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2011: Bilder von den Plätzen des globalen Aufbruchs für Demokratie und soziale Gerechtigkeit und dem Schrecken rassistischer Gewalt: Tahirplatz (Ägypten), Insel Utoya (Norwegen), Zuccottipark (USA), Perlenplatz (Bahrain), Puerta del Sol (Spanien) und Rothschild Boulevard (Israel) …..und da könnten noch viele Orte hinzugefügt werden!

Januar 2, 2012

Er ist der zentrale Platz der ägyptischen Hauptstadt, im Untergrund kreuzen zwei U-Bahnlinien einander, das Ägyptische Museum steht nur einen Steinwurf entfernt. Trotzdem war der Tahrirplatz, zu deutsch Befreiungsplatz, vor einem Jahr noch kaum einem Menschen außerhalb Ägyptens ein Begriff. Bis zu jenen Tagen im Jänner, als in Kairo Geschichte geschrieben wurde und diese auf eben jenem Tahrirplatz ihren Kulminationspunkt fand. Am 25. Jänner meldete die Austria Presse Agentur: „Drei Tote bei Protesten in Ägypten“.

Es war der Beginn eines historischen Wandels, der das vergangene Jahr prägte, der das Gesicht des Tahrir für immer verändern sollte – und dessen Konsequenzen heute noch nicht absehbar sind.

Freitag, 22. Juli, 15:57 Uhr: „Regierungsgebäude bei Explosion in Oslo beschädigt: Verletzte“ hieß es in einer APA-Eiltmeldung, die bloß die Vorhut zu einer bis dahin ungekannten Flut an Breaking News aus dem gemeinhin als ruhig bekannten Norwegen bilden sollte. Während die Redaktionen dieser Welt gebannt auf das Osloer Regierungsviertel blickten, machte sich der 33-jährige Diplomatensohn Anders Behring Brevik auf den Weg auf die kleine Insel Utoya, die 30 Kilometer nordwestlich der Haupstadt im Tyrisee liegt. Und richtete dort ein Massaker unter campierenden Jugendlichen an, die an einem Ferienlager der regierenden Sozialdemokraten teilnahmen. 69 Menschen tötete Breivik auf dem bis dato im Ausland völlig unbekannten Eiland, acht Menschen kamen bei dem Anschlag in Oslo ums Leben, der sich als Ablenkungsmanöver von dem eigentlichen Ziel des Terroristen entpuppen sollte.

Norwegen ist seit dem Tag, der untrennbar mit dem Namen Utoya verbunden ist, ein anderes Land geworden.

74 Jahre alt musste der frühere New Yorker Vizebürgermeister John E. Zuccotti werden, ehe sich sein Name unwiderruflich im kollektiven Gedächtnis seiner Stadt einbrannte. 2006 kaufte das Immobilienunternehmen Brookfield Office Properties, dessen Chef Zuccotti bis heute ist, einen kleinen Park am Rande von Ground Zero an der Südspitze Manhattans, wo nach den Anschlägen vom 11. September 2001 Trümmer gelagert wurden, und ließ ihn renovieren. Dass die ehemalige Liberty Plaza kurzerhand in Zuccotti Park umgetauft wurde, es wäre wohl niemandem aufgefallen. Bis im Herbst 2011 die kapitalismuskritische Occupy Wallstreet-Bewegung in dem kleinen Park ihre Zelte aufschlug und, so scheint es, für die Initialzündung in Sachen Krisenproteste im Westen sorgte. Anti-Banker-Slogans, Transparente, Workshops: Hippieflair lag in der Luft. Bis zum 15. November, als es der zuvor schon reichlich ob ihres harten Durchgreifens gescholtenen New Yorker Polizei zu bunt wurde und das Lager räumte.

Als Geburtsort einer neuen Jugendbewegung wird der Name des italo-amerikanischen Immobilientycoons aber wohl noch länger herhalten müssen.

 

29 Jahre lang stand auf einer großen Verkehrsinsel im Zentrum der bahrainischen Hauptstadt Manama ein Monument, das an eine Perle erinnert und dem regionalen Gremium des Golfkooperationsrats gewidmet war. Lulu Roundabout, zu deutsch Perlenplatz: ein 90 Meter hohes, in strahlendem Weiß getünchtes Monument der Macht von König Hamad bin Isa Al Chalifa. Und Symbol des bahrainischen Kapitels des Arabischen Frühlings, der auch auf der kleinen Insel zwischen den um Vorherrschaft ringenden regionalen Hegemonialmächten Iran und Saudi Arabien Einzug hielt. Krasse soziale Ungleichheit, ein diktatorisches Königshaus und die systematische Diskriminierung der schiitischen Bevölkerungsmehrheit brachten die Proteste im März zum Überkochen. Spätestens am 18. März, als die Behörden des Regimes den symbolträchtigen Treffpunkt der Regierungsgegner mit Baggern zu Boden holten, ist dieses Kapitel zu einer Fußnote verkommen. Vier Tage zuvor waren Truppen Saudi Arabiens und der Vereinigten Arabischen Emirate den mit großer Härte agierenden Sicherheitskräften der kleinen Monarchie zur Seite gesprungen und hatten die Proteste erstickt.

Das Königshaus hatte den Golfkooperationsrat um Truppenhilfe gebeten. Die Organisation, welcher das Perlenmonument gewidmet war, hat so auch zu seiner Zerstörung beigetragen.

M15 ist noch so eine Chiffre, die das Jahr 2011 womöglich überdauern wird. Sie steht für Movimiento 15 Mayo, die Bewegung des 15. Mai. Deren Mitglieder und die, die sich so fühlen, nennen sich Indignados, die Empörten. Jugendliche, die gegen verfehlte Bildungspolitik und die katastrophale Jugendarbeitslosigkeit demonstrieren, haben den zentralen Platz Puerta del Sol in Madrid, auf dem zu Silvester das neue Jahr eingeläutet wird, als ihren Stützpunkt auserkoren. Weltweit gab es Unterstützungskomitees für die zeltenden und demonstrierenden Spanier.

Mitte Juni wurde die Besetzung beendet, im Herbst kam es zu Neuwahlen in Spanien, aus denen die Konservativen als klare Sieger hervorgingen.

Ursprünglich hieß der Rothschild Boulevard, eine der Hauptarterien der israelischen Metropole Tel Aviv, Rehov HaAm, was so viel wie Straße des Volkes bedeutet. Im Sommer 2011 wurde die ansonsten von teuren Geschäften und schicken Cafes gesäumte Flaniermeile ihrem alten Namen wieder gerecht. Tausende Israelis nutzten die Parkanlage in der Mitte der Straße als Protestareal, sie bauten Zelte im Rasen auf und demonstrierten allabentlich gegen soziale Einschnitte durch die Netanjahu-Regierung. Begonnen hatte alles mit der so genannten Hüttenkäserevolution. Die Milchspeise war für viele Israelis unleistbar geworden. Schnell entwickelte sich daraus ein Protest gegen die hohen Mietpreise in der Stadt und die Regierung Netanjahu insgesamt.

Inzwischen ist die Zeltstadt am Rothschild Boulevard wieder abgebaut, soziale Proteste bleiben aber auch in Israel an der Tagesordnung. Und das wohl auch 2012. (flon/derStandard.at, 31.12.2011)

 

 

 

http://derstandard.at/1324501056109/Jahresrueckblick-International-Tahrirplatz-bis-Zuccotti-Park-Plaetze-2011

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