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Vom Freiheitskampf zur Plünderung des Kongo: Gekämpft wurde um den Zugang zu den Rohstoffen wie Diamanten, Kupfer, Zinn, Coltan und Kobalt, von denen im Kongo grosse Vorkommen existieren. Der Absatz war nie ein Problem. Am Krieg im Kongo verdienten internationale Konzerne kräftig mit. Im Osten des Landes flammen noch immer neue Kämpfe auf. Ein funktionierender Staat ist die Demokratische Republik Kongo bis heute nicht. Knapp die Hälfte des weltweit für Elektrolytkondensatoren in Handys, Laptops, Fahrzeugelektronik, Digitalkameras und Pagern verbrauchten Tantals stammt aber weiterhin aus dem Osten Kongos. Der Krieg hat 5,4 Millionen Menschen das Leben gekostet

Januar 25, 2012

Afrikas grosser Krieg

Vom Freiheitskampf zur Plünderung

Von Daniel Stern

1996 begann im Kongo ein Krieg zwischen unterschiedlichen Staaten und Rebellengruppen, über fünf Millionen Menschen kamen ums Leben. Jason Stearns zeichnet die Geschichte dieses Kriegs nach.

Es ist ein Krieg, an dem bis zu neun staatliche Armeen und zwanzig verschiedene Rebellenorganisationen beteiligt waren. In der heutigen Demokratischen Republik Kongo starben seit 1996 über fünf Millionen Menschen als Folge dieser bewaffneten Auseinandersetzung, Hunderttausende Frauen wurden in dieser Zeit vergewaltigt. Doch während über den Genozid in Ruanda, der diesem Krieg vorausging, sehr viel in den Medien berichtet wurde, sind die Ereignisse im Kongo viel weniger präsent.

Der US-amerikanische Journalist und Menschenrechtsaktivist Jason Stearns hat sich mit seinem 2011 auf Englisch erschienenen Buch «Dancing in the Glory of Monsters» zum Ziel gesetzt, die Geschichte dieses Kriegs zu erzählen. Er liefert dabei keine einfache Erklärung, und schon gar nicht macht er einige wenige verantwortlich für das grauenhafte Morden. An einer Stelle schreibt er: «Es ist nicht hilfreich, das Böse zu personalisieren und so zu suggerieren, dass irgendwer in diesem Krieg eine besonders teuflische Rolle spielte. Es ist nützlicher, zu fragen, was für ein politisches System diese Art von Gewalt produziert hat.»

Der hilfsbereite Massenmörder

Stearns’ Buch ist der Versuch, eine differenzierte Antwort auf diese Frage zu geben. Der Autor sprach mit den unterschiedlichsten ZeitzeugInnen: Flüchtlingen, Geschäftsleuten, Politikern und ganz durchschnittlichen KongolesInnen. Ein Dutzend Mal traf er den früheren Militärkommandanten der Bewaffneten Kräfte Ruandas (FAR), Paul Rwarakabije, der eine am Krieg beteiligte Rebellengruppe befehligte. Dabei stiess er auf das, was die Philosophin Hannah Arendt als «Banalität des Bösen» bezeichnete: Er traf einen stets freundlichen und hilfsbereiten Mann, der immer Zeit für ihn fand. Bei seinen Soldaten war er beliebt, eine Vaterfigur. Doch Rwarakabijes Truppen haben sich zwischen 1996 und 2003 unzähliger Massaker, Massenvergewaltigungen und Brandschatzungen schuldig gemacht. Auf solche Vorwürfe reagierte Rwarakabije mit dem afrikanischen Sprichwort «Wo Elefanten kämpfen, ist das Gras niedergetrampelt». Wie viele andere auch, so Stearns, negiert Rwarakabije die Verantwortung oder schiebt sie auf andere ab.

Der Kongokrieg geht direkt auf den Genozid im Nachbarstaat Ruanda von 1994 zurück, wo innerhalb von hundert Tagen rund 800 000 Tutsi und regierungskritische Hutus umgebracht wurden. Nach dem Sturz der Regierung Ruandas flohen Hunderttausende Hutus – ZivilistInnen wie auch ehemalige Regierungssoldaten und am Genozid Betei­ligte – über die Grenze in den Kongo. Die frühere Armee Ruandas, die FAR, sammelte sich dort und begann schon bald Überfälle in Ruanda zu organisieren.

Am 30. August 1996 startete eine Allianz aus verschiedenen afrikanischen Staaten, angeführt von Ruanda, eine Invasion in den Kongo – damals noch Zaire –, der von Diktator Mobutu Sese-Seko beherrscht wurde. Vordergründiges Ziel war es, das Treiben der FAR, aber auch die ethnische Verfolgung der Tutsi im Kongo zu beenden. Stearns schreibt dazu, dass der Beginn dieser Invasion «vielleicht den Höhepunkt der afrikanischen Renaissance» markierte. Hier hatte sich eine Allianz zusammengefunden, die noch vom «Geist des Panafrikanismus» getrieben war. Doch bald wurden «aus Freiheitskämpfern plündernde Rebellen, Selbstverteidigung wurde zu Selbstbereicherung».

Immer wieder vertrieben

Mobutu wurde 1997 gestürzt, an seine Stelle setzte sich der Rebellenführer Laurent Kabila. Doch die panafrikanische Allianz zerbrach. Schon 1998 wurde der Krieg unter neuen Vorzeichen fortgesetzt. Kabila kämpfte gegen die ruandische Regierung, beide Seiten wurden von verschiedenen afrikanischen Staaten unterstützt, ausserdem mischten Rebellengruppen aus dem Kongo und aus den Nachbarstaaten mit. Im Prinzip ging es nur noch um das Geschäft: Gekämpft wurde um den Zugang zu den Rohstoffen wie Diamanten, Kupfer, Zinn, Coltan und Kobalt, von denen im Kongo grosse Vorkommen existieren. Der Absatz war nie ein Problem. Am Krieg im Kongo verdienten internationale Konzerne kräftig mit.

Stearns beschreibt in seinem Buch auch die andere Seite – wie ganz normale Leute zum Spielball der Kriegsmächte wurden: Beatrice Umutesi floh zusammen mit ihrer Mutter und vier Schwestern mit Hunderttausenden von Ruanda nach Zaire. Sie schildert das Leben in den Flüchtlingslagern, in denen Gewalt gegen Frauen weitverbreitet war. Nach Ausbruch des Kriegs mussten sie weiter ins Landesinnere fliehen, Hunderte von Kilometern zu Fuss, oft durch den Urwald, nur um später erneut vertrieben zu werden. Stears nennt die Zahl von 60 000 ruandischen Flüchtlingen, die während des Kongokrieges getötet wurden. Weitere 180 000 würden vermisst.

Trotz verschiedener Friedensverträge ist der Kongo nie zur Ruhe gekommen. Im Osten des Landes flammen immer wieder neue Kämpfe auf, auch wenn sich die kriegerischen Verbände der Nachbarstaaten inzwischen ganz aus dem Land zurückgezogen haben. Ein funktionierender Staat ist die Demokratische Republik Kongo bis heute nicht. Stears bietet keine Antworten, wie der Krieg zu verhindern gewesen wäre. Doch das Buch trägt immerhin dazu bei, dass die Vorgänge im Kongo aus dem kollektiven Gedächtnis im Norden nicht ganz verdrängt werden.

   http://www.woz.ch/artikel/2012/nr04/sachbuch/21671.html

Krieg in Kongo
Auf der dunklen Seite der digitalen Welt

23.08.2010 · Die Rohstoffe, die in Handys und Computern stecken, werden nicht selten durch Sklavenarbeit im Osten Kongos gewonnen. Dort sterben monatlich tausende Menschen. Politik und Wirtschaft kapitulieren vor dem Skandal.
Von Oliver Jungen

Kinderarbeit in einer Kupfermine in der Provinz Katanga

D
as drängendste Problem der Technologie von heute ist nicht mehr die Befriedigung von Grundbedürfnissen und uralten Wünschen der Menschen, sondern die Beseitigung von Übeln und Schäden, welche uns die Technologie von gestern hinterlassen hat“, sagte der ungarische Physiker Dennis Gabor vor vielen Jahrzehnten. Der Satz des 1971 verstorbenen Entwicklers der Holographie scheint noch aktuell, wie Überlegungen zeigen, Kohlendioxid unterirdisch einzulagern. Knapp eine Milliarde Tonnen Kohlendioxid entstehen allein bei Herstellung und Benutzung unserer geliebten Computer und Handys in jedem Jahr. Gabors Pessimismus war zu optimistisch: Unsere Technologie bringt Übel mit sich, die keine Technologie von morgen beseitigt. Dabei lagern wir sie gewissermaßen auch unterirdisch ein, schieben sie ab auf einen bis ins Mark destabilisierten Kontinent: Afrika ist der große Leidtragende auch der elektronischen Mobilmachung.

Man kann die Geschichte vom Ende her erzählen: Haben wir die gerade noch angebeteten Instrumente der Kommunikationselektronik nach kürzester Zeit wieder satt, landet ein großer Teil von ihnen auf riesigen afrikanischen Müllhalden, wo Kinder den Elektronikschrott nach Kupfer und Aluminium durchsuchen, bevor die Reste verbrannt werden und der giftige Qualm Menschen, Luft und Boden verseucht.

Neben Blei, Kadmium und ähnlich toxischen Stoffen enthalten unsere alltäglichen Begleiter wie Mobiltelefone, Kameras und Laptops auch Metalle, die an sich unbedenklich sind: Gold, Zinn, Wolfram und Tantal. Und doch sind gerade diese die ethisch bedenklichsten, ja blutigsten, nämlich sofern sie – was für einen großen Prozentsatz zutrifft – aus dem Osten der Demokratischen Republik Kongo stammen. Bewaffnete Gruppen, von denen es nach Schätzung des Botschafters der Demokratischen Republik Kongo in den Vereinigten Staaten, Faida Midifu, etwa fünfundzwanzig gibt, darunter ugandische, ruandische und burundische Rebellengruppen sowie korrupte nationale Armee-Einheiten, zwingen die Bevölkerung unter grauenhaften Bedingungen zum Abbau der Bodenschätze, welche dann zu Schleuderpreisen auf den Weltmarkt gelangen.
© AFP

Mit zwanzigtausend Mann die größte Friedensmission der Vereinten Nationen: Blauhelmsoldaten in der Provinz Nord-Kivu
© AFP

Mit zwanzigtausend Mann die größte Friedensmission der Vereinten Nationen: Blauhelmsoldaten in der Provinz Nord-Kivu

Monatlich tausende Tote

Für die Warlords ist dies dennoch einträglich, weil der Abbau sie so gut wie nichts kostet. Sie profitieren auch von legalen Minen, indem sie bei willkürlichen Straßenkontrollen illegale „Steuern“ auf den Transport erheben. Sie kooperieren, was den Handel angeht, bestens mit den Nachbarstaaten Uganda und Ruanda. Die Gewinne werden in Waffen investiert.

Allein in den Jahren 1998 bis 2008 sind in der Demokratischen Republik Kongo 5,4 Millionen Menschen durch Gewalt oder Kriegsfolgen ums Leben gekommen. Dieser Krieg hat viele Ursachen, der Kampf um Rohstoffe ist eine der wichtigsten. Bis heute ist die Zentralregierung unter Joseph Kabila im rohstoffreichen Osten des riesigen Landes faktisch machtlos. Vermeintlich unbotmäßige Dörfer werden niedergebrannt, die Menschen zu Tausenden verwundet, verstümmelt und ermordet. Immer noch sterben nach Schätzungen des International Rescue Committee monatlich 45.000 Menschen, die Hälfte davon Kleinstkinder. Hunderttausende wurden vertrieben. Der Afrikakenner und Pulitzer-Preis-Gewinner Nicholas D. Kristof hat jüngst in dem stark beachteten Kommentar „Death by Gadget“ in der „New York Times“ geschrieben, er kenne keinen barbarischeren Krieg. Er habe gesehen, wie man Kinder zwang, das Fleisch ihrer Eltern zu essen. Mädchen seien ihm begegnet, die innerlich zerfetzt waren. Mit systematischen Vergewaltigungen verbreiten die illegalen Armeen Terror und treiben die Ausbeutung voran, was der Region die traurige Bezeichnung „rape capital of the world“ eingetragen hat.

Damit setzen die Ausbeuter fort, was mit der Versklavung und Plünderung des Landes durch Portugiesen, Niederländer und Engländer im fünfzehnten Jahrhundert begonnen hat und in der belgischen Kolonie ihren Höhepunkt fand: König Leopold II. von Belgien erhielt das Land inklusive aller Bewohner auf der Berliner Kongo-Konferenz von 1885 zum Eigentum. Die Ausbeutung des Kautschuks trieb der König voran, indem seine Soldaten jedem Dorf Lieferquoten auferlegten und die Frauen zu Geiseln nahmen. Lieferten die Männer zu wenig Kautschuk ab, wurden alle Frauen ermordet. Auch Vergewaltigung und Händeabhacken waren an der Tagesordnung, bis das Land 1908 an den belgischen Staat überging.

Die humanitäre Lage hat sich verschlechtert

Die folgenden Diktaturen waren wenig erträglicher. Und auch mit dem offiziellen Ende des jüngsten Kongokriegs im Jahr 2003 war für viele Bewohner des Landes der Albtraum der Sklaverei und des Kriegs nicht vorbei, zu guten Teilen finanziert durch unsere Elektronikkonzerne. Die seit 1999 im Kongo anwesende, mit zwanzigtausend Blauhelmen größte Friedensmission der Vereinten Nationen (Monuc) hat die Gewalt nur leicht eindämmen können. Die humanitäre Lage im Osten des Landes verschlechtert sich derzeit wieder, wie die Vereinten Nationen besorgt mitteilen.

Lange Zeit haben Nichtregierungsorganisationen wie das „EnoughProject“, „Human Rights Watch“ oder „Global Witness“ vergeblich versucht, ein allgemeines Bewusstsein für den Konflikt und seine Ursachen zu schaffen. Doch Aktionen gegen „Bluthandys“ zeigten wenig Wirkung. Die Industrie ließ allenfalls durchblicken, man habe die Zulieferer angewiesen, konfliktfreie Materialien zu verwenden. Knapp die Hälfte des weltweit für Elektrolytkondensatoren in Handys, Laptops, Fahrzeugelektronik, Digitalkameras und Pagern verbrauchten Tantals stammt aber weiterhin aus dem Osten Kongos, wie die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) in Hannover angibt. Dabei existiert Tantal in vielen Regionen der Welt, geschätzte 317.000 Tonnen. Der jährliche Verbrauch beträgt nur 2000 Tonnen. Weil sich die Preise für das Metall, das aus Coltan (Columbit-Tantaliterz) extrahiert wird, seit Dezember 2009 verdoppelt haben, wird wohl bald auch eine australische Mine wieder öffnen, die mit den Dumpingpreisen der Rebellen nicht mithalten konnte. Erst mit der für 2014 geplanten Eröffnung einer Mine im ägyptischen Abu Dabbab könnte vergleichsweise billiges, „blutfreies“ Tantal auf den Markt kommen.

An alarmierenden Statements herrscht kein Mangel, sie liegen von allen großen Organisationen vor – UN, EU, Opec und anderen. Besonders die seit 2004 im Auftrag des Sicherheitsrats der Vereinten Nationen tätige Expertengruppe hat die Situation dargestellt. In ihrem Report vom Mai dieses Jahres weist sie darauf hin, dass die Festnahme der beiden Führer der Hutu-Rebellengruppe FDLR (Forces Démocratiques de la Libération du Rwanda) in Deutschland – ein scheinbarer Erfolg im November 2009 – die Lage vor Ort noch dramatisiert habe, weil alte Rivalitäten aufbrachen und neue Gruppen aus der FDLR hervorgehen könnten.

Der Markt soll sanktionieren, obwohl der Markt schuld ist

Wenn sogar die Festnahme von Anführern zu noch größeren Verwerfungen führt, wie kann da jemand glauben, es ließe sich mit etwas gutem Willen eine funktionierende Zertifizierung für saubere Rohstoffe aufbauen? Ebendas scheint zurzeit die Vision zu sein, in Politik wie Wirtschaft gleichermaßen. Zugleich lässt sich die Tendenz erkennen, das Problem an die Regionalregierung zurückzuspielen, obwohl deren Zerfall Ursache der Krise ist. Fast schon zynisch klingt, was die G-8-Staaten im kanadischen Huntsville am 26. Juni beschlossen haben: „Wir verlangen von der Demokratischen Republik Kongo, mehr zu tun, um den Konflikt zu beenden.“ Man heißt zudem alle Überlegungen zu Zertifikaten für konfliktfreie Lieferketten willkommen und lobt die Arbeit von Nichtregierungsorganisationen. Entschlossenheit sieht anders aus.

Dass erst in diesen Wochen die Nachricht von der Existenz „blutiger Materialien“ in unseren Handys und Laptops zu den Konsumenten durchdringt, liegt nicht zuletzt an dem Gesetzesvorstoß der amerikanischen Regierung, die Ende Juli strengere Regeln für den Rohstoffhandel mit Kongos Krisenregionen beschlossen hat. Als Modell dient die Strategie zur Verhinderung des Handels mit „Blutdiamanten“. In den Vereinigten Staaten tätige Firmen müssen nun jährlich erklären, woher sie ihre mineralischen Rohstoffe beziehen. Stammen diese aus dem Kongo oder einem Nachbarland, muss nachgewiesen werden, dass keine bewaffneten Gruppen unterstützt wurden.

Während manche Menschenrechtler dies als großen Durchbruch feiern und Medien voll des Lobes waren, macht sich allmählich Ernüchterung breit. Schließlich sind vorerst keine Strafen bei Verstößen vorgesehen. Als Sanktionsinstrument soll der Markt dienen, sagte Hillary Clinton, die nach einem Besuch in Kongo im vergangenen Jahr das Gesetz vorangetrieben hat. Das Vertrauen auf die unsichtbare Hand des Marktes und die „Verantwortung des Endverbrauchers“ (Clinton) ist aber in diesem Fall mehr als fragwürdig. Gerade der Markt ist ja schuld am erbitterten Wettlauf um die billigsten Rohstoffe. Wieder scheint sich die zynischste aller Satiren zu bewahrheiten, Mandevilles „Bienenfabel“, wonach eine Gesellschaft prosperiert, wenn sie auf Ausbeutung und Krieg setzt.

Betrügerischer Zertifikatehandel droht

Die Zinnindustrie macht vor, wie sie sich den Umgang mit den mafiosen Strukturen in Ostkongo vorstellt. Das Ziel einer im Pilotstadium befindlichen Initiative der „International Tin Research Industry“ (ITRI) ist, was sich gut anhört, die Lieferkette transparenter zu machen. Unterstützt wird dies von nahezu allen namhaften Unternehmen der Elektronikindustrie. Verwundern mag aber schon, dass zu ITRI, dem Verbund zinnverarbeitender Unternehmen, auch Firmen wie die Malaysia Smelting Corporation gehören, die seit langem dafür kritisiert wird, große Mengen ihres Materials aus den Konfliktregionen Kongos zu beziehen. Zudem fällt die Beschränktheit des Ansatzes auf. Man setzt auf die Versiegelung von Lieferungen in „sauberen“ Minen und die Anheftung eines Zertifikats. Die UN-Expertengruppe hat schon vor einem betrügerischen Zertifikatehandel gewarnt. Im schlimmsten Fall könnte dieser den Rebellen zusätzliche Gewinne einbringen.

Die illegale Besteuerung nimmt ITRI gar nicht zur Kenntnis. Kontrollen entlang der Handelsrouten hält man für undenkbar: „Wir werden nicht in den Dschungel gehen und die Armee fragen, was sie dort tut.“ Was den Vorstoß der Zinnindustrie vollends desavouiert, ist der Ausschluss jeder Kontrolle durch Dritte: Es soll nur eine Selbstkontrolle durch die – schon jetzt unethisch handelnde – Industrie erfolgen. Mit Nachdruck weist daher das Center on International Cooperation auf die Notwendigkeit eines „Third Party Monitoring“ hin, weil in den vergangenen Jahren „klandestine Praktiken“ des Verschleierns der Zusammenarbeit mit bewaffneten Gruppen entstanden seien. Wer sieht einem in Asien eingeschmolzenen, über Osteuropa an die Industrie gelieferten Material noch seine Herkunft an?

Selbstkontrolle durch die Industrie und Vertrauen auf das Gewissen der Verbraucher reichen nicht aus. Gerade weil die Industrienationen die Profiteure sind, darf sich die Politik nicht aus der Verantwortung stehlen. Dass zugleich die Verbraucher gefragt sind, Druck auf die Hersteller auszuüben, steht außer Frage. Vorbildlich ist hier jener Leser von Nicholas D. Kristofs aufrüttelnder Kolumne in der „New York Times“, der eine E-Mail an Steve Jobs schrieb und fragte, ob Apple ausschließlich konfliktfreie Materialien verwende und wie das sichergestellt werde. Eine Stunde später bekam er – vorgeblich von Steve Jobs persönlich – eine SMS, in der davon die Rede war, dass man die Lieferanten verpflichte, „conflict few materials“ zu liefern. Doch gebe es keine Garantie, und es sei chemisch noch nicht möglich, den Ursprung der Mineralien bis zur Mine zurückzuverfolgen.

Deutsche Wissenschaftler entwickelten den forensischen Nachweis – keiner wendet ihn an

Natürlich war hier Apples Marketingabteilung tätig, aber vielleicht tatsächlich nach Rücksprache mit dem Chef. Einen Gefallen hat dieser sich damit nicht getan: Im Netz harsch kritisiert wurde die stillschweigende Änderung von „conflict free“ in „conflict few“ und die Unlust, das Problem ernst zu nehmen.

Der entscheidende Punkt aber ist, dass Steve Jobs‘ Antwort nicht ganz richtig ist: Die chemische Identifizierung einzelner Minen ist zumindest bei dem Metall Tantal möglich und wäre auch für andere Rohmineralien zu leisten. Den „Coltan-Fingerprint“, einen forensischen Nachweis, der die Herkunft der Tantalerzkonzentrate durch Abgleich mit einer riesigen Datenbank eindeutig zu lokalisieren vermag, hat die deutsche Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) in dreijähriger Arbeit entwickelt. Ebendies wurde hierzulande vor einem halben Jahr als großer Durchbruch gefeiert. Doch erklärt der zuständige Forscher Frank Melcher im Gespräch mit dieser Zeitung, die Technik sei zwar prinzipiell einsatzbereit, werde aber nicht eingesetzt.

Überhaupt betont er die Grenzen einer technischen Lösung. Man könne eben nicht, wie Entwicklungsminister Dirk Niebel kürzlich behauptet habe, das Innenleben jedes Handys durchleuchten, sondern nur das unverarbeitete und halbwegs unvermischte Erzpulver analysieren. Auch wisse man oft nicht genau, welche Mine gerade unter Rebellenkontrolle stehe, und die „Besteuerung“ werde so auch nicht umgangen. Dass die Amerikaner und die Elektronikkonzerne von der Existenz des „Fingerprint“-Verfahrens nichts zu wissen scheinen oder wissen wollen, verwundert Melcher aber doch: Jedenfalls gab es keine einzige Anfrage, das Verfahren wenigstens dort zu implementieren, wo das Erzpulver ankommt. Man setze wohl allein auf Herkunftsnachweise auf geduldigem Papier. Eine Flut von Selbstzertifizierungen sei zu erwarten, aber kaum ein Ende des Bürgerkriegs. Dies könne allein eine große politische Lösung erreichen.

Deutschland setzt auf „gute Regierungsführung“

Diese aber darf nicht immer weiter hinausgezögert werden. Lobend erwähnt werden muss die Resolution des EU-Parlaments vom 17. Dezember 2009, welche die Bedeutung der Monuc-Mission hervorhebt und diese zu verstetigen vorschlägt. Bei 45.000 Toten im Monat müsste sie wohl noch ausgeweitet werden. Das BMZ teilt auf Anfrage zurückhaltend mit, eine solche Strategie allein greife zu kurz, Deutschland setze auf Hilfe zur Selbsthilfe: „Daher arbeitet Deutschland mit den Staaten der Region daran, die vorhandenen Ressourcen in einer transparenten Weise und mit guter Regierungsführung so zu nutzen, dass sie nicht zur Konfliktfinanzierung, sondern zur positiven Entwicklung der Region beitragen. Zentral hierfür ist neben einer stabilen Sicherheitslage eine funktionierende zivile Aufsicht über die Minen und auch über die Handelswege. Genau hier setzt auch die deutsche Unterstützung an.“

Deutschland unterstütze daher „als einer der wenigen Partner die DR Kongo direkt sowie auch die Anstrengungen der Region“. Große Stücke hält man im BMZ auf das von der Konferenz der elf afrikanischen Staaten der Große-Seen-Region (ICGLR) 2006 unterzeichnete, vollmundige Protokoll gegen illegale Ressourcenausbeutung, das Zertifizierungen und unabhängiges „Auditing“ vorsieht. Dies zeige „das echte Bemühen der Staaten der Region, das Problem zeitnah und konkret zu lösen“. Einige der unterzeichnenden Staaten hat es bislang jedoch keineswegs an ebendieser Ausbeutung gehindert. Kann die Weltgemeinschaft es sich in diesem Fall wirklich leisten, auf „gute Regierungsführung“ zu warten?

Der Zentralverband Elektrotechnik- und Elektronikindustrie (ZVEI), der deutsche Branchenverband der zuständigen Industrien, scheint damit leben zu können: Die Anfrage zu Konfliktmineralien aus Kongo löst zunächst Verwunderung aus. „Ich dachte“, sagt der nette Herr aus der Kommunikationsabteilung, „den Konflikt in der Demokratischen Republik Kongo habe man einigermaßen in den Griff bekommen“, der habe doch „aufgehört“.

Kein großer Aktionsbedarf bei den Verbänden

Das hat er keineswegs, er gerät endlich in den Blick. Der Rückruf durch einen anderen Mitarbeiter der Presseabteilung enthält dann nur die Aussage, über die Kongo-Frage wisse man nichts, aber die Unternehmen hätten ja einen „Code of Conduct“ unterschrieben. Auch versuche eine neue Transparenz-Initiative, die Zahlungswege beim Rohstoffhandel offenzulegen, das könne ebenfalls hilfreich sein. Ansonsten müsse man mit dem Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) sprechen.

Beim BDI wiederum macht man im Gespräch deutlich, es sei alles auf gutem Weg, auch wenn die Projekte noch in der Pilotphase steckten. Für gar nicht hilfreich hält man es, die Industrie beim Thema Handel mit Konfliktregionen mit Gesetzen oder Auflagen zu traktieren. Eine zitierbare Stellungnahme muss ich mit Wilko Specht, dem auf Nachfragen zunehmend mürrischer reagierenden Experten für Rohstoffhandel, aushandeln, sie lautet: „Initiativen zur Förderung der Transparenz von Rohstoffwertschöpfungsketten, wie das Projekt ,Zertifizierte Handelsketten‘, sollten im Rahmen der Entwicklungszusammenarbeit mit der Große-Seen-Region weiterverfolgt werden.“ Nach dringendem Aktionsbedarf klingt das nicht.

Die wahre ethische Verantwortung des Konsumenten liegt wohl darin, eine durchgreifende politische Lösung zu fordern: Druck auf die Nachbarländer Kongos ist nötig, auch der Wille, die Handlungsweise der Elektronikkonzerne tatsächlich zu überprüfen und den Ankauf von Hehlerware – um nichts anderes handelt es sich – zu ahnden. Den Worten müssen schnell effektive Taten folgen, die Schuld wächst Tag für Tag. Vielleicht sollte man sich wünschen, dass unsere sauberen Geräte all das Blut wieder ausschwitzen, das für sie vergossen wurde.

 

 

http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/medien/krieg-in-kongo-auf-der-dunklen-seite-der-digitalen-welt-11025203.html

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