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„In Tunesien kann es Demokratie nur dann geben, wenn es auch Entwicklung gibt. Wenn die Menschen spüren, dass das Land auf dem richtigen Weg ist, dann werden sie ein wenig Geduld haben“ Auch das ist Tunesien, ein Jahr nach dem Sturz von Ben Ali. Demonstrationen, Sit-Ins, Streiks: Besonders im strukturschwachen Süden, in der Wiege der Revolution, ist viel Bitterkeit zu spüren. Landesweit sind 20 Prozent der Tunesier arbeitslose, junge, gut ausgebildete Akademiker finden keinen Job.

Januar 15, 2012

Ein Jahr nach dem Sturz von Ben Ali
Schatten auf der Revolution in Tunesien

Ein Jahr nach Beginn der Revolution in Tunesien herrscht Ernüchterung. Wieder zünden sich Menschen aus Verzweiflung selbst an, wieder hallen Protestrufe durch die Straßen. Viel geändert hat sich in Tunesien ohne Ben Ali nicht. Einigen Menschen geht es sogar noch schlechter als unter dem Diktator.

Von Alexander Göbel, ARD-Hörfunkstudio Rabat

Für Übergangspräsident Marzoukin ist der Neuanfang ein schwieriges Unterfangen.
Das hätte Tunesiens neuer Präsident Moncef Marzouki wohl nicht erwartet. Dass ihn eine wütende Menschenmenge ausbuhen und „Dégage“ schreien würde – das berühmte „Hau ab“. Noch vor einem Jahr hatte es Diktator Ben Ali gegolten. Doch hier in Kasserine, im Süden Tunesiens, sind die Menschen enttäuscht von der neuen politischen Mannschaft aus Tunis. Vor dem Denkmal für die Märtyrer der Revolution dürfen Marzouki und der neue Premierminister Dschebali noch einen Kranz niederlegen, dann müssen sie ihren Besuch abbrechen.
Streiks und Demonstrationen

Auch das ist Tunesien, ein Jahr nach dem Sturz von Ben Ali. Demonstrationen, Sit-Ins, Streiks: Besonders im strukturschwachen Süden, in der Wiege der Revolution, ist viel Bitterkeit zu spüren. Viele Tunesier beklagen, dass es ihnen wirtschaftlich schlechter geht als vorher. Auch in Gafsa, der bitterarmen Stadt der Phosphatminen. Hier liegt die Arbeitslosigkeit bei mehr als 40 Prozent.

„Es muss sich endlich was bewegen! Schau Dir die Infrastruktur hier an, da ist nichts!“, sagt ein Demonstrant. „Das ist eine absolute Katastrophe! Die Regierung muss dafür sorgen, dass der Ertrag aus diesen Minen auch in Gafsa bleibt.“

Die Regierung verspricht regionale Entwicklungsbüros, um in vernachlässigten Orten wie Gafsa Schulen, Krankenhäuser und Straßen zu bauen. Das neue Tunesien brauche Zeit, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Azzam Mahjoub. Zeit, und die richtigen Entscheidungen.
„Die Menschen müssen Geduld haben“

„In Tunesien kann es Demokratie nur dann geben, wenn es auch Entwicklung gibt. Wenn die Menschen spüren, dass das Land auf dem richtigen Weg ist, dann werden sie ein wenig Geduld haben“, sagt Mahjoub. „Wenn sie aber merken, dass sich einfach nichts ändert, dann wird es schwierig.“

Doch die Verzweiflung ist größer als die Geduld. Ein Teufelskreis, sagt Azzam Mahjoub. Landesweit sind 20 Prozent der Tunesier arbeitslose, junge, gut ausgebildete Akademiker finden keinen Job, der Tourismus ist eingebrochen, die Wirtschaft stagniert, die Investoren bleiben weg. Folgen der Finanzkrise, aber auch und vor allem Folgen der Revolution. Der hohe Preis für die Freiheit.
Tunesier feiern ersten Jahrestag der Revolution

Demonstraten protestieren in Tunis
Ein Jahr nach dem Tod des Gemüsehändlers Mohammed Bouazizi haben sich wieder Menschen mit Benzin übergossen und angezündet. Ein Arbeitsloser aus Gafsa starb vor wenigen Tagen an seinen Brandverletzungen. Die Geschichte drohe, sich zu wiederholen – glauben die Pessimisten.

Wegen der wirtschaftlichen Lage waren die Tunesier ja vor einem Jahr auf die Straße gegangen. Jetzt demonstrieren sie wieder, während die neue Regierung sich um stabile Verhältnisse bemüht. Verlässliche, demokratische Strukturen – für Präsident Marzouki sind sie die wichtigste Voraussetzung, um die Revolution zu einem guten Ende zu führen:

„Es gibt Demonstrationen, aber das Land bewegt sich, trotz all der großen Probleme. Ich versuche, den Tunesiern klarzumachen, dass wir politische Stabilität brauchen, damit die Investoren zurückkommen – und ich weiß, dass sie dazu bereit sind. Wenn aber die Menschen hier weiter diese unruhige Atmosphäre schüren, sägen sie sich am Ende selbst den Ast ab, auf dem sie sitzen!“

http://www.tagesschau.de/ausland/tunesien544.html

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