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Was wollen die jungen ägyptischen Revolutionäre: Wir wollen aus Ägypten eine echte Demokratie, einen modernen Staat machen. Das kann unmöglich mit dem Militärrat an der Spitze geschehen.

Januar 26, 2012

Ägyptens Revolutionäre wollen einen modernen Staat
Warum junge Menschen weiter demonstrieren – Stimmen aus Kairo


Abderrahman und sein Freund halten ihr selbstbeschriftetes Plakat. (Bild: Kristina Bergmann)
Am Jahrestag der ägyptischen Revolution am 25. Januar marschierten viele Menschen bei Sternmärschen mit. Die meisten waren bereits im vergangenen Januar dabei.

«Ich bin 35 Jahre alt. Die Aufkleber für die Revolution, auf denen steht, dass der Militärrat weg muss, und dass ich deshalb mitmarschiere, habe ich mir gerade vorher aufgeklebt. Wie man sieht, werden sie hier auf dem Mustafa-Mahmud-Platz (in Kairo westlich des Nils war einer der Orte der Besammlungen der Sternmärsche zum Tahrir-Platz am Jahrestag der ägyptischen Revolution) vor dem Abmarsch verteilt. Ich finde, sie sehen gut aus und erinnern an unsere Schlacht.

Bei der sind im vergangenen Jahr viele Menschen – weit über 850 – umgekommen, und daran möchte ich erinnern. Deshalb habe ich mir schon daheim ihre Bilder auf den Bauch geklebt. Für meinen Geschmack MUSS der Märtyrer gedacht werden. Das ist für mich der eigentliche Sinn dieser Gedenkfeier! Weiter finde ich, wie die meisten anderen hier, dass die Revolution nicht beendet ist. Wir laufen also auch, um aus Ägypten eine echte Demokratie, einen modernen Staat zu machen. Das kann unmöglich mit dem Militärrat an der Spitze geschehen.

Übrigens war ich kürzlich – ebenfalls wie viele andere Revolutionäre – bei den Parlamentswahlen. Ich wollte unbedingt dorthin. Nicht nur, weil faire, freie Wahlen ein Zeichen für Demokratie sind, sondern auch, um den Islamisten ein Gegengewicht zu bieten. Also wählte ich Liberale – leider erfolglos. Die Muslimbrüder haben am meisten Stimmen bekommen, auch Salafisten wurden erstaunlich oft gewählt. Mich hat das nicht gewundert, denn viele Ägypter finden Islamismus gut.

Nach der Revolution war keiner von uns gegen den Militärrat. Erst als er kurz nach seiner Machtübernahme Militärprozesse durchführte, kam Stimmung gegen ihn auf. Heute findet sich – zumindest unter uns Revolutionären – keiner, der am Militärrat auch nur ein gutes Haar lässt.

Jeder Platz, von dem unsere Märsche losziehen, ist übrigens einem Märtyrer gewidmet. Der Mustafa-Mahmud-Platz gehört nun Scheich Eimad Effat. Das war ein Azhar-Geistlicher, der allen Demonstrationen lächelte, bis er umkam. Er ist auf meinem Bauch, andere tragen Masken mit seinem Gesicht!»

Abderrahman Medhat, 15 Jahre, Schüler:

«Ich bin einer der Jüngsten hier und bestimmt der kleinste Ägypter, der bei dieser Revolution verurteilt wurde. Dabei bekam ich ein Jahr Gefängnis – keine Ahnung wofür – aber immerhin auf Bewährung. Es droht mir also Gefahr, falls ich heute wieder festgenommen werde. Doch ist ja nun das Notstandsgesetz aufgehoben, und so werde ich den Marsch, wohlbehalten überstehen.

Abderahman Medhat. Ein sehr junger Revolutionär, Verurteilter und Schüler. (Bild: Kristina Bergmann)

Wenn ich als Schüler Zeit hatte, bin ich während der Revolution zu den Demonstrationen gegangen. Heute ist ein Feiertag (auch in Ägyptens Schulen) und ich MUSS mitmarschieren. Ich wohne in der Nähe. Mein Freund und ich malen ein Plakat, auf dem steht, dass wir weitermachen wollen: <Thauwar, ahrar, hankammel al-mushwar>. Das bedeutet übersetzt: <Ihr Revolutionäre und Freie (reimt sich auf Arabisch), wir vollbringen jetzt unser Projekt!> Wir beide (dabei umarmt er seinen Freund, K.B.) sind entschlossen, weiter zu revolutionieren. Wir sind nämlich gegen den Militärrat und betrachten die Revolution als nicht vollendet. Allerdings sehe ich schwarz! Die Chance, dass der Militärrat abzieht, ist gering! Mubarak ist ja mehr oder weniger freiwillig gegangen, doch das wird der Militärrat nicht tun! (Tatsächlich hat sein Leiter Tantawi letzthin gesagt, dass nur eine Volksabstimmung ihn absetzen könne! K.B.).

Manche Demonstranten sind hingegen überzeugt, es sei nur eine Frage der Menge, dass der Militärrat verschwinde. Letzthin habe ich aber gelesen, dass die Zahlen der Demonstranten übertrieben seien. Auf dem ganzen grossen Tahrir-Platz hätten überhaupt nur 250’000 Personen Platz! Ich denke trotzdem, dass viele Menschen – auch solche, die weder damals noch heute mitmachen – hinter uns stehen. Doch viele Ägypter wollen nur Frieden, Freude, Eierkuchen und ja keinen Aufruhr. Deshalb machen Konterrevolutionäre auch so leicht Stimmung mit ihrer Drohung vom angeblichen Chaos in Ägypten!»

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/aegypten_revolotionaere_1.14563741.html

From → Ägypten

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