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Wie weiter nach Durban mit dem Kampf gegen den Klimawandel: Der Kampf um die Atmosphäre: Ist der westliche Lebensstil verhandelbar, damit die anderen Länder Raum für eine nachholende Entwicklung bekommen? Die reichen Länder mit weniger als einem Viertel der Weltbevölkerung sind für 70% der historischen Last verantwortlich, die die in Vergangenheit vor allem von den Industrieländern ausgestoßenen Treibhausgase ausmachen, die in der Atmosphäre immer noch präsent sind, da sie sich nur sehr langsam abbauen.

Januar 9, 2012

Klimagerechtigkeit: Die nächste Etappe

Der Kampf um die Atmosphäre

Die Diskussion über die Situation nach Durban, den Klimawandel und die „Durban-Plattform“, die die Konferenz verabschiedete, reißt nicht ab. Die Kernfrage lautet: Was haben der Süden und die Welt nach fast zwei Wochen intensiver und nervenaufreibender Verhandlungen gewonnen?
Sunita Narain verweist auf einige unbequeme Wahrheiten. Mit drei Diskussionsbeiträgen.

1992, als sich die Welt traf, um ein Abkommen über den Klimawandel zu diskutieren, war Gerechtigkeit ein einfacher Begriff: Es ging darum, die globalen Gemeinschaftsgüter – in diesem Fall die Atmosphäre – unter uns allen gerecht zu teilen. Mit dem Begriff verband sich nicht viel Angst, denn es gab keine wirklichen Anspruchsteller. Dennoch hieß das nicht, dass das Konzept bereitwillig akzeptiert wurde. Eine kleine Gruppe industrialisierter Länder hatte über 100 Jahre lang fossile Brennstoffe verbraucht und enormen Reichtum aufgebaut. Dieser Klub hatte zu entscheiden, was zu tun wäre, um Emissionen zu kürzen, und er behauptete, dass alle Länder gleichermaßen für dieses Problem verantwortlich wären.

* Gerechter Zugang zu den globalen Gemeinschaftsgütern

1991, als die Klimakonvention kurz vor der Fertigstellung stand, kam ein Bericht eines einflussreichen Washingtoner Think Tanks mit der Nachricht heraus, dass Indien, China und andere Entwicklungsländer gleichermaßen für den Treibhauseffekt verantwortlich seien. Anil Agarwal und ich wiesen dies zurück und intervenierten mit der These des gerechten Zugangs zu den globalen Gemeinschaftsgütern. Wir zeigten auch, dass die Industrieländer zweifellos hauptverantwortlich für die steigenden Treibhausgase waren.

1992 wurde akzeptiert, dass der besetzte Raum der Atmosphäre geräumt werden müsste, um Platz zu machen für das Wachstum der aufstrebenden Welt, denn Emissionen sind mit wirtschaftlichem Wachstum verbunden. Damit wurde auch das Prinzip der gemeinsamen, aber differenzierten Verantwortung in Bezug auf die Reduzierung der Emissionen anerkannt. Es wurde eine Feuermauer um jene Länder errichtet, die ihre Emissionen reduzieren mussten, um Raum zu schaffen für das Wachstum der restlichen Welt. In jenem Jahr sprach die Welt in Rio de Janeiro über drastische Kürzungen von 20% gegenüber dem Niveau des Jahres 1990, um sowohl Wachstum als auch Klimasicherheit zu gewährleisten.

Selbst in dieser Zeit der Unschuld waren die Verhandlungen schwierig und unangenehm. Die USA argumentierten, ihr Lebensstil sei nicht verhandelbar und lehnten jedes Abkommen über weitreichende Reduktionen ab. 1998 setzte das Kyoto-Protokoll zum ersten Mal ein rechtliches Ziel für diese Länder, doch weit unterhalb dessen, was nach allgemeiner Auffassung schon damals hätte angestrebt werden müssen.

* Die neuen Wachstumsökonomien

Zwei Jahrzehnte später ist die Idee der Gerechtigkeit eine weit unbequemere Wahrheit geworden. Heute gibt es mehr Anspruchsteller in Bezug auf den atmosphärischen Raum. Wir haben den Aufstieg der Schwellenländer. China, das 1990 mit mehr als einem Viertel der Weltbevölkerung für nur 10% der jährlichen Emissionen verantwortlich war, trägt heute (2010) 27% bei. Somit ist der Kampf um die Atmosphäre jetzt real geworden.

Während die reichen Länder ihre Emissionen nicht verringert haben, begannen die neuen Wachstumsländer mehr zu emittieren. 1990 entfielen auf die Industrieländer 70% der weltweiten jährlichen Emissionen. 2010 kommen sie für 43% auf, aber dies nicht deshalb, weil sie den atmosphärischen Raum geräumt hätten. Die neuen Wachstumsländer – insbesondere China – haben einfach besetzt, was sie bekommen konnten. Die Emissionsreduktionen, die vor 20 Jahren vorgeschlagen wurden, sind noch immer nicht verpflichtend oder akzeptiert. In Wirklichkeit haben sie sich in den meisten Industrieländern stabilisiert oder sind weiter gestiegen. In kohleproduzierenden und extraktiven Ökonomien, wie Kanada und Australien, sind die Emissionen um 20 bzw. 46% gewachsen.

Für die Welt läuft der Wettlauf um die Atmosphäre und sicherlich auch der Wettlauf mit der Zeit ab. Werden die Reichen, die in der Vergangenheit zum Emissionsausstoß beigetragen haben und auch heute noch, gemessen an ihrem Bevölkerungsanteil, einen unfairen Anteil an diesem Raum halten, ihre Emissionen reduzieren? Oder wird einfach den Schwellenländern gesagt, die Last zu übernehmen? Das ist die große Frage und eine unbequeme zudem.

* Klimagerechtigkeit in historischer Dimension

Und wir sollten uns in Erinnerung rufen, dass der Klimawandel nicht nur das Problem der aktuellen, sondern auch der Beiträge in der Vergangenheit ist. Der Bestand an Treibhausgasen in der Atmosphäre ist sehr langlebig. Das bedeutet, dass jede Diskussion darüber, wie der Kohlendioxyd-Kuchen geteilt wird, jene Treibhausgase berücksichtigen muss, die in der Vergangenheit ausgestoßen wurden und nach wie vor präsent sind. So ergibt sich, dass China, auf das derzeit 27% der jährlichen Emissionen entfallen, unter kumulativen Aspekten (seit 1950) für nur 11% verantwortlich ist. Ähnlich trägt Indien 6% zu den jährlichen globalen Emissionen bei, ist aber nur für 3% des Bestands verantwortlich. Die reichen Länder mit weniger als einem Viertel der Weltbevölkerung sind für 70% dieser historischen Last verantwortlich. Dieser Bestand an Treibhausgasen ist verantwortlich für einen durchschnittlichen Temperaturanstieg von 0,8°C und von weiteren, unvermeidbaren 0,8°C in der Zukunft. Um den Temperaturunterschied unter 2°C zu halten, müssen die Emissionen bis 2050 um 50-80% unter das Niveau von 2000 gekürzt werden.

Unter diesen Bedingungen ist Gerechtigkeit nicht länger eine moralische Idee, sondern eine harte Herausforderung. Genau aus diesem Grund haben die globalen Klimaverhandlungen in Durban ihren Tiefpunkt erreicht. Eben aus diesem Grund haben die USA und ihre Koalition alles getan, um jegliche Erwähnung der historischen Emissionen in den Verhandlungstexten zu verhindern. Und es hat diesen Grund, dass die reiche Welt auf das Emissionswachstum in China und Indien zeigt und deren Recht auf Entwicklung, das zwangsläufig auch ein Verschmutzungsrecht ist, zurückweist.

* Klimasozialismus?

Dies ist im Übrigen auch eine Idee, die in einer Welt schwer zu vermitteln ist, die voller Argwohn gegenüber jeglichem Idealismus und jeder Verteilungsgerechtigkeit ist. Sogar die Akteure der Klimaverhandlungen glauben nicht wirklich, dass diese Form des Klimasozialismus verwirklicht werden kann. Sie werden Euch sagen, dass die Welt niemals atmosphärischen Raum aufgeben wird, dass die Welt zu erbärmlich ist, um Geld oder Technologien für die armen Länder und ihren Übergang zu einem sauberen Wachstum bereit zu stellen.

Doch dies sagen sie deshalb, weil sie vergessen, dass der Klimawandel das größte Marktversagen darstellt. Wir können nicht die Märkte für ihre eigene Reparatur verwenden. Um katastrophale Veränderungen zu vermeiden, ist es wesentlich, eine effektive und kooperative Übereinkunft zu erreichen. Und Kooperation ist ohne Fairness und Gerechtigkeit nicht möglich. Das ist die Voraussetzung. Nehmen wir sie an, weil wir müssen.

Sunita Narain ist Direktorin des Centre for Science and Environment (CSE), New Delhi.

Veröffentlicht: 20.12.2011

Empfohlene Zitierweise: Sunita Narain, Klimagerechtigkeit: Die nächste Etappe, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxemburg, 20. Dezember 2011 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)

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