Skip to content

Militärrat hat Tahirplatz und Kairoer Zentrum mit Mauern abgeriegelt, um neue Demonstrationen unmöglich zu machen – Amerikanischer Politiker spricht offen in Kairo: „Die Verbindungen der USA zu Ägypten sind strategisch und von Erdölinteressen und dem Wunsch, Israel als Staat zu erhalten, geprägt.“ Palästinenser protestieren, da er Mitglied in der amerikanischen pro-israelischen Lobbygruppe Aipec sei, die stark für die Nichtachtung der Rechte der Palästinenser verantwortlich sei.

Januar 13, 2012

Wie im Krieg

Weite Teile des Kairoer Zentrums sind abgeriegelt

Die Mauer vor der Amerikanischen Universität in Kairo. (Bild: Kristina Bergmann)Zoom

Die Mauer vor der Amerikanischen Universität in Kairo. (Bild: Kristina Bergmann)

Die gesperrte amerikanische Universität in Kairo öffnete ihre Tore für einen Vortrag des amerikanischen Politikers Martin Indyk. Für die NZZ-Korrespondentin Kristina Bergmann gestaltete sich der Weg dorthin aufgrund der Mauern und Stacheldrahtverhauen als schwierig.

Kristina Bergmann, Kairo

In der Kairoer U-Bahn-Station «Saad Zaghlul». (Bild: Kristina Bergmann)Zoom

In der Kairoer U-Bahn-Station «Saad Zaghlul». (Bild: Kristina Bergmann)

Die Falakistrasse in Kairos Zentrum südlich des Tahrir-Platzes, die von der U-Bahnstation «Saad Zaghlul» fast bis zur Amerikanischen Universität in Kairo (AUC) führt, wirkt heute ausgestorben. Normalerweise ist sie belebt und voll von Verkaufsständen. Nun prägen Abschrankungen, Stacheldraht und Zugangsverbote das Bild. Seit den jüngsten Unruhen rund um den zentralen Tahrir-Platz, wo auch die AUC liegt, hat der momentan herrschende Militärrat vier Mauern errichten lassen. Sie haben den Handel dort lahm gelegt, riegeln mehrere Verkehrsachsen ab und erwecken den Eindruck von Krieg. Für den Besuch von Martin Indyk, dem früheren amerikanischen Botschafter in Israel, wurde die AUC geöffnet. Politiker Indyk sprach dort über die Beziehungen der USA zu Ägypten und ihren Wandel.

Öl und Israel als Grundpfeiler

Indyk nahm kein Blatt vor den Mund. Er sagte offen, die Verbindungen der USA zu Ägypten seien strategisch und von Erdölinteressen und dem Wunsch, Israel als Staat zu erhalten, geprägt.

Er hielt am ursprünglichen Plan, seinen Vortrag in der nun gesperrten AUC am Tahrir-Platz zu halten, fest. Die «Oriental Hall» wurde für ihn geöffnet, doch übrige Säle und das grosse Buchgeschäft der AUC blieben geschlossen. Ruqueiya Tebberi, Studentin und Präsidentin des palästinensischen Quds-Clubs, protestierte im Saal mit einem Plakat gegen Indyks Kommen und bezichtigte ihn der Mitgliedschaft bei Aipec, einer pro-israelischen Lobby in den USA mit über 100’000 Mitgliedern. Laut Tebberi ist Aipec weitgehend an der Misere der Palästinenser schuld.

Stacheldraht und Mauern

Noch liegen viele Pflastersteine, die als Wurfgeschosse dienten, herum. (Bild: Kristina Bergmann)Zoom

Noch liegen viele Pflastersteine, die als Wurfgeschosse dienten, herum. (Bild: Kristina Bergmann)

Der Weg von der «Saad Zaghlul»-Station zur AUC ist nicht weit. Die meisten Sperren dort sind mit Stacheldrahtrollen bewehrt, andere bestehen aus beweglichen Metallgittern, die leicht abzubauen wären. Auch neben der neuen Mauer am Ende der Kasr-al-Aini-Strasse südlich des Tahrir-Platzes und vor der AUC befindet sich eine Strassensperre. Mauer und Abriegelung verhindern den Zugang zur AUC. Ihre Direktorin sagte deshalb, angesichts der heutigen Situation sei sie froh, dass ein Grossteil der Universität vor mehreren Jahren in die Vorstadt gezogen sei. Der Umzug war damals aus Platzgründen geschehen.

Der Campus beim Tahrir-Platz wird aber prinzipiell weiter genutzt. Nicht nur seine zentrale Lage, sondern auch die Schönheit der neo-islamischen Gebäude und Räume sind Anreize. Ihm gegenüber liegt übrigens – durch eine weitere Mauer abgesperrt – das «Institut d’Egypte». Darin befanden sich kostbare alte Drucke, Karten und Bücher; im Verlauf der gewalttätigen Auseinandersetzungen brannte das Gebäude samt Inhalt im Dezember nieder.

Auch Stacheldraht dient nicht immer der Absperrung, sondern liegt oft nur herum. (Bild: Kristina Bergmann)Zoom

Auch Stacheldraht dient nicht immer der Absperrung, sondern liegt oft nur herum. (Bild: Kristina Bergmann)

Heute befürchten frühere Sympathisanten von Expräsident Mubarak, dass bei der Räumung der Mauern und der Stacheldrahtverhaue neue Unruhen ausbrechen könnten. Das ist möglich, da manche Ägypter nun den Abtritt der Anhänger Mubaraks und des herrschenden Militärrats wünschen.

Letzterer hat auch die Parlamentsstrasse, die sich ganz in der Nähe der AUC befindet, abriegeln lassen. Dort stehen steif und stumm Militärpolizisten. Ein Offizier in zivil meinte hingegen leutselig, niemand dürfe in die Parlamentsstrasse. So lauteten nämlich die Anweisungen von «oben». Damit meinte er nicht etwa Gott, sondern die Menschen, die jetzt über Ägypten herrschen.

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: