CAMPUS: Wodurch kann das passieren?

Osterhammel: Nehmen wir das Jahr 1913. Die meisten Europäer waren sich damals sicher, dass es weiter steil bergauf geht. Dann kam der Erste Weltkrieg – und plötzlich war das alte Europa zerstört. Den Konflikt hatte kaum einer vorhergesehen, schon gar nicht in der Dimension.

ZEIT CAMPUS: Aber China ist in den vergangenen Jahren wirtschaftlich tatsächlich enorm wichtig geworden.

Osterhammel: Sicher. Wenn man nur die Wirtschaftsdaten anschaut, ist die Verschiebung offensichtlich. Doch eine wirtschaftliche Vormachtstellung ist nicht alles. Europa und Amerika waren im 19. beziehungsweise 20. Jahrhundert in mehrerlei Hinsicht stark. Im 19. Jahrhundert gab es globale Strukturen, die in Europa aufgebaut und von dort aus gesteuert wurden: das britische Weltreich, die Handelshegemonie, die Kolonialisierung. Im 20. Jahrhundert existierten ähnliche Strukturen, die primär von den USA gelenkt wurden.

ZEIT CAMPUS: Chinas Aufstieg ist im Gegensatz dazu auf bestimmte Felder beschränkt?

Osterhammel: Genau. Die amerikanische Massenkultur hat weiterhin Einfluss auf die ganze Welt. Ganz frech könnte man formulieren, dass es das ist, was von Europa und Amerika bleibt: zwar keine politische Vorherrschaft mehr, aber eine euroamerikanische Konsumkultur. Fast jeder auf der Welt kennt Madonna. Und fast überall können Sie Coca-Cola kaufen und zu McDonald’s gehen. China hat im Moment die wirtschaftliche hard power, diesoft power aber bleibt weiterhin wie bisher von den USA dominiert.

ZEIT CAMPUS: Andererseits essen wir schon jetzt chinesisch. Vielleicht hören wir in ein paar Jahrzehnten ständig chinesische Hits und bewundern chinesische Filmstars.

Osterhammel: Ausschließen kann ich das nicht. Ich bin ja kein Orakel. Aber im Moment sehe ich keine Anzeichen dafür, dass China die soft powerübernimmt, auch wenn das Land mit den Konfuzius-Instituten, die unserenGoethe-Instituten ähneln, zaghaft beginnt, ein eigenes kulturelles Angebot zu machen. Doch auch in China ist die amerikanische Massenkultur prägend. Die Jugend dort ist zwar, politisch gesehen, sehr patriotisch und steht den USA oft kritisch gegenüber. Gleichzeitig bewundern die jungen Chinesen aber Amerika, sie möchten dahin und an den Universitäten dort studieren.

ZEIT CAMPUS: Was ist mit der Verhaftung des Künstlers Ai Weiwei? Ist das nicht ein Zeichen dafür, dass China auch in der Kultur seine Spielregeln durchsetzen will?

Osterhammel: Das sehe ich mehr als bewusste Provokation der Weltöffentlichkeit. Eine Trotzreaktion. China ist ein Polizeistaat und ein Land mit enormen Widersprüchen. Ai Weiwei wird verhaftet, gleichzeitig gibt es eine avantgardistische Kunstszene. Das war noch im 20. Jahrhundert anders. Bei Mao wurde das Moderne unterdrückt. Im heutigen China dagegen gibt es moderne Kunst, solange die Regierung sie für unpolitisch hält. Das ist eine Weiterentwicklung.

ZEIT CAMPUS: Was muss man von Chinas Geschichte wissen, um das Land besser zu verstehen?

Osterhammel: Wir müssen danach fragen, wie die Chinesen – beeinflusst durch Schule und Massenmedien – überhaupt ihre Geschichte sehen. Sie sind sehr stolz auf das 18. Jahrhundert. Damals gab es eine letzte Blütezeit des kaiserlichen Chinas, als Indien übrigens schon Kolonie war. An diese glanzvollen Zeiten wird jetzt wieder angeknüpft.

 

ZEIT CAMPUS: Zwischen damals und heute liegt jedoch eine Phase, in der es wirtschaftlich stark bergab ging.

Osterhammel: Ja, im 19. Jahrhundert hat China unter dem westlichen Imperialismus gelitten. Hinzu kam der Opiumkrieg. Aus heutiger chinesischer Sicht war das eine Zeit der Schmach und der Schwäche. Es ging weiter mit der chinesischen Revolution, und 1949 kam Mao. Auch darüber wird in China wenig gesprochen. Etwa seit 1980 steigt China in vielen Gebieten wieder auf. Die heutigen Chinesen empfinden die Geschichte quasi als U-förmige Bewegung.

ZEIT CAMPUS: Wie gehen sie mit der Talsohle um?

Osterhammel: Das ist der entscheidende Punkt: Diese 150 Jahre werden als untypisches Intermezzo wahrgenommen. Das versteht man eben erst, wenn man die Geschichte kennt: Was wir als Aufstieg quasi aus dem Nichts in den letzten zwei, drei Jahrzehnten sehen, ist für die Chinesen einfach die Rückkehr zum Normalzustand.

  http://www.zeit.de/campus/2011/05/sprechstunde-osterhammel

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