Skip to content

Auschwitz steht für einen „Zivilisationsbruch“ – dessen Möglichkeit jede Gesellschaft in sich trägt. Denn Auschwitz ist ein Produkt der Moderne und so stetige Mahnung an jede Demokratie. Der Befund der Wissenschaftler offenbart eines der verstörendsten Erkenntnisse über den Holocaust: Oft waren die Täter keineswegs eiskalte Killer, sondern „ganz normale Männer“ aus der Mitte der Gesellschaft.Ein biologistisches Weltverständnis, die Besessenheit von „rassischer Reinheit“, der Expansionswillen Deutschlands, die technischen Möglichkeiten zum Massenmord und nicht zuletzt ein in der Gesellschaft weit verbreiteter und fest verankerter Antisemitismus – auch wenn dieser am Anfang nicht den Mord an allen Juden zum Ziel gehabt haben mag – waren einige Voraussetzungen für den Holocaust.

Januar 20, 2012

Auschwitz – Symbol für den Holocaust

Das präzedenzlose Verbrechen

Heute vor 70 Jahren trafen sich hohe NS-Funktionäre in einer Villa am Berliner Wannsee, um den systematischen Mord an den Juden Europas zu organisieren. Das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz ist heute das Symbol für dieses beispiellose Verbrechen. Es ist Sinnbild für das Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen können. Und es steht für einen „Zivilisationsbruch“ – dessen Möglichkeit jede Gesellschaft in sich trägt. Denn Auschwitz ist ein Produkt der Moderne und so stetige Mahnung an jede Demokratie.

Von Jan Oltmanns, tagesschau.de

Als die Rote Armee am 27. Januar 1945 Auschwitz erreichte, bot sich den Soldaten ein grauenhaftes Bild: Nur knapp 8000 Häftlinge in den drei Komplexen des größten deutschen Konzentrations- und Vernichtungslagers waren noch am Leben; die meisten von ihnen Elendsgestalten, die zu krank oder zu schwach für den Marsch in die Lager im Westen waren – fort von der näherrückenden Front. Ein Augenzeuge notiert: „Einige sitzen stur auf der Erde, nur auf Nahrungsmittel reagieren sie. Von Schmutz und Verwahrlosung kann man ihre Züge nicht erkennen. Es ist zu grauenhaft, man kann das nicht beschreiben. Und man kann nicht helfen.“

Gefangene im Konzentrationslager Auschwitz (Foto: Lapresse Girella) Großansicht des Bildes Gefangene im Konzentrationslager Auschwitz (Foto: DPA)

Fast 60.000 Häftlinge aus Auschwitz waren nur wenige Tage vor dem Eintreffen der sowjetischen Soldaten zu Fuß auf die „Todesmärsche“ in die eisige Kälte des polnischen Winters geschickt worden, das Regime versuchte in den letzten Kriegsmonaten fieberhaft, die Spuren seiner Taten zu verwischen. Historiker schätzen heute, dass jeder vierte Häftling auf dem langen Marsch in den Westen starb. Sie erfroren, verhungerten oder wurden erschossen, wenn sie nicht mithalten konnten. Diejenigen, die auch diese Tortur überlebten, wurden in die Lager Mittelbau-Dora, Buchenwald, Dachau und Flossenbürg gepfercht. Dort ging das Morden bis zum letzten Kriegstag weiter.

Für viele der Wenigen, die schließlich in Auschwitz befreit wurden konnten, kam jede Hilfe zu spät. Sie starben an den Folgen von Erschöpfung, Hunger oder Krankheit. Viele Überlebende blieben bis an ihr Lebensende gebrochene Menschen, sie fühlten sich in den aufstrebenden Nachkriegsgesellschaften fremd. Der Schriftsteller Primo Levi hat Auschwitz überlebt und seine Geschichte immer wieder in eindrücklichen Essays und Berichten zu verarbeiten gesucht. Zum Tag der Befreiung schrieb er: „Die Nachricht rief in mir keine unmittelbare Bewegung hervor. Seit vielen Monaten kannte ich keinen Schmerz, keine Freude und keine Angst mehr, es sei denn jener unbeteiligten, entfernten Art, die für das Lager charakteristisch ist und die man als konditional bezeichnen könnte. ‚Hätte ich jetzt‘, so dachte ich, ‚mein Empfindungsvermögen von früher, dann wäre dies ein äußerst erregender Augenblick.“

Umgang mit der eigenen Geschichte

Kinder und Jugendliche nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald (Foto: dpa) Großansicht des Bildes Kinder und Jugendliche nach der Befreiung aus dem Konzentrationslager Buchenwald Bei ihrem Vormarsch auf Berlin stießen West-Alliierte und sowjetische Truppen immer wieder auf Konzentrationslager. Mit den Soldaten kamen die Fotografen. Sie machten jene Bilder und Filme, durch die die Existenz und das Grauen der Lager weltweit bekannt wurden. Diese Dokumente des Schreckens bekamen auch die Deutschen zu sehen. Zwar waren viele von ihnen persönlich betroffen von dem Grauen der Lager – die öffentliche Aufarbeitung der Verbrechen allerdings blieb zunächst aus. Denn viele Angehörige der Funktionseliten, die dem NS-Regime treu gedient hatten, waren nach dem Krieg ohne größere Schwierigkeiten wieder zu Amt und Würden gekommen – die Justiz verfolgte Kriegsverbrechen nur zögerlich. Folglich bescheinigt der Historiker Norbert Frei der jungen Bundesrepublik in den 50er Jahren eine „Phase der Milde“ gegenüber den Tätern, in der der Nationalsozialismus „wie ein über Deutschland hereingebrochenes Fremdregime mit einer im Grunde geringen Zahl von ‚Kollaborateuren‘ und einem Heer harmloser Mitläufer erschienen war“.

Diese „bleierne Zeit“ endete mit dem Frankfurter Auschwitz-Prozess. Ab 1963 wurde hier das Ausmaß der Verbrechen zum ersten Mal systematisch untersucht. Zeugen und Sachverständige führten der Öffentlichkeit die furchtbaren Details des Holocaust vor Augen, begleitet von großem nationalen und internationalen Medieninteresse. Zwar blieben die 22 Angeklagten bis zum Ende uneinsichtig und kamen mit vergleichsweise milden Strafen davon; dank der minutiösen Rekonstruktion dieser von Menschen errichteten Hölle auf Erden allerdings wurde in Deutschland die Mauer des Schweigens durchbrochen: Die Verantwortung für die Verbrechen ließ sich nicht länger hinter der Fassade einer jungen, aufstrebenden und scheinbar geläuterten Demokratie verbergen. Auschwitz steht seither wie kein anderes Lager für die Verbrechen der Deutschen und wurde als „Todesfabrik“ Symbol für den Mord an den europäischen Juden. Es mahnt als Chiffre für den „Zivilisationsbruch“, dass die Entfesslung totaler Gewalt in jeder zivilisierten und aufgeklärten Gesellschaft möglich ist: Der Holocaust ist Teil der Moderne selbst. Und Auschwitz ist heute der zentrale Ort für die Trauer um die Opfer – sei es für staatliches Gedenken oder zum stillen Erinnern.

Angeklagte und deren Anwälte im Auschwitz-Prozess in Frankfurt/Main (Foto: dpa) Großansicht des Bildes Angeklagte und deren Anwälte im Auschwitz-Prozess in Frankfurt/Main Eröffnung des Auschwitz-Prozesses im Dezember 1963. An der Wand des Gerichtssaales in Frankfurt/Main hängt der Lageplan des KZ. (Foto: A0009 dpa) Großansicht des Bildes Lageplan des KZ im Gerichtssaal in Frankfurt/Main

Die Prozesse in Frankfurt setzten in Deutschland eine Entwicklung in Gang, die bis heute nicht völlig abgeschlossen ist. Zunächst forderten die 68er offensiv die öffentliche und private Auseinandersetzung mit den Verbrechen ein – zogen sich aber zugleich in revolutionäre, universale Erklärungsmodelle zurück. Auf staatlicher Ebene vollzog sich weniger später, was Historiker die „Inkorporierung der Erinnerung“ in das nationale Selbstverständnis nennen: Die Pflicht zur Erinnerung wurde alsbald Staatsräson – und damit zum politischen Akt. Die „Lehren aus Auschwitz“ wurden seither oft als Argumentationshilfe bemüht, wenn es um Deutschlands Rolle in der Welt, um das nationale Selbstverständnis oder um die Frage von Krieg oder Frieden ging. Zuletzt begründeten die damaligen Minister Joschka Fischer und Rudolf Scharping am Vorabend des Krieges gegen Jugoslawien mit dem Diktum „Nie wieder Auschwitz“ Deutschlands Beteiligung am Militärschlag gegen das Milosevic-Regime. Und noch einmal sechs Jahre später stritt die Republik heftigst über ein zentrales Mahnmal in Berlin, von dem Kritiker meinen, das wiedervereinigte Deutschland setze sich am „Ort der Täter“ eher selbst ein Denkmal, als dass in angemessener Form der Opfer gedacht werde.

Kein gerader Weg nach Auschwitz

Abseits solch politischer Debatten über den Umgang mit dem Holocaust bleibt die symbolische Kraft von Auschwitz bis heute ungebrochen. Und so erklärte der Bundestag den 27. Januar – den Tag der Befreiung des Lagers – zum nationalen Gedenktag. International wurde dies als bedeutsame politische Geste begriffen, blieb aber auch nicht unwidersprochen: Der Holocaust lasse sich nicht auf ein Datum reduzieren, man werde der Dimension der Verbrechen so nicht gerecht, meinten Kritiker. Tatsache ist: Die Verbrechen begannen weder in Auschwitz – noch endeten sie dort. In dem systematischen, geplanten und industriellem Morden in Auschwitz-Birkenau, Treblinka, Sobibor, Chelmno und Majdanek zeigte sich wohl das gesamte verbrecherische Potenzial Nazi-Deutschlands. Dieses aber muss historisiert werden, wenn man es begreifen will. Der Holocaust hat eine Geschichte.

Häftlinge des Konzentrationslagers Auschwitz am 28. Januar 1945, einen Tag nach ihrer Befreiung. (Foto: AFP) Großansicht des Bildes Häftlinge des KZ Auschwitz am 28. Januar 1945, einen Tag nach ihrer Befreiung. Ein biologistisches Weltverständnis, die Besessenheit von „rassischer Reinheit“, der Expansionswillen Deutschlands, die technischen Möglichkeiten zum Massenmord und nicht zuletzt ein in der Gesellschaft weit verbreiteter und fest verankerter Antisemitismus – auch wenn dieser am Anfang nicht den Mord an allen Juden zum Ziel gehabt haben mag – waren einige Voraussetzungen für den Holocaust. Von großer Bedeutung war ebenfalls eine den Völkermord organisierende und ausführende Bürokratie, die, folgt man dem Soziologen Zygmunt Bauman, dank einer vielschichtigen Arbeitsteilung die moralische Distanz zu ihrem Tun wahren konnte. Und schließlich spielte der Krieg selbst eine wichtige Rolle. Nach Einschätzung des Historikers Götz Aly beförderte er „eine Atmosphäre des Nicht-Öffentlichen, er atomisierte die Menschen, zerstörte ihre noch vorhandenen Bindungen an religiöse und juridische Traditionen“. Es entstand eine Situation, die in der Sprache der Täter eine „einmalige Gelegenheit“ genannt wurde.

Auschwitz – Symbol für den Holocaust

Dimensionen des Völkermords

Auschwitz ist das Symbol für den Holocaust, den systematischen Mord an den Juden Europas. Das größte deutsche Konzentrationslager ist Sinnbild für das Leid, das Menschen anderen Menschen zufügen können. Auschwitz steht aber nicht nur für die Verbrechen der Deutschen, sondern auch für den „Zivilisationsbruch“ – dessen Möglichkeit jede Gesellschaft in sich trägt. Denn Auschwitz ist ein Produkt der Moderne – und ist so stetige Mahnung an jede Demokratie. Am 27. Januar 1945 hatte die Rote Armee das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau befreit. Allerdings begann der Holocaust weder in dem Lager – noch endete er dort.

Von Jan Oltmanns, tagesschau.de

Die genaue Zahl der Opfer des Holocaust lässt sich nur schwer rekonstruieren, da vor allem im Osten viele Menschen direkt – ohne jede Registrierung – in die Gaskammern geschickt wurden. In der Vergangenheit wurde und wird – wenn auch heute nur noch von einer unbelehrbaren Minderheit – daher die Anzahl der Opfer immer wieder angezweifelt. Viele Historiker aber haben es sich angesichts solcher Relativierungen zur Aufgabe gemacht, in akribischer Prüfung der noch vorhandenen Quellen die Zahlen zumindest annähernd zu beziffern.

Neu angekommene Häftlinge auf der so genannten Todesrampe in Auschwitz (Foto: A0009 dpa) „Selektion“ an der sogenannten Todesrampe von Auschwitz: Bereits bei der Ankunft entschied die SS über Leben oder Tod.

Heute gilt als gesichert, dass mindestens knapp sechs Millionen Juden während der NS-Zeit ermordet wurden. Etwa eine Million von ihnen starb in Auschwitz. In Chelmno waren es 152.000, in Belzec 600.000, in Sobibor 250.000, in Treblinka 900.000, in Majdanek 60.000 bis 80.000. Die SS-Einsatzgruppen und Polizeibataillone, die hinter der Ostfront Massenexekutionen durchführten, ermordeten – nach eigenen Angaben – mindestens 535.000 Juden. Mindestens zweieinhalb Millionen Juden starben in den Ghettos und Konzentrationslagern. Nicht eingerechnet sind die nichtjüdischen Toten: Russische Kriegsgefangene, Polen, politische Häftlinge, Sinti und Roma, Homosexuelle, behinderte Menschen, Zeugen Jehovas und zahlreiche weitere Häftlingsgruppen.

Diese Zahlen sind schockierend und doch bleiben sie abstrakt. Das Leid der Opfer und die Brutalität des KZ-Systems rücken allerdings dann ein wenig näher, befasst man sich mit den Lagern selbst: mit den unmenschlichen Arbeitsbedingungen, den drakonischen Strafen für den kleinsten Verstoß gegen die Regeln, mit den medizinischen Experimenten, mit der Willkür der SS, aber auch mancher Funktionshäftlinge, mit den Selektionen und mit dem brutalen Überlebenskampf, zu dem die Häftlinge auch untereinander gezwungen waren. Diejenigen, die den Lagern entkommen sind, haben darüber wieder und wieder in zahlreichen Berichten Zeugnis abgelegt. Historiker, Soziologen, Psychologen und Mediziner haben das System der Konzentrationslager akribisch untersucht. Wir wissen heute relativ genau um das Leben im Lager und die Funktion des KZ-Systems.

Die Lager sind rational erklärbar geworden, gleichwohl bleiben sie eine emotional unzugängliche Welt. Der Schriftsteller H. G. Adler, der Theresienstadt, Auschwitz und Buchenwald überlebt hat, beschreibt dieses Nicht-Nachfühlen-Können: „Jeder Versuch eines Hineindenkens ist müßig, denn alles ist fremd und unbegreiflich, was an Leben zwischen den Drähten eingesammelt ist. Vom Dasein der Verlorenen ist nichts in eine Sprache zu übertragen, die draußen jemand verstünde. (…) Wer diese Vernichtung nicht an sich selbst erfahren hat, weiß es nicht, wird es nie wissen. Er hat zu schweigen.“

Kleidung von Kindern, die im Auschwitz umgebracht wurden, werden in einer Vitrine gezeigt. (Foto: B2270 CTK) Großansicht des Bildes Gedenken: Kleidung von Kindern, die in Auschwitz ermordet wurden Weibliche Häftlinge (Foto: dpa) Großansicht des Bildes Weibliche Häftlinge des KZ Auschwitz

Präzedenzloses Ereignis

Dass der Holocaust ein einzigartiges Verbrechen war, ist heute in weiten – allerdings nicht in allen – Teilen der deutschen Gesellschaft Konsens. Stets betonen deutsche Redner auf Gedenkveranstaltungen in aller Welt die Singularität des Judenmordes. Sie konstatieren dies allerdings oftmals, ohne die Frage nach den Warum zu beantworten. Denn diese Frage ist nicht unproblematisch und birgt bis heute politischen Sprengstoff. Nur allzu oft wurden und werden die Verbrechen der Nazis mit Vergleichen relativiert und die spezifisch deutsche Verantwortung für den Mord gleich mit eingeebnet. Gleichwohl hat Gültigkeit, was Micha Brumlik einmal feststellte: „Von Einzigartigkeit kann nicht sprechen, wer den Vergleich scheut.“

Es ist eine Tatsache, dass das 20. Jahrhundert ausgesprochen grausam war. Rund 1,5 Millionen Armenier fielen Anfang des Jahrhunderts den Türken zum Opfer. Noch in den 90er-Jahren ermordeten radikale Hutu-Milizen in Ruanda – unter den Augen der internationalen Gemeinschaft – etwa 800.000 Tutsi. Und in der Sowjetunion wurden unter der Herrschaft Stalins Millionen politischer Gegner, ja ganze Volksgruppen zur Zwangsarbeit nach Sibirien deportiert. Viele von ihnen starben in den berüchtigten Gulags. Die Liste ließe sich fortsetzen. Was also unterscheidet den Holocaust von den Verbrechen in Ruanda, Armenien und in der Sowjetunion, was macht ihn einzigartig, präzedenzlos?

Yehuda Bauer, einer der renommiertesten Holocaust-Forscher, hat versucht Antworten zu geben. Und er führt für den singulären Charakter des Holocaust gleich mehrere Gründe an. Zunächst basiere kein anderer Genozid so „vollständig auf Mythen und Halluzinationen“, die dann auf so rationale Weise in die Tat umgesetzt wurden. Präzedenzlos sei der Holocaust zudem wegen seines „globalen Charakters“, denn das Ziel der Nationalsozialisten sei es gewesen, die Juden überall auf der Welt zu ermorden. Drittens sei die Vernichtung überall dort, wo Nazis Juden in die Hände bekamen, total und Ergebnis einer „ausdrücklichen Staatspolitik“ gewesen. Und schließlich sieht Bauer im Holocaust ein neues, revolutionäres Element, mit dem weltweit ein biologistisches „Rassenprinzip“ durchgesetzt werden sollte.

Die Würde des Menschen ist antastbar

Als am 27. Januar 2005 die Vereinten Nationen zum ersten Mal in ihrer Geschichte in einer Feierstunde an den Holocaust erinnerte, sprach Redner Joschka Fischer aus, was in Deutschland Selbstverständlichkeit sein sollte: „Als Symbol für Menschenverachtung und Völkermord wird Auschwitz für immer in die Geschichte der Menschheit und die Geschichte meiner Nation eingeschrieben sein“, sagte er da. Von der besonderen Verpflichtung Deutschlands gegenüber Israel sprach der damalige Außenminister, vom Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus, von Versöhnung und von der Unantastbarkeit menschlicher Würde.

Der Holocaust aber hat gezeigt: Die Würde des Menschen ist antastbar, Moral und Werte sind keineswegs absolut. Dies ist eine der Lehren von Auschwitz. Die beste Versicherung gegen Totalitarismus, Faschismus und Nationalsozialismus ist und bleibt die lebendige Erinnerung an und die aktive Auseinandersetzung mit der Geschichte. Nicht nur Fischer sprach damals vor den Vereinten Nationen. Hauptredner war der Holocaust-Überlebende Elie Wiesel. Er mahnte damals die Welt, die Erinnerung an den Holocaust für „die Kinder von heute“ wach zu halten. Denn hätte die Welt die Botschaft von Auschwitz gehört, die Morde in Darfur, Kambodscha, Bosnien und Ruanda hätten verhindert werden können. Am Ende richtete Wiesel eine bange Frage an die Vertreter der Weltgemeinschaft: „Aber wird die Welt je lernen?“ Die Antwort darauf steht aus. An ihr werden sich die Enkel von Tätern und Opfern einst messen lassen müssen.

 

Antisemitismus

Die Geschichte eines Vorurteils

Antisemitische Stereotype sind kulturell verwurzelt. Sie finden sich auch heute noch in allen Gesellschaftsschichten und Gruppen, unabhängig von Bildungsgrad und sozialer Zugehörigkeit. Es ist allerdings nicht so, dass derjenige, der antisemitische Stereotype verwendet, zwangsläufig Antisemit sein muss.

Von Andrej Reisin, tagesschau.de

Antisemitismus ist eines der ältesten und doch aktuellsten Vorurteile gegenüber einer Gruppe: dem religiös oder ethnisch definierten Kollektiv der Juden. Den Begriff prägte ab 1879 der Journalist Wilhelm Marr, der sich so vom christlichen Antijudaismus absetzen und seiner Judenfeindschaft einen wissenschaftlichen Anstrich geben wollte.

Friedhofsschändung (Foto: SIPA) Großansicht des Bildes Mit Nazi-Symbolen beschmierter jüdischer Friedhof im Elsass. Friedhofsschändungen machen einen Großteil antisemitischer Straftaten aus. Antisemitische Stereotype sind kulturell tief verwurzelt und finden sich nach jüngsten Forschungsergebnissen auch heute noch in allen Gesellschaftsschichten und Gruppen, unabhängig von Bildungsgrad und sozialer Zugehörigkeit. Es ist allerdings nicht so, dass derjenige, der antisemitische Stereotype verwendet, auch zwangsläufig Antisemit sein muss. Bei der Verbreitung antisemitischen Gedankenguts spielt weniger eine Rolle, ob die handelnden Akteure tatsächlich Antisemiten sind, sondern ob ihre Äußerungen antisemitische Klischees und Vorurteile bedienen. Diese werden in die öffentliche Diskussion eingespeist und damit salonfähig gemacht.

Ein Paradebeispiel dieser Art findet sich bereits im historischen „Berliner Antisemitismusstreit“ von 1879: Damals veröffentlichte der liberale Geschichtsprofessor Heinrich von Treitschke einen Artikel, der die Juden angriff und ihnen vorwarf, ihr Verhalten provoziere den Ausruf „die Juden sind unser Unglück“. Obwohl Treitschke ganz sicher kein gewalttätiger Antisemit war, machten die Nazis seinen Spruch 50 Jahre später zum Motto ihres Hetzblattes „Der Stürmer“.

Auch in heutigen Debatten kommt es vor, dass jemand mit antisemitischen Klischees hantiert, ohne sich der Tragweite bewusst zu sein. Denn der gegenwärtige Antisemitismus kann auf eine jahrhundertealte Tradition zurückblicken, die vom christlichen Antijudaismus über den Rassenantisemitismus der Nazis bis hin zu den heute aktuellen antisemitischen Weltbildern des radikalen Islamismus reicht.

Christlicher Antijudaismus

Bereits im Neuen Testament finden sich antijüdische Passagen, die sich aus der Konkurrenz zwischen der damals jungen jüdischen Sekte der Christen und der Mehrheit der Juden erklären lassen, die Jesus nicht als Messias akzeptierten. Der Hauptvorwurf der Christen: Die Juden seien mitschuldig an Leid und Tod Jesu Christi. Einige dieser antijüdischen Bilder finden sich auch heute noch im allgemeinen Sprachgebrauch: zum Beispiel wenn der Jünger Judas als Symbolfigur des Verrats benutzt wird.

Im Mittelalter bildeten sich auf Basis dieser religiös motivierten Feindschaft eine Vielzahl von Legenden heraus: So wurden die Juden beschuldigt, christliche Kinder zu ermorden, um ihr Blut für geheime Riten zu benutzen. Diese Ritualmordlegende verbreitete sich in ganz Europa und hat bis in die jüngste Zeit immer wieder zu Gewaltakten gegen Juden geführt. So wurden 1946 im polnischen Kielce 42 Juden im Zuge eines Ritualmord-Pogroms erschlagen und erschossen.

Soziale Deklassierung

Hinzu trat eine sichtbare Ausgrenzung der Juden: Seit dem späten Mittelalter mussten sie in vielen Städten Kleidung tragen, die sie als Juden auswies. Auch war ihnen der Zugang zu den christlichen Zünften und damit zu handwerklichen Berufen verwehrt. Dies führte zu einer Spezialisierung auf Handel, Gewerbe und Geldverleih, der den Christen wegen des Zinsverbots nicht möglich war.

Wiewohl die meisten Juden relativ bescheiden in engen Gettos lebten, brachten es einige als Geldgeber von Fürsten oder als Kaufleute zu erheblichem Wohlstand, was sie zur Zielscheibe von Neid und Missgunst machte. Aus dieser Zeit stammt das Klischeebild des „reichen Schacherjuden“, der in Gelddingen besonders bewandert sei. Noch 1986 verwendete der Bürgermeister des niederrheinischen Korschenbroichs angesichts der leeren Stadtkasse das geflügelte Wort, zur Sanierung des Haushalts „müsse man ein paar reiche Juden erschlagen“.

Moderner Antisemitismus

Im Zuge der Aufklärung wurden die Juden allmählich den Christen rechtlich und sozial weitgehend gleichgestellt. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts waren die Juden in den meisten europäischen Ländern keiner direkten staatlichen Verfolgung mehr ausgesetzt. Als Gegenbewegung zur erfolgreichen Judenemanzipation entwickelte sich allerdings der moderne Antisemitismus, der in seinen verschiedenen Spielarten bis heute virulent ist.

Dieser verband – im Gegensatz zum Antijudaismus – verschiedene antisemitische Stereotypen miteinander und baute sie zu einem geschlossenen Weltbild aus. An der Schwelle zur Moderne entstand er als Abwehrreaktion auf einen als negativ empfundenen gesellschaftlichen Umbruch. Viele Menschen waren mit den abstrakten und für viele undurchschaubaren Prozessen, die mit der Entstehung von Kapitalismus und bürgerlicher Gesellschaft einhergingen, überfordert. Rasant entstehende komplexe Gesellschaftsstrukturen weckten das Bedürfnis nach einfachen Antworten. Für alles Negative wurde eine einzige geheime Macht verantwortlich gemacht, die im Dunkeln heimlich die Fäden ziehe: Die Juden.

Ebenfalls im 19. Jahrhundert hielt der Begriff der „jüdischen Rasse“ Einzug in die Literatur. Anknüpfend an Rassentypologien aus der Tierwelt behaupteten pseudowissenschaftliche Schriften eine Ungleichheit von „Menschenrassen“. Die „arische Rasse“ stand dabei an der Spitze der menschlichen Entwicklung, war jedoch durch „Rassenmischung“ und „Kulturverfall“ bedroht. Angeblich tobte ein Endkampf zwischen Ariern und Juden, der mit dem Sieg der einen und der Vernichtung der anderen Rasse enden würde. Auf diese Rassetheorien gründeten die Nazis ihren rassischen Antisemitismus, der auf die Vernichtung aller Juden zielte und schließlich sechs Millionen Menschen das Leben kosten sollte.

Antisemitismus nach Auschwitz

Nach Ende des zweiten Weltkrieges schien der Antisemitismus zunächst vollkommen diskreditiert zu sein. Vor allem in Deutschland entwickelte sich im Laufe der Zeit allerdings der so genannte sekundäre Antisemitismus, der den Juden ihre eigene Verfolgung und Leidensgeschichte vorwirft. Gespeist vom Bedürfnis, die nationalsozialistischen Verbrechen zu verdrängen und sich der Verantwortung zu entledigen, äußert sich diese Form des Antisemitismus vor allem in Schuldabwehr.

Der Völkermord an den europäischen Juden wird entweder geleugnet („Auschwitzlüge“), relativiert („andere Länder haben auch Dreck am Stecken“) oder es wird ein endgültiger Schlussstrich unter alle NS-Debatten gefordert. Eigene negative Gefühle wie Scham werden auf die Juden als Auslöser projiziert. Diese erscheinen im sekundären Antisemitismus als eine rachsüchtige äußere Instanz, die die „Moralkeule“ oder „Auschwitzkeule“ schwingt und die Deutschen nicht in Ruhe lässt. „Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“, fasste der Psychoanalytiker Zvi Rex das Leitmotiv des sekundären Antisemitismus pointiert zusammen.

Das Chamäleon bleibt lebendig

Antisemitische Einstellungen und Stereotype sind historisch aus vielen unterschiedlichen und zum Teil widersprüchlichen Gründen entstanden. Die religiöse Feindschaft des Christentums wurde im Mittelalter um eine ökonomische Komponente erweitert. Mit dem Aufkommen des Kapitalismus wurde dieses Vorurteil aktualisiert und mit einer rassistischen Ideologie aufgeladen. Diese Vorurteile existieren weiter und werden beständig aktualisiert, gegenwärtig zum Beispiel in den radikalen Flügeln des politischen Islam. Antisemitismus als Welterklärungsmodell ist wandelbar wie ein Chamäleon und bleibt daher bis heute ein nicht überwundenes Ressentiment.

http://www.tagesschau.de/inland/meldung494786.html

 

Dem massenhaften Mord allerdings ging eine stetig fortschreitende Entrechtung jüdischer Menschen, aber auch anderer Gruppen, voraus: Die systematische Verbannung der Juden aus dem öffentlichen Leben durch zahlreiche Gesetze, die Reichspogromnacht, die Stigmatisierung durch den öffentlich zu tragenden „Judenstern“, der Euthanasie-Mord an tausenden behinderten Menschen und die Errichtung der großen Ghettos markieren einige dieser Stationen. Gleichwohl wäre es verfehlt, von einem „geraden Weg nach Auschwitz“ zu sprechen. Bis in die 90er Jahre hinein waren sich die Historiker nicht einig, ob der Mord an den Juden das Resultat rationaler Planung der NS-Führung oder einer „kumulativen Radikalisierung“ sei. Heute neigt man zum entschiedenen Sowohl-als-auch. Ein sich „radikalisierender Prozess der Brutalisierung“ war direkt verbunden mit „vielfältigen Formen individueller und ideologischer Ziele“, resümiert etwa der Historiker Ulrich Herbert.

Auschwitz (Foto: PAP) Großansicht des Bildes Das zynische Motto von Auschwitz: „Arbeit macht frei“ über dem Lagertor

„Ganz normale Männer“

Und ebenso wenig wie der Holocaust in Auschwitz begann, endete er mit der Befreiung des Lagers. Bis zum Ende des Krieges ging das Morden weiter. Noch im April etwa wurden mindestens 7000 Häftlinge im KZ Buchenwald ermordet. Und selbst für die letzten Kriegstage sind Gewaltexzesse an Juden dokumentiert. Zwar war Auschwitz das größte deutsche Konzentrationslager, jedoch längst nicht das einzige: Deutschland und die annektierten Gebiete waren vielmehr von einem dichten Lager-Netz überzogen. Die geheimen „Todesfabriken“, in denen Häftlinge im Akkord in die Gaskammern getrieben wurden, standen zwar weit im Osten. Konzentrationslager aber gab es überall im Herzen Deutschlands: In Buchenwald bei Weimar, in Neuengamme nahe Hamburg, in Sachsenhausen unweit von Berlin und im nur wenige Kilometer von München entfernten Dachau. Hinzu kamen Flossenbürg, Mittelbau-Dora, Mauthausen, Ravensbrück, Bergen-Belsen und unzählige Außenlager. All diese Namen stehen heute – ebenso wie Auschwitz – für die Verbrechen der Nationalsozialisten. Auch hier wurden Menschen unter unmenschlichen Bedingungen zur Arbeit bis in den Tod gezwungen, erschossen, gehenkt. Sie verhungerten, erfroren oder starben an den Folgen medizinischer Versuche.

Wachpesonal und Häftlinge in Auschwitz im Jahr 1942 (Foto: A0009 dpa) Großansicht des Bildes Wachpersonal und Häftlinge in Auschwitz im Jahr 1942

Die Zahl derjenigen, die den Mord von Angesicht zu Angesicht – in Wachmannschaften, Einsatzgruppen und Polizeibataillonen – verübten oder am Schreibtisch mitorganisierten, dürfte in die Hunderttausende gehen. Trotz ihrer hohen Zahl aber blieben die Täter für lange Zeit in der Öffentlichkeit und in der Wissenschaft merkwürdig gesichtslos. Sie wurden entweder als „Bestien in Menschengestalt“ dämonisiert oder aber ihre Taten wurden auf einen – inzwischen vielfach widerlegten – Befehlsnotstand zurückgeführt. Erst relativ spät hat die Holocaust-Forschung die Täter in den Blick genommen und befasst sich seitdem in umfangreichen Studien mit verschiedenen Täter-Gruppen und den Milieus, aus denen sie stammten. Der Befund der Wissenschaftler offenbart eines der verstörendsten Erkenntnisse über den Holocaust: Oft waren die Täter keineswegs eiskalte Killer, sondern „ganz normale Männer“ aus der Mitte der Gesellschaft, wie etwa der Historiker Christopher Browning schließt.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: