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Weltkirchenrat dokumentiert palästinenischen Alltag unter der Besatzung – Aufruf zur Unterstützung gewaltfreier Aktivitäten von Palästinensern und Israelis für Frieden und ein Ende der Besatzung

Januar 10, 2012

Ökumenisches Engagement in Cisjordanien

Beobachter des Weltkirchenrats dokumentieren die Auswirkungen der Besetzung im palästinensischen Alltag

Der Weltkirchenrat setzt Menschenrechtsbeobachter in den besetzten palästinensischen Gebieten ein. Ziele sind die Unterstützung gewaltfreier Bemühungen von Palästinensern und Israeli für den Frieden und ein Ende der Besetzung.

Ueli Schwarzmann, Yanun

Yanun ist ein kleines palästinensisches Bauerndorf in der Nähe von Nablus. Es liegt idyllisch an einem Olivenhain. Die Ruhe wird lediglich vom Blöken der Schafe unterbrochen. Auf den Hügelkuppen am Horizont erheben sich israelische Aussenposten, die mit der Siedlung Itamar verbunden sind. 2002, während der zweiten Intifada, erhielt Yanun während einer kurzen Zeit Beachtung in den Medien. Die bewaffneten religiös-nationalistischen Siedler aus Itamar wurden so gewalttätig, dass die Dorfbewohner innert weniger Tage wegziehen mussten. Auf Druck israelischer und internationaler Organisationen konnten sie zwar nach kurzer Zeit zurückziehen. Die Gewalttätigkeiten der Siedler hatten aber ihre Wirkung nicht verfehlt. Von den ursprünglichen 300 Dorfbewohnern wollten nur noch 70 zurückkehren.

Aus aller Welt

Seit 2003 ist Yanun einer der sieben Standorte, wo Menschenrechtsbeobachter und -beobachterinnen des Weltkirchenrates wirken. Dieser setzt sich aktiv für ein Ende der israelischen Besetzung des Westjordanlandes ein. Das ökumenische Begleitprogramm in Palästina und Israel wurde im Jahr 2002 auf Anfrage der christlichen palästinensischen Kirchen gegründet, um eine schützende, internationale Präsenz für die palästinensische Bevölkerung zu erhalten und um gewaltfreies Engagement von Palästinensern und Israeli zu unterstützen.

Die Beobachter kommen aus der ganzen Welt. Aus der Schweiz sind es im Jahr ungefähr 10 Personen. Sie werden vom Hilfswerk der evangelischen Kirchen der Schweiz (Heks) und von Peace Watch ausgewählt und auf den Einsatz vorbereitet, bei dem ihre Aufgabe darin besteht, Menschenrechtsverletzungen zu beobachten und zu dokumentieren. Die ausgewerteten Daten werden anderen Organisationen wie dem Internationalen Komitee vom Roten Kreuz und den zuständigen Uno-Behörden zur Verfügung gestellt. Nach dem Einsatz leisten die Beobachter Öffentlichkeits- und Lobbyarbeit in ihren Ländern.

Die Tätigkeit der Menschenrechtsbeobachter in Yanun umfasst neben der Präsenz im Dorf Kontakte zu weiteren bedrängten Dörfern im Umkreis von Nablus, zu Dörfern im nahe gelegenen Jordantal und zu den christlichen Gemeinden in Nablus. Die rund 700 Mitglieder grosse christliche Gemeinde schwindet stetig, weil viele Christen auswandern. Sie bezeichnen das Leben unter der israelischen Besatzung als erdrückend.

Zerstörte Olivenbäume

Die Übergriffe der Siedler haben in Yanun bis heute zwar nicht mehr das Ausmass von 2002 angenommen, aber es gibt weiterhin Zwischenfälle. Kürzlich bedrohten bewaffnete Siedler einen Bauern und zerstörten seinen Traktor. Brisanter zeigt sich die Situation im Dorf Kusra. War es zuerst ein Brandanschlag auf die Moschee, wurden in der Folge die Wände der Moschee mit verletzenden Äusserungen verschmiert. Mehrere Male wurden Olivenbäume zerstört, die für die Bauern eine wichtige Existenzgrundlage sind.

Bei einem weiteren Übergriff von Siedlern auf die Olivenhaine setzte sich ein Teil der Dorfbevölkerung zur Wehr. Die zu Hilfe gerufene israelische Armee eröffnete das Feuer. Ein Palästinenser wurde getötet, und mehrere weitere wurden verletzt. Die palästinensischen Bauern klagen, dass bei solchen Vorfällen die Todesopfer und Verletzten fast ausschliesslich Palästinenser seien. Gemäss der Uno-Behörde Ocha, welche zuständig ist für die Koordination der humanitären Hilfe in den besetzten Gebieten, wurden im Zeitraum von Januar bis September dieses Jahres 327 Fälle dokumentiert, bei denen Palästinenser zu Schaden gekommen sind. Im gleichen Zeitraum waren vier Israeli von Übergriffen betroffen.

Drohungen gegen Schüler

Die Menschenrechtsbeobachter haben unter anderem den Auftrag, an ausgewählten palästinensischen Schulen die Auswirkungen der israelischen Besetzung im Alltag von Kindern und Jugendlichen zu dokumentieren. Die Resultate werden dem Kinderhilfswerk Save the Children zur Verfügung gestellt. Wir besuchen die regionale Schule in as-Sawi südlich von Nablus, wo wir mit Lehrern und Schülern sprechen.

Die Schule liegt an einer Hauptstrasse in der Zone C, also in israelisch kontrolliertem Gebiet (siehe Zusatz/Karte). Der Haupteingang, der auf die Strasse führt, ist seit der zweiten Intifada von der Armee aus Sicherheitsgründen geschlossen. Es muss ein anderer Eingang benutzt werden, der über einen Feldweg führt. Das Dorf selber liegt in der Zone B, die von der palästinensischen Autonomiebehörde verwaltet wird.

Der Schulleiter der Mittel- und Oberstufenschule, Adna Ahmed Hussein, empfängt uns freundlich. Er erzählt uns von einem Konflikt mit Soldaten, der sich kürzlich in der Schule ereignet hat. Offenbar wurden wiederholt Steine auf die Strasse geworfen. Die Armee vermutet Schüler hinter den Vorfällen. Die Soldaten seien ohne Vorankündigung in die Schule eingedrungen und hätten Lehrer und Schüler bedroht, erzählt Hussein. Die Soldaten wollten einen Schüler, den sie zufällig ausgesucht hatten, zum Verhör abführen. Der Schulleiter zeigt uns Fotos.

Schreckschüsse

Ali Hamad ist ein schmächtiger 14-Jähriger. Der Tag des Vorfalls ist ihm in lebhafter Erinnerung. Neun Soldaten und ein Offizier seien mit zwei Camions in den Schulhof eingefahren. Er erzählt, dass die Soldaten ihn gepackt hätten und von ihm hätten wissen wollen, wer Steine geworfen habe. Er wisse nichts und glaube nicht, dass Schüler Steine geworfen hätten, habe er geantwortet. Darauf sagten die Soldaten, dass sie ihn zum Verhör mitnehmen wollten. «Alle bewaffneten Soldaten standen um mich herum. Ich fühlte mich bedroht. Ich hatte Angst und fing an zu weinen», erzählt Ali. Sein Lehrer habe den Soldaten gesagt, wenn sie Ali mitnähmen, komme er auch mit. Sie hätten dann zum Glück davon abgesehen. Bevor die Soldaten die Schule verliessen, hätten sie damit gedroht, dass sie beim nächsten Vorfall verschiedene Lehrer verhaften und die Schule für unbestimmte Zeit schliessen würden. Als sie aus dem Schulhof fuhren, hätten sie Schreckschüsse abgefeuert.

«Das ist unser Land, haut ab»

Zur nahe gelegenen israelischen Siedlung befragt, meint der Schulleiter Hussein, es sei seit zwei Jahren recht ruhig. Vor einer Woche sei allerdings ein 15-jähriger Jugendlicher von einem Auto aus mit einem Gegenstand beworfen und verletzt worden. Hussein zeigt uns die ärztliche Bestätigung des Spitals. Der Schulleiter sagt, dass er sich über unser Interesse freue. Er wisse zwar, dass sich nichts unmittelbar verändern werde. Aber es sei wichtig, dass in anderen Ländern von dieser Situation berichtet werde. Das gebe Anlass zu Hoffnungen.

Der 15-jährige Rajeh Omar schildert, wie er von einem Siedler angegriffen worden ist. Rajeh O mar ist ein schlaksiger Bursche, der bereits gut Englisch spricht und ohne die Hilfe des Übersetzers mit uns sprechen will. Er geht mit seinem Cousin jeweils zu Fuss entlang der Hauptstrasse zur Schule. An jenem Morgen fuhr ein Auto langsam an ihnen vorbei, ein Siedler rief: «Das ist unser Land, haut ab», und warf ihnen einen harten Gegenstand nach, der ihn am Hals traf, wie er erzählt. Er sei voller Angst und blutend zur Schule gerannt.

Religiöse Visionen

Was bedeutet es für Kinder und Jugendliche, so aufzuwachsen, und wie wird sie das wohl prägen? Wir fahren nachdenklich nach Yanun zurück, an Strassen vorbei, die zu israelischen Siedlungen führen. Für Autos mit palästinensischem Kennzeichen ist es verboten, diese Strassen zu benützen. Im Raum Nablus gibt es mehrere religiös-nationalistische Siedlungen. Deren Bewohner verfolgen die Vision eines Grossisrael. Für sie stehen die israelischen Menschenrechtsgruppen und die internationalen Organisationen aufseiten der Palästinenser, welche sie als hartnäckig und stur bezeichnen.

Ueli Schwarzmann war von September bis Dezember 2011 als Menschenrechtsbeobachter des Weltkirchenrates in den besetzten palästinensischen Gebieten im Einsatz. Er war bis zu seiner Pensionierung im Juni 2011 Direktor der Altersheime der Stadt Zürich. Im Artikel gibt er seine persönliche Ansicht wieder.((info-box))

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/oekumenisches_engagement_in_cisjordanien_1.13838306.html

From → Israel, Kirche, Palästina

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