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Deutsche Arbeiterlieder aus 150 Jahren auf zwölf CDs – eine Schatzhebung

Januar 8, 2012

DEUTSCHE ARBEITERLIEDER“Zerstampft die faschistischen Räuberheere!“

Deutsche Arbeiterlieder aus 150 Jahren auf zwölf CDs – eine Schatzhebung

© Fox Photos/Getty Images

Ostdeutsche Demonstranten am 1. Mai 1948 erinnern an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.Ostdeutsche Demonstranten am 1. Mai 1948 erinnern an Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg.

Der DDR-Geborene öffnete dieses Westpaket mit gemischten Gefühlen. Dafür gab es Gründe; dazu später. Zunächst die Ehrfurcht gebietenden Fakten: Bear Family Records haben sich selbst übertroffen. Das Label aus Hambergen, bekannt für seine opulenten Box-Sets historischer Country-Platten, liefert auf zwölf CDs die Historie des deutschen Arbeiterlieds. Auf viermal drei CDs verteilt, bietet Dass nichts bleibt, wie es war! 285 Aufnahmen, deren früheste vor mehr als hundertfünfzig Jahren entstanden. Vier trefflich illustrierte Beihefte von jeweils 120 Seiten enthalten die Texte und erzählen eine musikalische Emanzipationsgeschichte des Proletariats, vom Blutgericht des schlesischen Weberaufstands 1844 bis zurInternationale. Wer damit anno 2012 ein Pankower Mietshaus beschallt, dem ist das Interesse der Nachbarn gewiss.

Die meisten Aufnahmen hat der Nürnberger Plattensammler Klaus-Jürgen Hohn zusammengetragen. Die Edition besorgte der Berliner Literatur- und Musikwissenschaftler Jürgen Scherbera, ein Biograf der Komponisten Kurt Weill und Hanns Eisler. Er vierteilte den Schatz in chronologische Kapitel. Am Anfang steht die 1848er Revolution: Ferdinand Freiligraths Trotz alledem!, Georg Herweghs 18. März, die Märtyrergesänge auf Friedrich Hecker und Robert Blum. Die Sozialdemokratie formiert sich und fordert den Achtstundentag. Man feiert Völkerfrühling und Der Freiheit Morgenrot.

Stattdessen kommt 1878 Otto von Bismarcks Sozialistengesetz; es fällt 1890. »Es braust ein Ruf von Land zu Land: Reicht über allem euch die Hand!«Die Proletarier aller Länder massakrieren sich im Weltkrieg, die deutsche Linke zerfällt. Eberts SPD lässt sich die Kriegsschulden aufladen, die Kommunisten finden ein neues Vaterland: die Sowjetunion. Der Kleine Trompeter bläst Auf, auf zum Kampf!, und Berlin bleibt rot. Deutschland wird braun. Im Jahrzwölft nach 1933 handeln linke Songs von Todesorten: das Dachau-Lied, das von Sachsenhausen, O Buchenwald, ich kann dich nicht vergessen. Und dann beginnt die neue Zeit.

Grundsätzlich lauscht man den historischen Aufnahmen mit größerer Berührung als den späteren Einspielungen. Dieter Süverkrüp und Hein & Oss als bundesrepublikanische Reproduzenten des Zorns von 1848 sind ebenso schwer verdaulich wie der »Barrikaden-Tauber« Ernst Busch als saturierter DDR-Interpret. Buschs schneidendes Organ, sein Dauerpathos, sein gurrendes Rrrr sägt wie ein Bordun-Ton durch die Sammlung. Aber wie anders als Ami, go home! und Dank euch, ihr Sowjetsoldaten von 1950 muss man Spaniens Himmel und das Lied der Inter-Brigaden von 1937 hören. Das eine war siegreiche Propaganda, das andere verlorener Freiheitskampf. Das zu unterscheiden fällt nicht leicht, wenn man als DDR-Schulkind mit beidem zugedröhnt wurde. Die Moorsoldaten, das Lied der Todgeweihten des KZ Börgermoor, war im Musikunterricht vorzutragen.

Rarissima und Trouvaillen entbirgt diese Plattenhebung. Selbstgefällig entsinnt sich Philipp Scheidemann 1929 seiner Ausrufung der Republik am 9. November 1918. Erwin Piscator deklamiert Trotz alledem!, Karl Liebknechts letzten Text vor der Ermordung am 15. Januar 1919. Erich Weinert grüßt mit Magdeburger Schnauze den roten Wedding und gebietet: »Arbeiter, Bauern, nehmt die Gewehre, / Nehmt die Gewehre zur Hand! / Zerstampft die faschistischen Räuberheere, / Setzt alle Länder in Brand!« Feingeistiger kooperiert Bertolt Brecht mit Hanns Eisler. Lotte Lenya singt Brechts Und was bekam des Soldaten Weib und sein herzzerreißendes Lied einer deutschen Mutter, beides 1943 in New York aufgenommen.

Die seltenste Aufnahme kommt ohne Worte aus: Unsterbliche Opfer, 1929 gespielt vom »Roten Geiger«, dem Esten Eduard Soermus. Der Hörer genießt die Kampfpause und den Seelenton. Und begreift, wie bürgerlich »ernst«, wie sozialbereinigt, wie ästhetisch versiegelt unser schöngeistiger Begriff von Musikgeschichte ist. Relativiert wurde das nicht via Arbeiterlied, sondern durch die sogenannte Unterhaltungskunst der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Rock, Jazz, Blues, Pop waren Volksmusik ohne Klassenschranken. Das Fortschrittspathos überlebte am ehesten im politischen Sektor des Folk. Das dokumentiert die letzte Platte mit Hannes WaderHanns Dieter HüschFranz Josef Degenhardt… – westdeutschen Barden, die um eine Freiheit rangen, die in der DDR auch mit »politischen Liedern« à la Oktoberklub eingemauert wurde.

Letzterer fehlt in der Sammlung, aber nicht der begleitende Satz: »Heute wissen wir (…): Ohne wirkliche Demokratie war (und ist) Sozialismus nicht zu haben.«

Dass nichts bleibt, wie es war! 150 Jahre Arbeiter- und Freiheitslieder
12 CDs, Bear Family Records 2011

 

http://www.zeit.de/2012/02/Lieder-machen-Politik

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