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Tahirplatz: „Wir machen weiter!“ «Weg mit dem Militärrat!» «Wer hat ihn gebeten, das Ruder zu übernehmen?» Riesige friedlichen Sternmärsche – Disziplinierte Organisation – Bewußtsein, dass es Kampf heißt, wenn man gegen den Militärrat die demokratische Macht des Volkes durchsetzen will

Januar 25, 2012

Ein Jahr nach Beginn der Revolte gegen Mubarak in Ägypten sind wieder Zehntausende Menschen auf den Tahrir-Platz in Kairo geströmt, wo die Protestwelle ihren Ausgang genommen hatte. Einen der Demonstrationszüge begleitete NZZ-Korrespondentin Kristina Bergmann.

Kristina Bergmann, Kairo

«Weg mit dem Militärrat!» skandierten am Mittwoch Tausende von Menschen und kritisierten diesen mit dem Slogan: «Wer hat ihn gebeten, das Ruder zu übernehmen?». Ein Sammelplatz der verschiedenen Sternmärsche, die alle den Tahrir-Platz im Zentrum der Stadt zum Ziel hatten, war der Mustafa-Mahmud-Platz vor einer grossen Moschee westlich des Nils. Dort trafen sich am Jahrestag der ägyptischen Revolution mehrere hundert Menschen.
Keine Gewalt

Sie warteten auf Demonstrationszüge, die aus dem Norden und Süden Kairos kamen, nämlich aus den Vierteln Imbaba und Giza. Die Menge schwoll nach und nach auf rund 10’000 Personen an. Um 14 Uhr setzte sie sich dann in Gang. Die Devise hiess «friedlich» und tatsächlich verlief der grosse Marsch ohne Zwischenfälle.

Polizisten standen abseits und mischten sich nicht ein, denn der Militärrat hatte am Dienstag beschlossen, das in Ägypten seit Jahrzehnten geltende Notrecht aufzuheben. Am Rande des grossen Zuges, dessen Anfang und Ende nicht zu überblicken war, standen parkierte Autos, doch niemand kam auf die Idee, sie anzuzünden oder umzuwerfen.
Verkehr kaum behindert

Der Weg der Demonstration führte über mehrere Hauptstrassen und grosse Kreuzungen, und gerade dort fiel die hervorragende Organisation der Revolutionäre auf. Wo es Autoverkehr gab, bildeten einige Kundgebungsteilnehmer, die nach eigener Aussage diesen Job übernommen hatten, Menschenketten, um Demonstranten und Verkehr zu trennen. So wurden beide kaum behindert.

Ein 16-jähriger Demonstrant und der jüngste auf Bewährung Verurteilte in Ägypten, Abderrahman Medhat, hielt ein Schild mit der Aufschrift: «Wir machen weiter» hoch und sagte: «Natürlich sind wir gegen den Militärrat, doch einfach weggehen wird der kaum.»

Die Abgeklärtheit des jungen Demonstranten erstaunte, denn andere, ältere Demonstranten glaubten tatsächlich, mit den Sternmärschen etwas in Bewegung zu bringen und den von ihnen gehassten Militärrat zum Aufgeben zu zwingen. Das wirkte naiv. Viele Frauen schienen der jetzigen Friedfertigkeit des Militärrats wiederum wenig zu trauen. Und eine 19-jährige Studentin meinte, Islamisten hätten den Tahrir-Platz, das Zentrum der ägyptischen Revolution, besetzt und wollten Liberale nicht dorthin lassen.
Jeder konnte auf den Tahrir-Platz

Doch in Tat und Wahrheit an diesem Tag jeder auf den Tahrir-Platz. Die Demonstranten forderten ausserdem die zahlreichen passiven Beobachter in den die Strasse säumenden Häusern auf, mitzulaufen und riefen zu den Balkonen hoch: «Kommt runter, geht mit!»

Auf der Brücke vor dem Tahrir-Platz, die von Löwen bewacht wird, nahm die Dichte des Marsches enorm zu, denn weitere Sternmärsche waren inzwischen dort eingetroffen. Zum Schweigen brachte die ununterbrochen skandierenden Demonstranten erst ein gespielter Trauerzug mit Scheinsärgen einiger der rund 900 Toten der Revolution. Vor ihnen spielte ein Musiker ergreifend die Totentrommel, und viele hundert Trauernde begleiteten ihn und die Särge, die mit den Porträts der Märtyrer geschmückt waren, langsam auf den Tahrir-Platz, wo sie im vergangenen Jahr umgekommen waren.

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/schweiz/wir_machen_weiter_1.14523797.html

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