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Die Verantwortungslosigkeit unserer Eliten: 67 Jahre nachdem das erste Kernkraftwerk ans Netz ging, ist immer noch kein Endlager für Atommüll gefunden – Österreichs Giftmüll kommt nach Deutschland!

Januar 28, 2012

Wo in Europa Atommüll gelagert wird.

 

Foto: dpa-Zentralbild/Jens Wolf

Fässer für Atommüll im Lager Morsleben, Deutschland

67 Jahre nachdem das erste Kernkraftwerk ans Netz ging, ist immer noch kein Endlager für Atommüll gefunden – Dabei braucht etwa Deutschland nach dem Ausstieg aus der Kernkraft dringender denn je eine Lösung

Die französischen Schriftsteller François Bastide und Paolo Fabbri hatten in den 80er-Jahren eine interessante Idee, wie die Menschen noch in 100.000 Jahren gewarnt werden könnten, dass Atommüll gefährlich ist: Sie schlugen vor, eine „Nuklearkatze“ zu züchten, deren Fell sich verfärbt, wenn das Tier erhöhter Strahlung ausgesetzt ist. Der Wissenschafter Thomas Sebeok schlug vor, eine „atomare Priesterkaste“ zu gründen, die das Wissen von Generation zu Generation weitergibt. Gelöst ist das Problem bis heute nicht.

Durch den geplanten stufenweisen Atomausstieg bis 2022 ist etwa Deutschlands Bedarf an einem sicheren Endlager sogar noch größer geworden: Acht AKWs sollen in den kommenden Jahren abgebaut werden, ein kleiner Teil des Schutts ist schwer verstrahlt. Dazu kommen alte Brennstäbe, die teilweise seit Jahrzehnten in oberirdischen Zwischenlagern auf ein Endlager warten – das nicht und nicht gefunden wird.

Dabei drängt die Zeit: Die EU hat jene 14 Mitgliedstaaten, die Atomkraftwerke betreiben, 2011 verpflichtet, bis 2015 Konzepte für Endlager vorzulegen – an deren Machbarkeit Umweltschützer jedoch zweifeln.

Das Weltall ist keine Option

„Mit den heutigen technischen Möglichkeiten ist eine sachgerechte Endlagerung von Atommüll nicht möglich“, sagt Niklas Schinnerl, Atomexperte von Greenpeace. Sein Hauptargument: Da Atommüll auch Plutonium mit einer Halbwertszeit von bis zu 24.000 Jahren enthalte, müssten die Abfälle „für eine Zeitspanne von 100.000 Jahren sicher verwahrt werden“ (siehe Infobox). Wissen über Strahlungsgefahren so lange weiterzugeben sei unmöglich, meint er.

Endgültige Lösungen wie ins Weltall schießen sind nicht möglich, weil zu teuer – und weil die Gefahr einer Explosion der Rakete zu groß ist. Die Abfälle unterhalb des Meeresbodens oder im Eis der Arktis zu versenken wurden verworfen.

Erste Langzeitdeponie in Finnland

Am weitesten ist man in Europa in Sachen Endlagersuche inzwischen in Finnland: Dort soll neben dem AKW in Olkiluoto bis 2020 die weltweit erste Langzeitdeponie entstehen. In Deutschland lässt Umweltminister Norbert Röttgen (CDU) nun bundesweit nach einer Alternative zum unter Kernkraftgegnern unbeliebten Endlager Gorleben suchen. Die Stätte unter Tage wurde ab 1977 beforscht, 1,5 Milliarden Euro haben die Untersuchungen laut Bundesumweltamt gekostet.

Das Versenken in tiefen Schächten, hunderte Meter unter der Grundwassergrenze gilt bisher als einzig sinnvolle Lagerung. Geeignet sind vor allem Salzstöcke oder Granitschichten: Erstere, weil ihre bloße Existenz beweist, dass seit Millionen Jahren kein Wasser eingebrochen ist – sonst gäbe es sie nicht. Letztere, weil sie sehr hart und beständig sind. Doch beide haben ihre Tücken.

Streit um Zerfallswärme

Atommüll erzeugt Zerfallswärme, manche Kernkraftgegner fürchten daher, dass die Hitze das Salz beeinflussen und die Stabilität gefährden könnte. Die Auswirkungen von Wärme auf Salz werden untersucht, gelten aber bisher nicht als automatisch gefährdend. Im Gegenteil könnte der Effekt auch genutzt werden: Das Salz könnte den Müll besser umschließen, wenn es sich durch die höheren Temperaturen schneller verändert. Sein Schmelzpunkt liegt bei 801 Grad – eingelagerte Brennelemente hätten etwa 100.

Granit wiederum ist so hart, dass es extrem teuer ist, in ihn Lager zu graben. Zudem kann bei ihm ein Wassereinbruch nicht so sicher ausgeschlossen werden wie im Salz. Die Langzeitdeponie in Olkiluoto entsteht derzeit in Granit. Auch das österreichische Endlager wäre im Waldviertel gelegen, wenn Zwentendorf in Betrieb gegangen wäre.

Natürlicher Reaktor in Gabun

Aufgrund der langen Lagerzeit können Wissenschafter die möglichen Gefahren des Mülls nur bedingt im Labor simulieren und untersuchen – dafür aber in Oklo in der zentralafrikanischen Republik Gabun. Vor 1,7 Milliarden Jahren brannte dort ein natürlicher Reaktor und erzeugte neben anderen Stoffen rund vier Tonnen Plutonium, das damals größte natürliche Vorkommen der Welt.

Forscher haben studiert, wie sich dieses Plutonium in den vergangenen Jahrmillionen verhalten hat. Das Ergebnis: Die Stoffe haben sich nur rund drei Meter bewegt und sind nicht ins Grundwasser gesickert. Sie wurden von den umliegenden Sedimenten absorbiert und eingeschlossen. (Tobias Müller & Irene Brickner, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.1.2012)

Ein Kernkraftwerk produziert etwa 27 Tonnen Abfälle pro Jahr, vom Volumen her entspricht eine Tonne ungefähr einer vollen Scheibtruhe.

Gebrauchte Brennstäbe aus Kernkraftwerken enthalten Spalt- und Aktivierungsprodukte. Spaltprodukte entstehen durch die Kernspaltung, das wichtigste ist Cäsium-137. Aktivierungsprodukte entstehen, wenn Uran-238, ein Teil des Brennstoffs, ein Neutron einfängt, ohne gespalten zu werden. Ihr bekanntester Vertreter ist das Plutonium-239.

Die meisten Spaltprodukte zerfallen schneller und strahlen daher deutlich stärker als Aktivierungsprodukte. Nach etwa 1000 Jahren geht von Spaltprodukten keine Gefahr mehr aus. Die Aktivierungsprodukte sind deutlich langlebiger und strahlen deutlich schwächer. Viele sind aber Alphastrahler: Man kann sie zwar gefahrlos angreifen, im menschlichen Körper sind sie aber extrem schädlich.

Gebrauchte Brennelemente können entweder sofort eingelagert oder wiederaufbereitet werden. Bei der Wiederaufbereitung werden die Aktivierungsprodukte durch chemische Prozesse von den Spaltprodukten getrennt. Ein kleiner Teil der Aktivierungsprodukte wird danach erneut zu Brennstoff verarbeitet – zu sogenannten MOX-Brennelementen. Zudem existieren Ansätze, aus dem Atommmüll seltene Edelmetalle zu extrahieren.

Zwar gibt es theoretisch die Möglichkeit, auch die Aktivierungsprodukte schneller unschädlich zu machen – die sogenannte Transmutation, bei der die Stoffe mit schnellen Neutronen beschossen werden -, allerdings ist die Technik noch nicht ganz ausgereift und sehr zeitaufwändig: Würde man heute beginnen, den bisher angefallenen Atommüll zu zerstrahlen, würde es mehrere Jahrzehnte dauern, alles abzuarbeiten. (tob)

NUKLEAREXPORT

Österreichs Giftmüll kommt nach Deutschland

2010 wurden 5360 Tonnen exportiert – radioaktive Abfälle landen in Niederösterreich

Österreich hat zwar kein Kernkraftwerk, produziert aber trotzdem radioaktiven Müll. Dieser wird derzeit in der niederösterreichischen Gemeinde Seibersdorf gelagert.

Der Großteil der Abfälle stammt aus der medizinischen Forschung oder von Röntgengeräten und strahlt deutlich schwächer als etwa alte Brennelemente aus AKWs. Die benutzten Stäbe aus dem Forschungsreaktor am Wiener Atominstitut werden an die Erzeugerfirma zurückgegeben.

Etwa 500 Tonnen lagern derzeit in Seibersdorf. Solange es weltweit kein atomares Endlager gibt, werden sie auch dort bleiben. Erst 2011 hat die Regierung die Laufzeit des Zwischenlagers auf unbestimmte Zeit verlängert.

Kein Giftmüll erlaubt

Andere Abfälle, die vom Lebensministerium als „gefährlich“ oder „nicht deponiefähig“ klassifiziert werden, dürfen in Österreich nicht endgelagert werden. Zudem gibt es im ganzen Land kein einziges Tiefenlager, in dem Stoffe dauerhaft von der „Biosphäre ausgeschlossen“ werden könnten. Weil aber trotzdem auch in Österreich gefährlicher Müll anfällt, wird er exportiert.

2009 wurden 214.499 Tonnen Giftmüll außer Landes gebracht, der Großteil davon allerdings zur Weiterverwendung oder Wiederaufbereitung. Nur ein kleiner Rest (2010: 5360 Tonnen) muss auf nicht absehbare Zeit endgelagert werden. Dafür wird er nach Deutschland gebracht.

Bis zu 300 Euro pro Tonne

Dort wird er in Salzstöcken eingelagert, etwa in den Anlagen Herfa-Neurode oder Heilbronn. Pro Tonne zahlt Österreich zwischen 250 und 300 Euro.

Beim Großteil davon handelt es sich um sogenannte „Rauchgas-Reinigungs-Rückstände“, also das, was übrigbleibt, wenn man das Rauch-Filterwasser von Müllverbrennungsanlagen reinigt. In diesem Wasser sammeln sich nach der Verbrennung von normalem Haushaltsmüll vor allem Schwermetalle wie etwa Quecksilber.

Müll, egal welcher Art, darf in Österreich höchstens ein Jahr gelagert werden, bevor er beseitigt, also verbrannt oder chemisch behandelt wird. Die Schlacke, die bei der Müllverbrennung entsteht, wird auf mehreren Deponien gelagert. Die größte davon ist die Deponie Rautenweg in Wien-Donaustadt. (tob, DER STANDARD, Printausgabe, 28./29.1.2012)

 

http://derstandard.at/1326503972246/Atommuell-Die-endlose-Suche-nach-dem-ewigen-Lager

From → Atomkraft

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