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Euronews: „Mossad tötet Atomphysiker in Teheran“ Der iranische Nuklearwissenschaftler Mostafa Ahmadi Roschan ist getötet worden. War es Israel? Der Spiegel zu einem ähnlichen Mord im vergangenen Jahr: Unschuld beteuert man anders: „Israel antwortet nicht“, sagte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak, als er Anfang vergangener Woche gefragt wurde, ob sein Land in den jüngsten Mord an einem iranischen Atomwissenschaftler verwickelt sei. Das Lächeln, das dabei seine Lippen umspielte, dürfte wohlkalkuliert gewesen sein. Israel lässt den Verdacht, es stecke hinter einer Mordserie an Physikern des umstrittenen iranischen Atomprogramms, gern im Raum stehen. Wenn sich das die Iraner in Israel oder den USA rausnehmen würden – einfach Menschen umbringen, die nicht ins eigene Konzept passen – Das Menschenrecht und internationale Recht wird immer mehr mit Füßen getreten – ausgerechnet von dem Staat, der seit Jahrzehnten nachweislich illegal Atobmomben baut und dafür von der internationalen Gemeinschaft noch nie belangt worden ist. Der Internationale Strafgerichtshof sollte sich der sache annehmen: Mord ist nicht hinnehmbar!

Januar 11, 2012

Bei einem Sprengstoffanschlag im Norden der iranischen Hauptstadt Teheran ist ein Professor für Atomphysik getötet worden. Wie die iranische Nachrichtenagentur Fars meldet, befestigte ein Motorradfahrer im Vorbeifahren einen Sprengsatz am Fahrzeug des Professors. Der stellvertretende Gouverneur von Teheran machte den israelischen Geheimdienst Mossad für den Anschlag verantwortlich.

http://de.euronews.net/2012/01/11/mossad-toetet-atomphysiker-in-teheran/

http://www.spiegel.de/politik/ausland/0,1518,777197,00.html

Irans Atomprogramm
Israels mörderische Sabotage-Strategie

Von Ulrike Putz, Beirut
AFP

Irans Nuklearanlage Buschehr: „Israel antwortet nicht“

Ein Nuklearforscher nach dem anderen fällt in Iran einer Mordserie zum Opfer. Will der Mossad so den Bau einer iranischen Atombombe sabotieren? Israel dementiert das nicht. Noch rigoroser wollen israelische Generäle vorgehen: Sie fordern immer vehementer einen Luftangriff.

Unschuld beteuert man anders: „Israel antwortet nicht“, sagte Israels Verteidigungsminister Ehud Barak, als er Anfang vergangener Woche gefragt wurde, ob sein Land in den jüngsten Mord an einem iranischen Atomwissenschaftler verwickelt sei. Das Lächeln, das dabei seine Lippen umspielte, dürfte wohlkalkuliert gewesen sein. Israel lässt den Verdacht, es stecke hinter einer Mordserie an Physikern des umstrittenen iranischen Atomprogramms, gern im Raum stehen.

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Dass Israel hinter dem Anschlag auf Dariusch Rezaie in Teheran steckt, wird in der Schattenwelt der Geheimdienste kaum bezweifelt: „Das war die erste laute Aktion des neuen Mossad-Chefs Tamir Pardo“, sagte ein Informant aus israelischen Geheimdienstkreisen zu SPIEGEL ONLINE.

Am vorvergangenen Samstag wurde Rezaie zum vorerst letzten Opfer einer mysteriösen Anschlagserie, mit der Unbekannte seit nunmehr 20 Monaten die Physiker-Elite der Islamischen Republik dezimieren. Der 35-Jährige wurde vor dem Kindergarten seiner Tochter im Osten Teherans von tödlichen Schüssen in den Hals getroffen. Iranische Medien sprachen von zwei Tätern, die auf einem Motorrad entkommen konnten.

Rückschlag für das iranische Atomprogramm

Wer war der Mann, der vor den Augen seiner Frau und Tochter erschossen wurde? Israelische Medien berichteten, der Doktor der Physik habe an der Entwicklung eines Zünders für Atombomben gearbeitet. Er sei täglich in einem Forschungszentrum für Nuklearwissenschaften im Norden Teherans gesehen worden.

Ein Repräsentant eines Mitgliedsstaats der Atomenergiebehörde IAEA in Wien sagte der Nachrichtenagentur AP, das Mordopfer habe tatsächlich an der Entwicklung einer Schaltung gearbeitet, wie sie in Zündern von Atombomben zum Einsatz komme.

Dass Rezaies Tod das Atomprogramm Irans empfindlich trifft, ließ sich aus den offiziellen Reaktionen des Landes ablesen: Kazem Dschalai, Vorsitzender des Nationalen Sicherheitsrats des Parlaments, wetterte, der Mord an iranischen Physikern zeige die „Verzweiflung“ der USA und Israels angesichts der nuklearen Ambitionen Teherans.

Rezaie ist seit Beginn 2010 der dritte iranische Atomphysiker, der seinen Beruf mit dem Leben bezahlt:

Im Januar 2010 stirbt der Kernphysiker Massud Ali Mohammadi, als eine ferngezündete Motorradbombe neben seinem Auto explodiert. Nach westlicher Einschätzung gehörte Mohammadi zur Elite der iranischen Nuklearforscher.
Am 29. November 2010 verüben Unbekannte zwei Anschläge, bei denen Motorradfahrer während der Fahrt Sprengsätze an die Autos ihrer Opfer heften. Madschid Schahriari, Professor für Atomphysik mit dem für den Bau von Atombomben relevanten Spezialgebiet Neutronentransport, überlebt die Explosion seines Wagens nicht. Seine Frau wird schwer verletzt.
Gleichzeitig wird Feridun Abbasi angriffen. Der Experte für Isotopentrennung bemerkt den verdächtigen Motorradfahrer jedoch und springt mit seiner Frau aus dem Auto. Die Detonation verletzt beide. Nach Abbasis Genesung ernennt Präsident Mahmud Ahmadinedschad ihn zum Chef der Atomenergiebehörde und zum Vizepräsidenten.

Iran vermutet die USA und Israel hinter den Attentaten

Iran sieht das „Dreieck der Niedertracht“ hinter den Attentaten: Die USA, Israel und von ihnen bezahlte Handlanger steckten hinter den Attacken, heißt es in Teheran. Washington weist jede Schuld von sich: „Wir waren nicht darin verwickelt“, sagte eine Sprecherin des US-Außenministeriums im Bezug auf den Tod Rezaies. Israel hingegen schweigt vieldeutig.

Die Tötungen sind Teil einer Kampagne, die das iranische Atomprogramm sabotieren oder zumindest verlangsamen soll, heißt es in israelischen Geheimdienstkreisen. Die Taktik beschränke sich dabei nicht nur auf Gewaltverbrechen. Auch der Cyber-Angriff mit dem Computervirus Stuxnet, der im Sommer 2010 weite Teile des iranischen Atomprogramms lahmlegte, soll Teil der israelischen Geheimoffensive gegen Iran sein.

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Hardlinern im israelischen Militär sollen die verdeckten Aktionen jedoch nicht weit genug gehen: Der Ruf nach einer Bombardierung Irans werde vor allem bei Offizieren der israelischen Luftwaffe immer lauter, sagte der Informant zu SPIEGEL ONLINE. Es gebe eine hitzige Debatte darüber, wie effektiv solche Mordkampagnen seien und ob sie ihr Ziel erfüllten, berichtete auch Yossi Melman, Geheimdienstexperte der Zeitung „Haaretz“. Hinzu kommt, dass Jerusalem für die Anschläge seiner Agenten im Ausland bereits heftige Kritik einstecken musste.

Noch kann sich der Mossad mit seiner Strategie durchsetzen

Bislang konnten sich die Experten des Mossad mit ihrer Einschätzung durchsetzen, der Bau einer iranischen Bombe sei am besten mit Anschlägen auf Schlüsselfiguren und Atomanlagen zu verzögern. Doch wie lange Ministerpräsident Benjamin Netanjahu diesem Ratschlag noch folgen wird, ist fraglich: In Jerusalem ist bekannt, dass der Auslandsgeheimdienst durchaus auch eigene Interessen verfolgt, wenn er den Kampf gegen Iran allein von seinen Männern führen lassen will.

„Solange der Mossad im Kampf gegen die Bombe federführend ist, kriegt er die großen Budgets“, so die Quelle. Ob es in der Zukunft einen offenen Angriff auf Irans Atomanlagen geben werde, hänge auch davon ab, welche israelische Institution den internen Machtkampf für sich entscheiden könne – das Militär oder der Geheimdienst. „Wie in allen Dingen geht es auch hier ums Prestige.“

Anmerkung der Redaktion: In einer früheren Version des Artikels hieß es, die Atomenergiebehörde habe die Darstellung bestätigt, dass der ermordete Physiker an einer Schaltung für Atomwaffen gearbeitet habe. Tatsächlich hat dies ein Vertreter der IAEA-Mitgliedsstaaten der Nachrichtenagentur AP gesagt, es handelt sich nicht um eine offizielle Stellungnahme. Wir haben den Artikel entsprechend korrigiert.
17.01.2011

Der Schattenkrieg

Von Bednarz, Dieter und Bergman, Ronen

Sabotageakte und Anschläge auf iranische Wissenschaftler gelten als Standardwaffen im Arsenal des israelischen Geheimdienstes Mossad. Sie sollen das Nuklearprogramm der Mullahs zurückwerfen. Die reagieren mit der Verhaftung mutmaßlicher Attentäter. Von Dieter Bednarz und Ronen Bergman

Der junge Mann im Scheinwerferlicht wirkt ernst und freundlich. Er trägt einen blauen Pulli und ein frisch gebügeltes Hemd, seine Haare sind sorgsam gekämmt, offenbar will er Glaubwürdigkeit ausstrahlen.

Er sitzt in einem Drehstuhl aus braunem Leder. Als er zu sprechen beginnt, hat er seine Fingerspitzen aufeinandergelegt, wie es Politiker gern tun. „Mein Name ist Madschid Dschamali Fasch“, so stellt er sich vorigen Montag den Zuschauern des iranischen Staatsfernsehens vor. „Meine erste Begegnung mit dem israelischen Geheimdienst hatte ich vor drei Jahren in Istanbul. Dort sprach mich ein Mann mit dem Namen Radfur an und schlug mir einen Besuch im israelischen Konsulat vor.“

Mit diesen Worten begann das spektakulärste Geständnis, das je im iranischen Fernsehen gezeigt wurde, obgleich Selbstbezichtigungen, sei es von festgenommenen Oppositionellen oder ausländischen Journalisten, dort nicht gerade selten sind.

Doch Dschamalis Aussagen sind einzigartig: Erstmals räumte ein Iraner öffentlich ein, im Auftrag des Erzfeindes Israel einen Mord in der iranischen Hauptstadt begangen zu haben. Am 12. Januar vergangenen Jahres will Dschamali den Kernphysiker Massud Ali Mohammadi mit einer ferngezündeten Bombe getötet haben – alles nach präziser Planung und intensivem Training durch den israelischen Geheimdienst Mossad.

Was immer an diesem Geständnis Propaganda sein mag – die, die es möglicherweise erpresst oder fabriziert hatten, sahen sich immerhin gezwungen zuzugeben, dass die Feinde Irans in der Lage sind, ihre Bomben im Herzen des Landes zu zünden. So war die zweifelhafte Beichte des angeblichen Täters gleichzeitig auch ein Eingeständnis des Regimes, dass um das Nuklearprogramm des Gottesstaats längst ein Schattenkrieg begonnen hat (siehe Seite 92).

Während die Strategen in den internationalen sicherheitspolitischen Think-Tanks immer eifriger und aufgeregter den Zeitpunkt diskutieren, an dem Israel, mit oder ohne Hilfe der USA, einen Militärschlag gegen Irans Atomfabriken führen könnte, stellt sich die Frage inzwischen anders: Haben der politische Druck der internationalen Staatengemeinschaft und die klandestinen Aktivitäten Israels wie der USA es geschafft, das Datum für einen solchen Schlag hinauszuzögern? Haben etwa Anschläge des israelischen Geheimdienstes Mossad dem Nuklearprogramm der Mullahs so sehr geschadet, dass diese vor 2015 gar nicht in der Lage wären, einen atomaren Sprengsatz zu bauen?

Von Israel aus gesehen wird der Frage, ob Iran eine Nuklearwaffe besitzt, existentielle Bedeutung beigemessen. Eine solche Bombe wäre eine Bedrohung für den jüdischen Staat – genauso wie für die Palästinenser im Westjordanland oder im Gaza-Streifen. Muss man also froh sein, wenn Israels Schattenkrieger ein solches Armageddon ein wenig unwahrscheinlicher machen?

Die Welt des verdeckten Kriegs ist jedenfalls ein Metier, in dem Israel überragende Erfahrung hat. Israels Auslandsgeheimdienst Mossad hält sich an eine Empfehlung aus dem Talmud: „Wenn jemand daherkommt, dich zu töten, stehe auf und töte ihn zuerst.“

Der Ende vorigen Jahres nach achtjähriger Amtszeit abgelöste, mit hohen Ehren in den Ruhestand versetzte Mossad-Chef Meïr Dagan hatte noch vom damaligen Premier Ariel Scharon den offiziellen Titel eines Oberkommandierenden für Israels verdeckten Krieg gegen die nuklearen Ambitionen Irans erhalten.

Und genau darauf hat sich Dagan konzentriert. Die Wirksamkeit seiner verdeckten Operationen ließ sich erkennen an den Unfällen und Rückschlägen, die das iranische Atomprogramm seither immer wieder aufhielten: Da verschwanden wichtige Wissenschaftler spurlos, in einem Labor brach aus unerklärlichen Gründen Feuer aus. Ein Flugzeug, das zum Nuklearprogramm der Iraner gehörte, stürzte ab. In den vergangenen Monaten fraß sich der Computerschädling Stuxnet durch die Steuerungsanlagen für die Zentrifugen in der Urananreicherungsanlage von Natans und richtete dort noch nicht absehbaren Schaden an.

Bevor er sein Amt verließ, legte Dagan gleich mehrere Male hinter verschlossenen Türen seine Überzeugung dar. Im Gegensatz zu anderen Israelis glaubt er, dass die Iraner nicht vor 2015 die Bombe bauen können, und womöglich sogar erst später. Seine Botschaft ist klar: Er ist gegen einen Krieg mit Iran, der, so seine Befürchtung, zu einem umfassenden Krieg im ganzen Nahen Osten führen könnte. Er empfiehlt auch weiterhin verdeckte Operationen, mit denen der Mossad, wie er zu verstehen gibt, die schiitische Bombe wieder und wieder aufhalten konnte.

Wie Schlaglichter beleuchten die Geheimdienstanschläge auf iranische Nuklearwissenschaftler mitten im Herzen von Teheran den Schattenkrieg der Israelis. Vor allem das Geständnis von Madschid Dschamali belegt, wenn es denn nicht fingiert ist, dass die Attentate langfristig geplant und sorgfältig vorbereitet waren.

Erste Instruktionen erhielt Dschamali angeblich im israelischen Konsulat in Istanbul. „Dort habe ich mit Männern gesprochen, die hinter schwarzen Scheiben saßen. Sie befragten mich und wollten, dass ich ihnen Informationen über bestimmte Stadtviertel in Teheran besorge.“ Dschamali soll zurückgefahren sein und bei seinem zweiten Besuch am Bosporus 30 handgeschriebene Seiten voller Details abgeliefert haben. „Meine Gesprächspartner haben sich über meine Arbeit sehr gefreut“, sagt er. Danach soll die eigentliche Ausbildung begonnen haben. Nach verschiedenen Treffen in Europa, aber auch in Thailand erhielt er angeblich eine Anzahlung auf das Attentat: 30 000 Dollar. Weitere 20 000 sollten nach dem Anschlag folgen.

Das entscheidende Training will er dann in Israel erhalten haben. In einem Militärcamp nahe der Autobahn von Tel Aviv nach Jerusalem hätten die Israelis das Wohnhaus des iranischen Wissenschaftlers und dessen Straßenlage simuliert. Auch ein Motorrad des Typs „Honda 125“ habe der Mossad organisiert, eine kleine, wendige Maschine, die in Teheran häufig benutzt wird. Ein solches Modell sollte Dschamali später mit einer Bombe präparieren, die er vor dem Haus des Physikers Mohammadi zünden sollte.

Auch Schießunterricht habe er erhalten, erklärt Dschamali. Von einer Visagistin habe er gelernt, sich zu schminken und zu verkleiden. Zum Abschluss des Trainings sei das Attentat dreimal hintereinander durchexerziert worden.

Zurück in Teheran sei er dann von anderen Mossad-Zuträgern ausgestattet worden: Das Motorrad habe bereitgestanden, die Bombe, aber auch Handschuhe und Motorradkleidung seien ihm in zwei Pappkartons angeliefert worden. Zur Ausstattung gehörten auch zwei Satellitentelefone. Über eines der Geräte sei dann, am frühen Morgen des 12. Januar, der Befehl gekommen zuzuschlagen.

Als Mohammadi an diesem Morgen den Hof verließ, explodierte die Motorradbombe, die der Attentäter auf der Fahrerseite neben die Ausfahrt platziert hatte.

Die Wucht der Explosion war so gewaltig, dass aus der Fassade eines gegenüberliegenden vierstöckigen Apartmenthauses schwere Steinplatten herausbrachen und sämtliche Fensterscheiben zerbarsten. Mohammadis Wagen war völlig zerstört, er selbst auf der Stelle tot.

Eine ähnlich aufwendige logistische Leistung haben offenbar Dagans heimliche Teheraner Helfer Ende vergangenen Jahres vollbracht – mit einem zeitgleichen Doppelschlag gegen die Atomwissenschaftler Madschid Schahriari und Feridun Abbasi Dawani.

Die beiden Experten zählten wie Mohammadi zur Elite der iranischen Nuklearforscher. Schahriari arbeitete – offiziell – als Professor für Atomphysik an der Schahid-Beheschti-Universität in Teheran, sein Spezialgebiet war der Neutronentransport, der bei Kettenreaktionen in Reaktoren, aber auch Atombomben eine zentrale Rolle spielt. Abbasi lehrte an derselben Fakultät. Er war einer der ganz wenigen iranischen Experten für die Isotopentrennung.

Wie nahezu jeden Tag wollten Schahriari und Abbasi auch am 29. November zur Universität. Schahriari kämpfte sich um kurz nach acht Uhr mit seinem Peugeot Sedan über die Artesch-Schnellstraße im Norden der Stadt durch den üblichen Stau, begleitet von seiner Frau. Dem Motorrad, das dicht an seine Fahrerseite heranfuhr, schenkte er keine Beachtung. Auf Teherans übervollen Straßen gehört Drängeln zum Alltag. Als der Fahrer aber etwas an Schahriaris Wagentür heftete und danach sofort Gas gab – war es zu spät. Wenige Sekunden später explodierte die mit einem Magneten angebrachte Bombe. Schahriari war sofort tot, seine Frau überlebte.

Sein Kollege Abbasi war aufmerksamer und reagierte schneller, was ihm das Leben rettete. Der Professor, gleichfalls begleitet von seiner Frau, war gerade von zu Hause losgefahren, als er einen Motorradfahrer bemerkte, der sich neben seinen Wagen drängte und etwas an seine Fahrertür drückte. Abbasi, langjähriges Mitglied der Revolutionswächter, bremste sofort, stürzte aus dem Wagen, riss seine Frau vom Beifahrersitz und fand mit ihr Deckung am Straßenrand, Sekundenbruchteile bevor der Sprengsatz hochging.

Die Fotos von den zerstörten Autos der Wissenschaftler beherrschten am nächsten Tag nicht nur die Titelseiten der iranischen Presse. Die Anschläge sorgten weltweit für Aufsehen, auch in Israel. Dort verkündete an jenem Tag Premierminister Benjamin Netanjahu, seinen Geheimdienstchef Meïr Dagan in den Ruhestand entlassen zu wollen. Über die Bilder vom Anschlag in Teheran setzte das Massenblatt „Israel Hajom“ die Frage: „Dagans letzter Schlag?“

Mehr als jedes andere Land hat Israel die gezielte Tötung seiner Feinde als eine militärische Waffe genutzt, sofern der Mord außerhalb seiner Grenzen stattfand. In den 63 Jahren seiner Existenz hat Israel bei der Tötung von Gegnern eine hohe Kunstfertigkeit erworben und war das erste Land, das die Technik einer gezielten Tötung aus der Luft entwickelte.

Israelische Agenten haben 1978 vergiftete Zahnpasta genutzt, um Wadi Haddad auszuschalten, den Führer einer Fraktion der Volksfront für die Befreiung Palästinas. Sie haben 1997 in Amman den Hamas-Führer Chalid Maschaal mit dem Nervengift Botulin angegriffen bei einem letztlich erfolglosen Versuch, ihn zu töten. 1985 haben sie sogar eine Koran-Ausgabe mit einem Sprengsatz präpariert und das Paket an Ali Muhtaschamipur geschickt, den iranischen Botschafter in Damaskus. Und genau vor einem Jahr war es ihnen offensichtlich egal, dass die ganze Welt die einzelnen Phasen des Mordes am Hamas-Aktivisten Mahmud al-Mabhuh anhand der Videos von Überwachungskameras des Golfscheichtums Dubai nachvollziehen konnte (siehe Seite 96).

Bereits vor der Staatsgründung 1948 haben die israelischen Untergrundmilizen, die gegen das britische Mandat in Palästina kämpften, die Waffe der gezielten Tötung benutzt, oft genug auch gegeneinander. Die Organisation „Lechi“, auch als „Stern-Bande“ bekannt, wurde von Jizchak Schamir geführt, der seine Inspiration von revolutionären kommunistischen Bewegungen und von der Irisch-Republikanischen Armee übernahm. Er zögerte nicht, Dutzende Juden umzubringen, die er der Zusammenarbeit mit den Briten verdächtigte. Mordanschläge verübte er auch auf einen führenden britischen Minister und einen Uno-Vermittler.

Schamir, bis 1992 israelischer Premierminister, ist nur ein Beispiel aus der Reihe führender Politiker und Funktionäre, die, bevor sie in die Politik wechselten, persönlich an gezielten Tötungen im Dienst der Nation beteiligt waren. Zu ihnen gehören etwa Verteidigungsminister Ehud Barak und der stellvertretende Premier Mosche Jaalon.

Hat diese extreme Konfrontation mit dem Feind, bei der man nach Baraks Worten „das Weiße im Auge des Gegners“ sah, ihre spätere Haltung beeinflusst? Hat es sie offener für einen Dialog gemacht oder verschlossener?

Der Staatsgründer und erste Regierungschef David Ben-Gurion hat Mordanschläge persönlich stets abgelehnt, weil er sie als Verstoß gegen Kriegskonventionen empfand. Trotzdem befahl er 1956 Israels erste gezielte Tötung – die Hinrichtung von Oberst Mustafa Hafis, dem Chef des ägyptischen Geheimdiensts im Gaza-Streifen.

Fünf Jahre später wurden die Beteiligten an diesem Einsatz noch einmal einberufen, um gemeinsam mit den Veteranen der Stern-Bande, die inzwischen zum Mossad gehörten, die Operation „Damokles-Schwert“ durchzuführen. Sie sollten jene deutschen Wissenschaftler entweder umbringen oder einschüchtern, die während des Zweiten Weltkriegs im Raketenzentrum Peenemünde beschäftigt waren und die inzwischen daran arbeiteten, ein Raketenarsenal für Ägypten zu entwickeln. Nach einer Reihe von Missgeschicken endete die Operation in einem Fehlschlag. So wurden beispielsweise zwei Mossad-Agenten verhaftet und vor einem Schweizer Gericht angeklagt, weil sie die Tochter eines der Wissenschaftler bedroht hatten. Die Verhaftung erregte Aufsehen in der ganzen Welt und führte zu einer diplomatischen Lösung der Krise – die deutsche Regierung bot den Wissenschaftlern neue Jobs an, falls sie ihr Projekt in Ägypten aufgeben und nach Hause zurückkehren würden.

In den sechziger und siebziger Jahren wurden dann die Regeln festgelegt, unter denen die israelischen Regierungen solche Tötungen anordnen können. Die Ziele für die Mordkommandos des Mossad gehören drei Kategorien an. Sie richten sich gegen Terroristen, gegen Personen, die Massenvernichtungswaffen herstellen oder Israels Gegnern zur Verfügung stellen, und gegen politische sowie militärische Führer von Feinden.

Die berüchtigtste Tötungsoperation des Mossad war die unerbittliche Jagd auf die Verantwortlichen für das Massaker an israelischen Sportlern bei den Olympischen Spielen 1972 in München. Der Operation haftete mehr als nur ein Hauch von Rache an, und sie bildete eine Ausnahme von der Regel, dass Tötungen vor allem dann vollstreckt werden, wenn sie der Verteidigung des Staates und seiner Bürger dienen.

Nach dem schrecklich gescheiterten Versuch der deutschen Behörden, die Geiseln auf dem Münchner Flughafen zu befreien, was zum Tod aller israelischen Sportler geführt hatte, schwor die damalige Premierministerin Golda Meïr, dass nicht ein einziger Täter Israels Rache entgehen werde. Der Mossad erstellte eine Liste von Zielpersonen, zu denen prominente Mitglieder der PLO und des „Schwarzen September“ gehörten, die in Europa lebten. Der letzte Mann auf dieser Liste, ein PLO-Funktionär mit dem Namen Atif Bseisu, wurde erst 1992 in Paris erschossen, 20 Jahre nach der Tragödie von München und nur ein Jahr, bevor das Oslo-Abkommen unterzeichnet wurde.

Ali Hassan Salameh, der mutmaßliche Kopf hinter dem Anschlag, wurde 1979 bei einer Mossad-Operation in Beirut hingerichtet. Schon sechs Jahre zuvor wurde im norwegischen Lillehammer ein Kellner mit dem Namen Ahmed Bouchiki erschossen, weil er fälschlicherweise als Salameh identifiziert worden war. Fünf Mossad-Agenten wurden nach dem Fehlschlag verhaftet und zu Gefängnisstrafen verurteilt.

PLO-Chef Jassir Arafat überlebte mindestens zehn Mordversuche des Mossad, zahllose weitere wurden in der letzten Minute aus verschiedenen Gründen abgeblasen. Ein anderer politischer Führer, der auf der Zielliste des Mossad stand, war Saddam Hussein, der während des Golfkriegs von 1991 seine Scud-Raketen auf Israel herabregnen ließ. Die bereits geplante Tötungsaktion gegen ihn wurde 1992 in letzter Minute abgesagt, nachdem bei der Generalprobe für diese Operation fünf israelische Soldaten starben.

Ein Mordanschlag, der die Geschichte des Nahen Ostens veränderte, war die Ausschaltung des Generalsekretärs der libanesischen Hisbollah: Scheich Abbas Mussawi wurde im Februar 1992 bei einem Hubschrauberangriff auf seinen Wagen getötet. Der ursprüngliche Plan hatte vorgesehen, Mussawi nur zu entführen, um ihn als Faustpfand für die Herausgabe von israelischen Gefangenen zu behalten. Doch in letzter Minute erreichte der damalige Generalstabschef Ehud Barak eine Änderung, und die Tötung Mussawis wurde vom damaligen Premierminister Schamir bewilligt.

Offenbar hatte niemand ernsthaft über die Konsequenzen nachgedacht. Die Operation geriet zu einem taktischen Erfolg, strategisch erwies sie sich als Katastrophe. Die Reaktionen ließen nicht lange auf sich warten. Einen Monat nach dem Mussawi-Attentat explodierte eine Bombe in der israelischen Botschaft von Buenos Aires und tötete 29 Israelis sowie örtliche Angestellte.

Zu den Langzeitfolgen des Anschlags zählte, dass Mussawi durch Hassan Nasrallah ersetzt wurde, der seither die Hisbollah zu einer schlagkräftigen, hervorragend bewaffneten Truppe geformt hat, mit der er den Südlibanon kontrolliert und den gesamten Norden Israels lahmlegen kann, wie er im zweiten Libanon-Krieg von 2006 bewiesen hat. Überdies ist er heute die entscheidende Figur in der Politik seines Landes, der Rücktritt seiner Hisbollah-Minister aus dem libanesischen Kabinett hat vorige Woche das ganze Land in Aufruhr gestürzt.

Zudem könnte der Getötete von heute womöglich der Ansprechpartner für die Friedensgespräche von morgen gewesen sein. Der einstige Arafat-Stellvertreter Chalil al-Wasir, besser bekannt unter seinem Kampfnamen Abu Dschihad, wurde 1988 getötet. Es gibt noch heute viele Israelis, die glauben, dass diese Exekution ein tragischer Fehler war. Wäre Abu Dschihad am Leben geblieben, wäre er womöglich ein charismatischerer Führer geworden als Arafat oder als Palästinenserpräsident Mahmud Abbas und deshalb vielleicht in der Lage gewesen, den Konflikt zwischen Palästinensern und den Israelis zu beenden.

Unabhängig von der Frage, ob solche Hinrichtungen moralisch zulässig sind, zeitigen die Mossad-Morde unbeabsichtigte Konsequenzen. Dafür gibt es vielleicht keinen besseren Beleg als die Kette jener Ereignisse, die 1997 mit dem Versuch begann, den damals stellvertretenden Hamas-Führer Chalid Maschaal in der jordanischen Hauptstadt Amman umzubringen. Agenten des Mossad griffen Maschaal mit einem Nervengift an, wurden dabei aber von der jordanischen Polizei gefasst. Als Teil des Abkommens über ihre Freilassung musste Israel den jordanischen Behörden ein Gegenmittel für das Gift ausliefern und den Hamas-Führer Scheich Ahmed Jassin aus israelischer Haft entlassen. Unmittelbar nach seiner Freilassung machte sich Jassin auf zu einer Tour durch die arabischen Länder, um dort Geld einzutreiben. Damit konnte er dann eine Welle von mörderischen Angriffen auf Israel finanzieren, die im Jahr 2000 begann und so lange anhielt, bis er 2004 selbst durch einen israelischen Angriff getötet wurde. In der Zwischenzeit hatte Maschaal durch den Anschlag so viel Prestige gewonnen, dass er bald nach Jassins Tod die Führung der Hamas im Exil übernahm und engere Verbindungen zum schiitischen Iran knüpfte, als der fundamentalistische Sunnit Jassin sie jemals erlaubt hätte.

Wenn der Mossad dagegen Wissenschaftler ins Visier nimmt, die Massenvernichtungswaffen für Israels Feinde herstellen, wird zur rhetorischen Rechtfertigung solcher Operationen häufig die existentielle Bedrohung für Israel und das Leben seiner Bürger herangezogen. In diesem Diskurs spielt der Holocaust der europäischen Juden eine zentrale Rolle. In Zeiten höchster Gefahr hat Ben-Gurion seinen Mitarbeitern erzählt, seine größte Angst sei es, dass er die Überlebenden des europäischen Judentums nach Israel gebracht habe, wo sie womöglich einem zweiten Holocaust ausgesetzt seien.

Wann immer eine Bedrohung für die Existenz Israels diskutiert wird, gibt es stets auch jemanden, der Israels Feinde mit Hitler gleichsetzt. In den fünfziger und sechziger Jahren war das Gamal Abd el-Nasser, in den Siebzigern war es Arafat, in den Neunzigern Saddam Hussein, heute ist es Mahmud Ahmadinedschad.

Israels Führer haben stets das Land von physischer Vernichtung bedroht gesehen, und diese Bedrohung ist es, mit der die Politik der Mordkommandos gerechtfertigt wird, obwohl sie gegen internationales Recht und die Souveränität anderer Nationen verstößt.

Unter Meïr Dagan hat die Zahl solcher Tötungen erheblich zugenommen. Nachdem er 2002 zum Mossad-Direktor ernannt worden war, bediente sich Dagan dieser Politik vor allem im Hinblick auf Iran. Für Dagan repräsentiert das Teheraner Regime die zwei grundsätzlichen Gefahren, die die heutige Generation von Israelis bedrohen: Terrorismus und nukleare Kriegführung.

Dagan, über den Premierminister Ariel Scharon einmal gesagt hat, seine Expertise sei es, Araber von ihren Köpfen zu trennen, nahm von Anfang an eine erstaunlich gemäßigte Haltung zu den Kriegseinsätzen der israelischen Armee ein. Er glaubte fest daran, dass ein Krieg nur das allerletzte Mittel sein konnte. Bis zuletzt sprach sich Dagan gegen einen Angriff auf Iran aus – im Gegensatz zu Netanjahu und Verteidigungsminister Barak.

Zwar glaubt auch Dagan, dass Iran eine existentielle Bedrohung Israels darstellt und dass die Teheraner Regierung durchaus eine Nuklearwaffe gegen Israel einsetzen würde, sollte sie die jemals erhalten. Doch er ist auch davon überzeugt, dass eine konzertierte Aktion zu einer deutlichen Verzögerung, wenn nicht gar zum Ende des iranischen Nuklearprogramms führen könne. Voraussetzung dafür wären: internationaler diplomatischer Druck, schwere Wirtschaftssanktionen, die Verhinderung der Weitergabe von Nukleartechnologie und ihrer Hardware, die Unterstützung der nichtschiitischen Opposition in Iran – und eben die verdeckten Operationen seines Mossad.

Und er führt Indizienbelege für die Richtigkeit seiner Thesen an: Der Tod der iranischen Atomwissenschaftler habe die Entwicklung des Atomprogramms verlangsamt und alle Angestellten in Schrecken versetzt, viele von ihnen seien in den Folgetagen nicht zur Arbeit erschienen.

Doch noch ist völlig offen, ob sich Regierungschef Netanjahu von der optimistischen Einschätzung seines ehemaligen Geheimdienstchefs überzeugen lässt, dass immer noch genügend Zeit bleibt, um weiterhin mit verdeckten Operationen gegen Iran vorzugehen. Es könnte allerdings auch sein, dass Netanjahu nach wie vor eine weit gefährlichere Lösung für das Problem Iran bevorzugt.

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-76397407.html

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