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Angesichts eines ungezügelten Kapitalismus, des Niedergangs des Gesundheitswesens und der sozialen Sicherheit, der ethnischen und religiösen Spannungen in autoritären Regimen denken viele in den den Ländern der früheren Sowjetunion mit Wehmut zurück!

Januar 13, 2012

Postsowjetische Staaten

Kapitalismus in seiner ungezügeltsten Form

Von Thomas Grimm

Zwanzig Jahre nach dem Zusammenbruch der UdSSR: Thomas Kunze und Thomas Vogel vermitteln in ihrem Buch die Bandbreite der komplexen Probleme bei der Errichtung neuer Nationalstaaten auf den Trümmern der Sowjetunion.

Das Unfassbare geschieht 1991 an einem Mittwoch in Moskau: Michael Gorbatschow verkündet in einer Fernsehansprache am 25. Dezember die Auflösung der Sowjetunion. Über Nacht verschwindet der kommunistische Koloss aus dem Weltgeschehen. Die letzten Worte, die die SowjetbürgerInnen von ihrem Präsidenten hören: «Ich wünsche Ihnen alles Gute.»

Wie leben die Menschen zwanzig Jahre später in den neuen Ländern? Was wissen wir über diesen gewaltigen Transformations­prozess – von Kaliningrad bis Wladiwostok, vom Schwarzen Meer bis zum Pazifischen Ozean? Das fragten sich Thomas Kunze und Thomas Vogel in ihrem neuen Buch.

Die Voraussetzungen, unter denen die fünfzehn neuen Staaten entstanden sind, waren sehr unterschiedlich: Für Russland, das grösste Nachfolgeland, war die Umwandlung zumindest bezüglich nationaler Identität am einfachsten. Im Kapitel «Von Lenin zu Manas: Neue nationale Identitäten» beschreiben die Autoren die Schwierigkeiten vieler postsowjetischer Republiken, an eine frühere Identität anzuknüpfen. Die Grenzen ihres heutigen Staates sind in vielen Fällen Resultat der Grenzziehungspolitik der Sowjet­union. Als Geburtshelfer nationaler Identitäten dienten somit oft fragwürdige historische Rückgriffe oder erfundene Traditionen.

Neue Sowjetnostalgien

Die Sowjetmacht erzwang in allen Teilrepubliken die Durchsetzung der marxistisch-leninistischen Ideologie. Landesweit war das Russische siebzig Jahre lang Amts- und Bildungssprache. Ob Georgierin, Usbeke, Kasachin oder Litauer: Man versteht sich dank der einen Sprache. Mit Blick auf die Globalisierung darf man die Einführung des Russischen, die mit der leninschen Alphabetisierungskampagne begann, als einen der grossen Erfolge der Sowjet­zeit bezeichnen. Unterdessen ist in vielen Ländern nicht nur die Sowjetsprache auf dem Rückzug – die russischen Minderheiten sind es ebenso.

Bis 1991 lebten die 130 Völker in der Sow­jetunion einigermassen friedlich zusammen. Das änderte sich mit der Entstehung der neuen Nationen. Jetzt ist es der Russe, der für alle Sünden des Sowjetkommunismus geradestehen muss. Viele haben deshalb die postsowjetischen Staaten verlassen und sind nach Russ­land zurückgekehrt. Über 25 Millionen RussInnen leben heute im Ausland, die meisten in den Nachfolgestaaten der UdSSR und in Israel. Die russische Aussen­politik entdeckt zunehmend ihre «Landsleute» im nahen Ausland. Im Ringen um Macht und Einfluss in den an Bodenschätzen reichen ehemaligen Sowjetrepubliken fördert man neuerdings gezielt die russische Sprache und Kultur.

Um den Transformationsprozess zu verstehen, haben die beiden Autoren aktuelle Umfragen zum Verhältnis der Menschen zur alten sowjetischen Zeit herangezogen. Worin bestehen die bleibenden Elemente des kollektiven Gedächtnisses? Es sind die drei grossen historischen Komplexe: Stalinzeit, Grosser Vaterländischer Krieg (1941–1945), Afghanistankonflikt (1979–1988). In jeder Familie aller Nachfolgestaaten haben sie Spuren und Opfer hinterlassen. In ihrer nationalen Färbung sind sie Bestandteil jeder neueren staatlichen Geschichts­schreibung.

Warum aber entsteht in den Umfragen der Eindruck einer Sowjetnostalgie? Als Radio Moskau 2010 die Frage stellte: «Der Sowjetmensch – war das ein ideologischer Mythos oder eine historische Errungenschaft?», antworteten 94 Prozent der Befragten aus allen Staaten mit «historische Errungenschaft».

Am höchsten war die Zustimmung in Russland, doch selbst in Litauen empfinden inzwischen 50 Prozent, «dass es zu Sowjetzeiten mehr Demokratie und ein besseres Gesundheitssystem gab». Das ist ein klarer Ausdruck für den Niedergang öffentlicher Ordnung und sozialer Sicherheit in vielen ehemaligen Sow­jetrepubliken. Selbst in Georgien, das 2008 einen Krieg gegen Moskau provozierte, ist die Sowjetnostalgie en vogue. Stalins Geburtshaus wird wie zu Sowjetzeiten als Museum betrieben.

An den Gesundheitssystemen kann man diesen Niedergang besonders deutlich erkennen. War in der UdSSR flächendeckend eine kostenlose medizinische Versorgung gesichert, fehlt es heute in den meisten Ländern an Ärzt­Innen, weil die gut ausgebildeten ins Ausland gehen. In den meisten Staaten ist eine Zweiklassenmedizin entstanden. Die einen werden in Luxuskliniken behandelt, andere können sich keinen Arztbesuch mehr leisten. In Armenien breitet sich gar die Armutskrankheit Tuberkulose aus. Der Kapitalismus hat in seiner ungezügeltsten Form Einzug gehalten.

Die alten kommunistischen Eliten haben sich in nationalistischen Machtverhältnissen etabliert. Nicht zufällig sind ihre Staatsformen mehr oder weniger Präsidialrepubliken mit weitreichenden Befugnissen des Präsidenten. Meist sind es die letzten KP-Chefs, die diesen Posten für sich requirieren.

Ethnische und soziale Konflikte

Am Beispiel der zentralasiatischen Nachfolge­staaten gelingt es Kunze und Vogel, die Probleme einer ganzen Region zu thematisieren. Nur gerade fünf Stunden Flugzeit von West­europa entfernt stehen diese Staaten vor grossen politischen, sozialen und ökologischen Herausforderungen – so etwa der Versorgung der Bevölkerung mit Wasser. Der Besuch am Aralsee vermittelt das Ausmass der ökologischen Katastrophe: Das Wasser der drei Zu­leitungsflüsse wird seit den siebziger Jahren zur Bewässerung der Baumwollfelder umgeleitet. Ein sow­jetischer General sagte damals, zum Nutzen des Menschen müsse der See sterben wie ein Held. Das sowjetische Erbe reicht heute 130 Kilometer weit. So weit hat sich das Wasser zurückgezogen und Wüste hinterlassen.

Die Nachbarstaaten von Pakistan, Afghanistan und Iran erleben einen zusätzli­chen Balanceakt: Einerseits wird vom Westen Demokrat­isierung eingefordert, andererseits sollen sie den Vormarsch der Islamisierung bremsen. Autoritäre Herrschaft ist das bis dato erprobteste Mittel, um die Integrität und einen fragilen Frieden in diesen Staaten aufrechtzuerhalten. Die Autoren schildern diese religiösen, ethnischen und sozialen Konflikte in differenzierten Bildern und an Einzelschicksalen. Aber nicht nur in Mittelasien, auch in Moldawien, wo junge Menschen auf die Wiedervereinigung mit Rumänien warten, oder in Lettland, wo in Riga geborene junge RussInnen keinen lettischen Pass erhalten, kennzeichnen ethnische und soziale Konflikte das gesellschaftliche Klima.

 

 

http://www.woz.ch/artikel/2012/nr02/sachbuch/21604.html

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