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Die unterverantwortlichsten Firmen 2011: Titel geht an die Barkleys-Bank wegen Nahrungsmittelspekulation, den Minenkonzern Vale wegen eines Staudammprojekts im Amanzonas-Regenwald und Tepco wegen des Umgangs mit der Atomkatastrophe – Letzjähriger Titelträger, ein chinesischer Zulieferer von Apple, hat inzwischen die katastrophalen Arbeitsbedingungen eingestanden und Besserung gelobt – Schweizer NGOS verlangen von schweizer Unternehmen, die in anderen Ländern arbeiten, verbindliche, einklagbare Verhaltensregeln

Januar 28, 2012

Barclays Bank: „Spekulation auf Kosten der Armen“

Von Stefania Summermatter, swissinfo.ch

Die Bank Barclays und der Minenkonzern Vale erhalten den Public Eye Award 2012. Der „Schand-Oscar“ sei seit 8 Jahren „ein Instrument, um Druck auf Multinationale und Regierungen auszuüben“, sagt François Meienberg von der Erklärung von Bern.

„Um unsere Umwelt und die Gesellschaft zu schützen, müssen zwei Grundbedingungen eingehalten werden“, sagte der Ehrengast an der diesjährigen Preisvergabe der Public Eye Awards, Wirtschaftsnobelpreisträger Joseph E. Stiglitz.

„Einerseits braucht es neue staatliche Regeln, um Missbräuche zu verhindern, andererseits ein grösseres Engagement von Privatpersonen und Unternehmen, um eine echte soziale Verantwortung zu garantieren und die Kluft zwischen Arm und Reich zu verkleinern.“

Dieser „Schmähpreis“ sei sehr wichtig, weil er es erlaube, „einige der unverantwortlichsten Firmen des Jahres 2011“ zu identifizieren. „Die Tätigkeiten dieser Unternehmen haben einen Einfluss auf unseren Alltag, und die Liste der Kandidaten für den Preis könnte noch viel länger sein“, sagte Stiglitz.

„Natürlich gibt es auch Firmen, die mit gutem Beispiel vorangehen, doch auch solche, die sich auf dem falschen Weg befinden. So haben sich beispielsweise im Finanzsektor einige Firmen in leichtsinnige Kredite gestürzt und sind übermässige Risiken eingegangen. Und schliesslich haben einige Banken Staatshilfen ohne Bedingungen erhalten und damit das Vertrauen jener gebrochen, die an einen Wandel geglaubt hatten.“

Es war dann auch eine Bank, die den diesjährigen Jurypreis des Public Eye Awards von Greenpeace und der Erklärung von Bern erhalten hat. Die Jury wählte den britischen Bankkonzern Barclays Capital aus, weil er sich „auf den Schultern der Armen bereichert“ habe.

„Barclays hat mit Lebensmittelprodukten auf den Finanzmärkten spekuliert und damit drastische Schwankungen bei den Preisen von Grundnahrungsmitteln wie Mais, Soja oder Weizen provoziert“, sagte Amy Horton vom World Development Movement, jener Nichtregierungs-Organisation (NGO), welche die Kandidatur von Barclays präsentiert hatte.

Publikumspreis an Vale

Neben der Jury hatten auch die Internet-User etwas zu sagen. Erstmals gab es beim Publikumspreis ein Kopf-an-Kopf-Rennen, nämlich zwischen der japanischen Tepco – der Fahrlässigkeit im Umgang mit der Atomreaktor-Katastrophe in Fukushima beschuldigt – und der brasilianischen Vale, die sich an einem kontroversen Staudammprojekt im Amazonasgebiet beteiligt.

Insgesamt haben 88’000 Personen teilgenommen. Schliesslich siegte Vale mit knapp über 25’000 Stimmen vor Tepco mit 24’245 Stimmen. „Für den Belo Monte Staudamm sollen 40’000 Menschen zwangsumgesiedelt werden, und die Umleitung von Flüssen wird schwerwiegende Folgen für das umliegende Ökosystem haben“, sagte Kumi Naidoo, Direktor von Greenpeace International.

Die beiden Konzerne haben jegliche Kritik zurückgewiesen (siehe Kästchen) und weigerten sich, an der Preisübergabe in Davos teilzunehmen. Bisher hat noch kein einziger Preisträger den Schandpreis abgeholt.

Mehr Druck auf Unternehmen

Seit acht Jahren gibt der Public Eye Award den Opfern von Menschenrechtsverletzungen und Umweltkatastrophen, die von Grosskonzernen verursacht worden waren, eine Stimme. Und er tut es in Davos, an jenem Ort, wo sich die Wirtschaftsführer der Welt jeden Januar am World Economic Forum (WEF) treffen. „Diese Initiative ermöglicht es den lokalen NGO, grösstmögliche Sichtbarkeit und Legitimität zu erreichen“, sagt François Meienberg von der Erklärung von Bern (EvB) gegenüber swissinfo.ch.

„Der Public Eye Award erlaubt es den lokalen Organisationen, ihr Netzwerk an Helfern zu vergrössern und somit die Auswirkungen ihrer Aktionen zu verstärken.“ Eine Beobachtung, die auch Amy Horton teilt: „Dank dem Award können wir den Druck auf Barclays und die britische Regierung erhöhen, um klarere Regeln für die Finanzbranche zu schaffen.“

Im letzten Jahr fand sich unter den für den Public Eye Award ausgewählten Unternehmen auch die chinesische Zulieferfirma Foxconn, die für Giganten wie Apple Bestandteile herstellt. Die Firma galt als „Selbstmord-Fabrik“, weil sich in China zahlreiche Angestellte das Leben genommen hatten.

„Anfang Januar hat Foxconn zugegeben, dass die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden verbessert werden müssen“, sagt François Meienberg. „Es wäre vermessen, zu sagen, dass dieser Schritt auf der Nomination für den Public Eye Award basiert, doch ganz sicher hat das internationale Echo das Unternehmen unter Druck gesetzt.“

Schärfere Regeln gefordert

Ohne eine rechtliche Grundlage aber bleiben die Awards in Ländern, in denen der Zugang zur Justiz nicht selbstverständlich ist, ohne grosse Wirkung. Aus diesem Grund haben etwa 50 Schweizer NGO die Kampagne „Recht ohne Grenzen“ lanciert. Sie fordert von der Schweizer Regierung, verbindliche Regeln für in der Schweiz ansässige multinationale Konzerne einzuführen, damit diese Menschenrechte und Umweltstandards einhalten und sicherstellen, dass ihre Tochtergesellschaften, Joint Ventures und Zulieferer dies ebenfalls tun.

„Die soziale Verantwortung von Unternehmen bleibt ein freiwilliges Prinzip, doch die Verstösse in ärmeren Ländern zeigen, dass die Selbstregulierung nicht genügt“, sagt Michel Egger, Sprecher der Kampagne und Vertreter von Alliance Sud, der gemeinsamen entwicklungspolitischen Lobbyorganisation der sechs grossen Schweizer Hilfswerke.

„Wir müssen die Trennung von Mutter- und Tochterunternehmen abschaffen, so dass die Firmen mit Schweizer Sitz rechtlich verantwortlich sind für Aktionen, die ihre Filialen im Ausland durchführen.“ Indem sie ganz einfach an die Türe der Muttergesellschaft klopfen könnten, würde den Opfern ein besserer Zugang zu ihrem Recht gewährt, so Egger weiter.

Gegenwärtig ist die Trennung zwischen Mutter- und Tochterfirma aber in praktisch allen Ländern übliche Praxis, gibt Egger zu. „Wir sind überzeugt davon, dass die Schweizer Behörden – zusammen mit den multinationalen Konzernen – eine Pionierrolle in diesem Bereich übernehmen sollten. Einerseits schadet jeder Skandal, der auch eine Schweizer Firma betrifft, unserer nationalen Wirtschaft, andererseits ist die Verteidigung der Menschenrechte einer der Pfeiler der schweizerischen Aussenpolitik.“

Stefania Summermatter, swissinfo.ch
Davos
(Übertragen aus dem Italienischen: Christian Raaflaub)

http://www.swissinfo.ch/ger/specials/world_economic_forum/Barclays_Bank:_Spekulation_auf_Kosten_der_Armen.html?cid=32018640&rss=true

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