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Der ANC ist 100! Als Massenorganisation führte er die größte Menschenrechtsbewegung der Welt an gegen die Apartheid – Noch hat sie Unterstützung, aber die Parteiführung und die Organisation ist tief zerstritten, wie es weitergehen soll!

Januar 8, 2012

AFRICAN NATIONAL CONGRESSEine Kerze für den ANC

Der legendäre African National Congress, Südafrikas Freiheitspartei, feiert in diesen Tagen seinen 100. Geburtstag. Doch was ist nur aus ihm geworden?

© Trevor Samson/AFP/Getty Images

Auf einem Protestmarsches im Oktober 1989 in Johannesburg fordern Demonstranten die Freilassung inhaftierter Mitglieder des African National Congress.Auf einem Protestmarsches im Oktober 1989 in Johannesburg fordern Demonstranten die Freilassung inhaftierter Mitglieder des African National Congress.

Beginnt diese Geschichte in einem windschiefen Schuppen? Oder – wofür mehr spricht – in einer alten methodistischen Kirche? Die Chronisten sind sich nicht einig. Fest stehen nur der Ort und das Datum: Bloemfontein, 8. Januar 1912.

An diesem Tag versammelte sich in der verschnarchten Stadt auf dem südafrikanischen Highveld eine recht seltsame Männergesellschaft. Die Herren trugen Fracks oder Gehröcke nach britischer Mode, Gamaschen und Zylinderhüte. Sie parlierten in gewähltem Englisch oder Afrikaans. Dazwischen sah man traditionelle Stammesführer, die in ihren königlichen Leopardenfellen wie Exoten wirkten.

Es waren gebildete Schwarze aus allen Regionen Südafrikas, Lehrer, Pastoren, Buchhalter, Geschäftsleute und Journalisten. Der Dichter Sol Plaatje gehörte dazu, der Shakespeare in die Sprache Setswana übersetzt hatte, und der Rechtsanwalt Pixley ka Isaka Seme, ein vom Gedankengut des englischen Liberalismus beseelter Oxford-Absolvent.

»Häuptlinge königlichen Geblüts und Gentlemen unserer Rasse«, begrüßte Seme die Delegierten. Am Abend dieses glutheißen Südwintertags sollten sie den South African Native National Congress ins Leben rufen, die erste schwarze Oppositionsgruppe Südafrikas, ja überhaupt die erste Widerstandsorganisation in Afrika, die sich gegen die europäischen Kolonialherren stellte. Sie kämpfte für die Emanzipation der natives, der afrikanischen »Eingeborenen«, die nach der Ausrufung der Union of South Africa anno 1910 zu Fremden im eigenen Land herabgewürdigt worden waren, zu recht- und besitzlosen Lohnsklaven und Knechten.

Elf Jahre später wurde die Organisation in African National Congress (ANC)umgetauft. Im Laufe der Jahrzehnte verwandelte sich der Honoratiorenverein in eine Massenorganisation, welche die größte Menschenrechtsbewegung der Geschichte anführte: den weltweiten Protest gegen die Apartheid, gegen das perfide System der Rassentrennung. Der lange Marsch in die Freiheit dauerte bis zum Wendejahr 1994, als Nelson Mandela, der berühmteste Führer des ANC, zum ersten schwarzen Präsidenten Südafrikas gewählt wurde. Seither regiert seine Partei ein demokratisches Land, in dem die Bürger aller Hautfarben gleichberechtigt sind.

In dieser Woche blickt der African National Congress voller Stolz zurück und zelebriert mit viel Glanz und Gloria seinen 100. Geburtstag. Staatsoberhäupter und Ehrengäste aus aller Welt werden eingeflogen, es gibt Volksfeste, Großkonzerte und pompöse Gedenkveranstaltungen, im ganzen Land schallt der alte Kampfruf: »Viva ANC, viva!« Mandelas Partei feiert sich selber, und im kollektiven Jubel sind die kritischen Stimmen kaum noch zu hören. Es gibt nämlich auch comrades, Genossen, die sich fragen, was nach dem Machtwechsel vor 18 Jahren aus der ruhmreichen Bewegung geworden ist. In ihren Augen ist der ANC zu einem autokratischen und korrupten Machterhaltungsapparat degeneriert, der die Verbindung zum Volk verloren und die Ideale der Väter verraten hat. Keiner drückt das so scharfzüngig aus wie Zwelinzima Vavi, der Generalsekretär des Gewerkschaftsdachverbandes: »Wir bringen unsere eigene Bewegung um!«

Noch nie in seiner 100-jährigen Geschichte war der ANC so zerstritten wie heute. Wenn man die Funktionäre nach den Gründen fragt, fällt stets das Stichwort Polokwane. Das ist die Provinzstadt, in der auf dem Parteitag 2008 Thabo Mbeki, der Nachfolger Mandelas im Präsidentenamt, gestürzt und sein Erzrivale Jacob Zuma auf den Schild gehoben wurde. Seitdem ist die Einheitskirche ANC in ideologische Lager zerfallen, die sich erbittert bekriegen: Traditionalisten gegen Technokraten, Altlinke gegen neoliberale Modernisierer, Zuma-Getreue gegen Zuma-Gegner. Unlängst wurde Julius Malema, der demagogische Chef der ANC-Jugendliga, für fünf Jahre aus der Partei verbannt. Er prangert das Versagen der Regierung an und ruft zum »ökonomischen Befreiungskampf« auf, um die Massenarmut zu überwinden – und genießt selber ein Leben in Saus und Braus.

Oftmals aber geht es bei den parteiinternen Kabalen gar nicht so sehr um inhaltliche Fragen. Hinter den Kulissen tobt vielmehr eine Verteilungsschlacht um Posten und Pfründen – bei der Kandidatenkür vor den jüngsten Kommunalwahlen kam es zu Mord und Totschlag. Denn ein politisches Amt ist der schnellste Weg, um im neuen Südafrika reich zu werden. Jeden Tag kann man in den Zeitungen lesen, wie hemmungslos die ANC-Granden die Staatskassen plündern. Der Familienclan des Präsidenten hat ein mafioses Firmenimperium aufgebaut. Die Minister leisten sich die teuersten Dienstkarossen, die prächtigsten Villen, die besten Hotels, dazu eine Armee von Leibwächtern. Parteigünstlinge wurden durch die dubiose Vergabe öffentlicher Aufträge über Nacht zu Multimillionären. 400.000 Staatsbedienstete kassieren nach Schätzungen der Antikorruptionsbehördewiderrechtlich Sozialleistungen. Auf der untersten Verwaltungsebene zocken die ANC-Lokalpolitiker ab, während Millionen von Bürgern immer noch vergeblich auf das bessere Leben hoffen, das ihnen die Partei der Befreier versprochen hatte.

Unterdessen flammen in zahlreichen Townships militante Proteste auf, die Empörung richtet sich gegen die ANC-Bonzen. In der Parteiführung ahnt man allmählich, dass die Revolten den sozialen Frieden gefährden. »Die Plage der Korruption ist weit schlimmer, als wir uns vorstellen können«, warnt Vizepräsident Kgalema Motlanthe.

Wie konnte es mit dem ANC so weit kommen? Das Bekenntnis von Smuts Ngonyama liefert eine Erklärung. »Ich habe nicht gekämpft, um arm zu sein«, verkündet der ehemalige ANC-Funktionär. Devise: Wir haben lange gehungert, jetzt futtern wir! Eine andere Erklärung: Der ANC herrscht seit der Wende unangefochten, er hat eine satte Mehrheit im Parlament und handelt so selbstherrlich wie alle Parteien, die zu viel Macht haben. Auch die CSU hielt sich in Bayern für unangreifbar und setzte sich selber mit dem Freistaat gleich. Die Vetternwirtschaft, Korruption, Verschwendungssucht und Habgier, die sich auf allen Ebenen der Politik und Verwaltung ausbreiten, erinnern den Unternehmer Moeletsi Mbeki – einen Bruder des gestürzten Präsidenten – an die postkoloniale Dekadenz, die viele afrikanische Nationen ruinierte. »Architekten der Armut« nennt er die Politiker, die sich auf Kosten der Allgemeinheit schamlos bereichern.

Viele Abgeordnete des ANC kennen die Geschichte ihrer eigenen Partei nicht mehr. Vor dem Jubiläumsjahr erhielten sie sogar Nachhilfeunterricht, um wenigstens zu wissen, wie alles anfing an jenem 8. Januar 1912. Die Gründerväter glaubten noch an zivile und demokratische Werte. Mit friedlichen Mitteln – Petitionen, Flugschriften, Versammlungen – hofften sie die weiße Regierung umzustimmen und als gleichberechtigte Bürger anerkannt zu werden. Sie sandten Abordnungen nach Europa, zu Premier Lloyd George in London und nach Versailles, wo die Siegermächte des Ersten Weltkriegs tagten. Aber man belächelte diese putzigen »Neger« nur und nahm ihr Anliegen nicht ernst. Und zu Hause hatten sie wenig Rückhalt im Volk, sie blieben eine isolierte Bildungselite.

Das sollte sich erst in den vierziger Jahren ändern, als junge Kräfte die Veteranen verdrängten, deren Appeasement-Strategie gescheitert war. Ihre Vordenker – Anton Lembede, Walter Sisulu, Oliver Tambo und ein gewisserNelson Mandela – appellierten an das Selbstwertgefühl der Schwarzen und mobilisierten die schweigende Mehrheit. Als 1948 die Apartheid zur Staatsdoktrin erhoben wurde, riefen sie zum zivilen Ungehorsam auf; durch Massenproteste und Boykottaktionen wollten sie das Unrechtssystem in die Knie zwingen, und die radikalen Afrikanisten unter ihnen wollten noch viel mehr: Afrika den Afrikanern! Treibt die weißen Siedler ins Meer!

1961 zogen Nelson Mandela und seine Mitstreiter in den bewaffneten Kampf. Sie scheiterten rasch. Sie wurden verfolgt, gefoltert, umgebracht oder lebenslang eingekerkert. Am Kap herrschte Friedhofsruhe – bis zumVolksaufstand von Soweto 1976.

Südafrika stand am Rande des Abgrunds, die weiße Rassendiktatur war weltweit isoliert. Eineinhalb Jahrzehnte später wurde ein historischer Kompromiss ausgehandelt und die Apartheid abgeschafft. Dem Triumph des ANC folgte die kurze Glanzzeit unter Präsident Mandela, dem großen Versöhner. Als der alte Mann 1997 abtrat, begann der moralische Niedergang seiner Partei.

Noch kann sich der ANC auf den »Befreiungsbonus« verlassen, der ihm regelmäßig üppige Wahlsiege beschert. Aber wie lange noch? Die Partei hat nach eigenen Angaben 750.000 Mitglieder, doch die Kassen sind leer, und die meisten Basisgruppen befinden sich in einem beklagenswerten Zustand. Zahlreiche hochrangige Funktionäre stehen unter Korruptionsverdacht. Die Parteiführung hat keine Visionen mehr und demontiert demokratische Errungenschaften wie die Pressefreiheit – man will die Enthüllungsgeschichten über die Selbstbereicherung der classe politiquenicht mehr lesen. »Der ANC hat seine Seele verloren«, konstatiert der Historiker und Journalist Allister Sparks.

Im Jubiläumsjahr ähnelt der African National Congress jener alten Methodistenkirche in Bloemfontein, in der er wohl vor 100 Jahren gegründet wurde. Das verwahrloste Gebäude beherbergte zuletzt eine Autospenglerei. Die ANC-Landesregierung hat es für einen astronomischen Preis erworben, mit Steuergeld, versteht sich; schließlich handele es sich um ein nationales Kulturgut, erklärte ein Sprecher. An Mitternacht vor dem Geburtstagsfest will Präsident Jacob Zuma eine Kerze in diesem Parteiheiligtum anzünden – eine matte Erinnerung an jene leuchtende Fackel der Freiheit, die der ANC einst getragen hat.

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