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Die Welt war noch nicht in der Lage, ein Wachstumsmodell zu entwickeln, das die Hoffnungen der Menschen erfüllt und ihnen Kaufkraft verleiht – und zwar für alle. Es ist nicht möglich, den Lebensstil der Schon-Industrialisierten auszuweiten, ohne das Überleben der Erde zu gefährden. Solche Grenzen werden die Welt dazu zwingen, die Erde zu teilen, so dass Wachstum bezahlbar und nachhaltig für alle wird.Herausforderung für Rio+20 Im Juni werden die führenden Politiker in der lebensfrohen Stadt Rio de Janeiro zusammenkommen, um den 20. Jahrestag des Erdgipfels, der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED), zu würdigen. Ein anderes Wachstum, das sowohl den ökologischen Grenzen des Planeten als auch sozialen Bedürfnissen der Armen gerecht wird, ist überfällig. Sunita Narain skizziert die Hauptelemente eines neuen planetarischen Überlebensmodells.

Januar 9, 2012

Ein neues planetarisches Überlebensmodell

Herausforderung für Rio+20
Im Juni werden die führenden Politiker in der lebensfrohen Stadt Rio de Janeiro zusammenkommen, um den 20. Jahrestag des Erdgipfels, der UN-Konferenz für Umwelt und Entwicklung (UNCED), zu würdigen. Ein anderes Wachstum, das sowohl den ökologischen Grenzen des Planeten als auch sozialen Bedürfnissen der Armen gerecht wird, ist überfällig. Sunita Narain skizziert die Hauptelemente eines neuen planetarischen Überlebensmodells.

Es ist nicht zu glauben, dass bereits 40 Jahre seit der Stockholmer Konferenz vergangen sind, auf der die Frage der Umwelt erstmals globale Aufmerksamkeit erregte. In Stockholm – damals war Premierministerin Indira Gandhi das einzige Staatsoberhaupt aus den Entwicklungsländern, das dem Treffen beiwohnte – waren die armen Länder verunsichert. Sie waren gerade dabei, auszuloten, wie sie ihre Einstellung zur Umwelt artikulieren können und wie sie begreiflich machen können, dass sie für ihre Entwicklung Ressourcen benötigen würden und dass ihr Wachstum zu Umweltzerstörung führen könnte. Frau Gandhis berühmter Satz „Armut ist die größte Umweltzerstörerin“ wurde auf vielerlei Weise interpretiert. 1992 kamen diese Länder ernüchtert zu der Entscheidung, energischer aufzutreten und ihr Recht auf nachhaltige Entwicklung einzufordern.

* Zwang zum Teilen

Der Rio+20-Gipfel fällt in eine entscheidungsreiche Zeit auf globaler Ebene. Eine möglicherweise erneute Rezession in den USA, die Finanzkrise in der Eurozone, Peak-Oil – all dies provoziert zu einem Überdenken des derzeitigen Wachstumsmodells. Was ist der Zusammenhang zwischen diesem Modell, das auf Wohlstand und Konsum aufbaut, und der Herausforderung, die es für die Nachhaltigkeit darstellt? Wir wissen heute, dass eine grundlegende Ursache finanzieller Spannungen die Abhängigkeit von Billiglöhnen oder Billigproduktion ist, wenn Konsum erzeugt und Wachstum angetrieben werden soll. Die Welt war noch nicht in der Lage, ein Wachstumsmodell zu entwickeln, das die Hoffnungen der Menschen erfüllt und ihnen Kaufkraft verleiht – und zwar für alle. Es gibt Grenzen eines solchen Wachstums, das lernt eine schnell wachsende Welt gerade. Es ist nicht möglich, den Lebensstil der Schon-Industrialisierten auszuweiten, ohne das Überleben der Erde zu gefährden. Solche Grenzen werden die Welt dazu zwingen, die Erde zu teilen, so dass Wachstum bezahlbar und nachhaltig für alle wird.

Die Welt läuft Gefahr, ihre Entwicklung weiterhin zweigeteilt verlaufen zu lassen. Die Armen, die bereits am Rand des Überlebens stehen, werden mit jeder Naturkatastrophe verwundbarer. Die Vorteile der Entwicklungsinvestitionen verkehren sich ins Gegenteil. So muss die Welt einerseits das Wachstumsparadigma neu erfinden, weil das Wachstum sich selbst gefährdet. Andererseits muss die Welt das Wachstum neu definieren, denn es geht auf Kosten der Erde.

* Drei entscheidende Ansätze
Wie sollte der planetarische Entwurf aussehen? Erstens brauchen wir neue ökonomische Indikatoren, um den Wohlstand in einer inklusiven und CO2-armen Welt zu messen. Es wird zunehmend akzeptiert, dass die derzeitige Methode, wirtschaftlichen Fortschritt in Zahlen des Bruttoinlandsprodukts zu erfassen, nicht die richtigen Signale zur Verfügung stellt, den Wohlstand gerecht und nachhaltig zu bewerten. Bhutan hat das Bruttonationalglück eingeführt, um Wohlbefinden außerhalb von Reichtum zu messen. Als Antwort auf Sorgen über die Unangemessenheit der derzeitigen Messung der wirtschaftlichen Leistung hat der französische Präsident Nicolas Sarkozy 2008 die Kommission zur Messung von Wirtschaftlichem und Sozialem Fortschritt eingesetzt.

Die Wahl der ökonomischen Messmethodik ist wichtig, denn sie zeigt den weltweiten Zugang zu wirtschaftlicher Leistung und sozialem Fortschritt in einem anderen Licht. Aber was sind die „richtigen“ Indikatoren, die das CO2-arme Entwicklungsparadigma der nächsten Generation bewerten werden? Das ist ein Schlüsselproblem, das noch nicht gelöst ist.

Zweitens muss die Welt ein globales Rahmenwerk für gleiche Rechte und Ansprüche an der weltweiten Atmosphäre für alle schaffen, was im Umkehrschluss auch Grenzen des Konsums und der Produktion bedeuten wird. Das atmosphärische Budget der Erde muss geteilt werden. Solch eine gemeinsame Nutzung wird die richtigen Konditionen für kritische ökonomische Entscheidungen in Verbindung mit einem Wandel der Konsum- und Produktionsmuster schaffen. Die Akzeptanz der Grenzen muss weltweit der antreibende wirtschaftspolitische Motor sein. Wenn wir es nicht schaffen dies einzuführen, wird es keinen wirklichen Anreiz geben, sich vom derzeitigen, nicht nachhaltigen, ökonomischen Wachstumsmodell zu verabschieden.

Können wir drittens zu grüner Energie umschwenken? Und haben wir den Mumm dazu, einen globalen Tarifmechanismus der Energieeinspeisung aufzubauen? Wir gehen davon aus, dass der Wandel zu CO2-armen Wachstum massive Investitionen in erneuerbare Technologien mit sich bringen wird und genauso in Distributionssysteme, welche die Kosten und Verluste der Übertragung reduzieren. Die Herausforderung ist erheblich: Die weltweite Mehrheit der Haushalte bleibt bei der Energieversorgung benachteiligt und unsicher. Die Welt muss Energie-Optionen finden, die für alle erschwinglich und nachhaltig sind.

* Zu einem neuen Energiemodell übergehen

Zudem ist es klar, dass der Süden die Möglichkeit hat, zu neuen Energie-Lösungen überzugehen, denn er hat noch nicht vollständig in fossile Energie-Systeme investiert, die die Erde bedrohen. Der Wechsel zu einer CO2-armen Zukunft kann durch einen weltweiten Einspeisungstarif-Mechanismus bezahlt werden, der die durch Erzeugung teurerer erneuerbarer Technologien entstandenen Mehrkosten ausgleichen würde.

Viele Länder haben ihre Einspeisungstarife reguliert. Deutschland, dessen Konsumenten relativ reich sind, verlangt von den Energieversorgern, die Differenz zu tragen. In Indien, wo Energie-Unsicherheit und Energiekosten hoch sind und die Konsumenten arm, liegt der Ansatz darin, billigere Energie mit teurerer zu bündeln und somit die Preise zu senken. Diese Ansätze werden uns dabei helfen, die Optionen der Zukunft ausfindig zu machen.

Aber das ist nicht genug. Weltweit müssen führende Politiker für „unkonventionelle Botschaften“ stehen, die das derzeitige Business as usual infrage stellen. In Rio sollten alle Beteiligten mit dem Bus fahren, um zu demonstrieren, dass sie eine autofreie Welt wollen. Um es klar, offen und ohne zu zögern zu sagen: Ändert das Spiel! Wir wollen das! Wir werden nicht warten!

Sunita Narain ist Direktorin des Centre of Science and Environment (CSE) in Neu Delhi/Indien. Ihr Kommentar erschien zuerst in „Down to Earth“.

Empfohlene Zitierweise: Sunita Narain, Ein neues planetarisches Überlebensmodell, in: Informationsbrief Weltwirtschaft & Entwicklung (W&E), Luxemburg, 4. Oktober 2011 (www.weltwirtschaft-und-entwicklung.org)

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