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US-Bank schickt Menschen im verarmten Somalia ins Elend: Überweisungen von Auslandssomalis aus Angst der Unterstützung von Al Shaba bezichtig zu werden, eingestellt: Aber viele Somalier sind für ihr Überleben auf dieses Geld angewiesen und 68 Prozent gehen an Familienangehörige – Somalia ist eines der Länder, das am stärksten von den Auslandsüberweisungen von Menschen im Exil abhängt: 40 Prozent der Haushalte bekommen Überweisungen, 80 Prozent des Kapitals für Betriebe kommen daher! Ohne diese Überweisungen stehten große Teile der somalischen Wirtschaft vor dem Ruin.

Januar 1, 2012

Rimessen nach Somalia blockiert
Entscheid einer amerikanischen Bank im Rahmen der Terrorismusbekämpfung
Auf das Jahresende stellt eine amerikanische Bank ihre Dienstleistung beim Geldtransfer durch Ausland-Somalier in die Heimat ein. Die Massnahme soll der terroristischen Shabab-Miliz den Geldhahn zudrehen, trifft aber auch einfache Somalier.

Markus M. Haefliger, Nairobi

Eine Reihe von informellen Zahlstellen der somalischen Diaspora im amerikanischen Gliedstaat Minnesota nehmen seit Donnerstag kein Bargeld mehr in Empfang. Dies gab eine Sprecherin der Somali American Money Services Association in Minneapolis, dem geografischen Zentrum der Ausland-Somalier in Amerika, bekannt. Insgesamt hätten 15 Zahlstellen zu der Massnahme gegriffen, sagte die Sprecherin. An den Zahlstellen konnten Somalier bisher einen Teil ihres Verdienstes einzahlen, damit dieser über das sogenannte Hawala-Finanzsystem Angehörigen und Vertrauten in Somalia ausbezahlt wurde.
Folgen des Terrors

Die Blockierung der für die somalische Wirtschaft wichtigen Rimessen erfolgte, weil die Sunrise Community Banks (SCB), ein Verbund lokaler Banken in Minnesota, die Zusammenarbeit mit den Zahlstellen auf Ende Jahr beenden. Die Bank will verhindern, in das Fadenkreuz amerikanischer Fahnder zu geraten. Im Oktober waren in Minnesota zwei Somalierinnen wegen Unterstützung der somalischen Shabab-Miliz, die von Amerika als Terrororganisation eingestuft wird, verurteilt worden. Sie waren in der Diaspora in Minneapolis von Tür zu Tür gegangen, hatten Geld für die Miliz gesammelt und die Spenden nach Somalia überwiesen.

Das Hawala-System, ein in muslimischen Ländern geläufiges informelles Verfahren für den Geldtransfer, ist seit Jahren die einzige Methode, mit der Geldbeträge bargeldlos nach Somalia überwiesen werden können. In dem anarchischen Land existiert weder ein Bankensystem, noch sind dort ausländische Geldtransfer-Unternehmen wie MoneyGram oder Western Union tätig. Das Hawala-System beruht auf Vertrauen, ist in der Realität aber auf die Zusammenarbeit mit einer Bank angewiesen. Beispielsweise zahlt ein Somalier im amerikanischen Exil an einer Zahlstelle 100 $ zugunsten eines Familienangehörigen in Somalia ein. Dieser kann sich bei einer somalischen Zahlstelle, die derjenigen in Amerika vertraut ist, identifizieren und bekommt das Geld ausgehändigt. Die geschuldete Summe wird daraufhin mit derjenigen verrechnet, die – immer noch beispielsweise – ein somalischer Geschäftsmann einer südkoreanischen Firma für die Einfuhr von Generatoren schuldet. Geld muss also von Amerika nach Südkorea überwiesen werden – wofür eine Banküberweisung nötig ist.

Die SCB hatten vor zwei Wochen angekündigt, dass sie die Zusammenarbeit mit den Hawala-Zahlstellen per Ende Jahr aufkündigen würden. David Reiling, der Direktor der SCB, sagte damals gegenüber der Nachrichtenagentur AP, der Entscheid falle ihm schwer, da Somalia in einer humanitären Krise stecke. Bei der Abwägung sei schliesslich die Terrorismusgefahr jedoch höher gewertet worden.
Somalias Rettungsanker

Laut einem Bericht des United Nations Development Programme (UNDP) von 2009 leben insgesamt mindestens 1 Million von 7,5 Millionen Somaliern im Exil. Das entspricht einem Anteil von 14%. Die zahlenmässig grössten Diaspora finden sich in Kenya (mit geschätzten 250 000 Somaliern), Jemen (100 000), den Golfstaaten (über 100 000), Grossbritannien (200 000), Amerika und Kanada. Die Schätzungen gehen teilweise weit auseinander. Von 150 000 Somaliern, die laut der erwähnten Studie in Amerika ein Auskommen suchen, lebt der Grossteil im Gliedstaat Minnesota, und von ihnen wiederum leben 70 000 in der Metropole der Zwillingsstädte Minneapolis und St. Paul.

Das UNDP schätzt die jährlichen Rimessen nach Somalia auf 1,6 Mrd. $; dazu kommen 700 Mio. $, die Empfängern in der selbständigen Republik Somaliland zugutekommen. Somalia ist damit eines der Länder der Welt, die am stärksten von Rimessen abhängig sind. 23% der Haushalteinkommen stammen aus dieser Quelle. Während 40% aller somalischen Haushalte in den Genuss der Überweisungen kommen – in der Hauptstadt Mogadiscio liegt der Anteil bei über zwei Dritteln –, stammen 80% des Startup-Kapitals von Rimessen.

Ohne Rimessen, die laut der Somali Money Transfer Association 90% aller Deviseneinnahmen des Landes ausmachen, wäre die überraschende Widerstandsfähigkeit des somalischen Wirtschaftslebens, das ohne jede staatliche Ordnungspolitik zurande kommen muss, undenkbar. Eine Studie der offiziellen britischen Entwicklungshilfe kam 2008 zum Schluss, dass 87% der in Grossbritannien ansässigen Somalier mindestens zweimal jährlich Geld in die Heimat überweisen; rund die Hälfte der in der Umfrage berücksichtigten Exil-Somalier taten dies monatlich.

Laut der britischen Studie kommen die Zahlungen in 68% der Fälle Familienmitgliedern zugute. Bei einem Durchschnittseinkommen von 210 $ pro Jahr machen selbst kleine Überweisungen von 200 $ oder 300 $ einen grossen Unterschied aus. In Notfällen, wie der diesjährigen Dürre, mobilisiert die Diaspora zudem regelmässig weitere Mittel. Somalia ist das Paradebeispiel eines andernorts beobachteten Paradoxes, nach dem anhaltende Krisen, Bürgerkrieg und Unterentwicklung zu Hause zu Flüchtlingsströmen und der Bildung einer relativ wohlhabenden Diaspora führen, die anschliessend der Heimat als Rettungsanker dient. Ein somalischer Verkäufer in einem Fast-Food-Outlet in Minneapolis verdient an einem Tag mehr als ein Universitätslehrer in Mogadiscio während eines Monats.
Dein Clan ist deine PIN

Die wirtschaftshistorische Bedeutung von Rimessen sowie eines Vorläufers des heutigen Hawala-Systems geht in Somalia auf die Zeit vor dem Zusammenbruch der Diktatur von Siad Barre 1991 zurück. Laut dem Buchautor Peter D. Little («Somalia: Economy without State») arbeiteten während des Erdölbooms der 1970er und 1980er Jahre bis zu 175 000 Somalier in den Förderländern des Nahen Ostens. Die damalige Regierung billigte ein Franco Valuta genanntes Verrechnungssystem, das Importeuren direkten Zugang zu den als Rimessen einbezahlten Devisen erlaubte, die somit gar nie in offiziellen Statistiken, wie denjenigen der Zentralbank, auftauchten. Schon damals übertrafen die Rimessen nach Schätzungen den Wert der somalischen Exporte.

Nach dem somalischen Bürgerkrieg und dem Zerfall des Staatswesens spezialisierten sich die aus dem Franco-Valuta-System hervorgegangenen Betriebe weiter auf die somalischen Gegebenheiten. Dazu gehört die stichhaltige Identifizierung der Adressaten von Rimessen, ähnlich der Sicherheitsfragen, die Kreditkartenunternehmen in Europa gelegentlich an ihre Kunden richten. Da Somalier meist ähnlich heissen (eine Mehrheit der Männer nennt einen oder mehrere aus einer Auswahl von lediglich einem halben Dutzend Namen sein eigen) und Identitätsausweise vor lauter Fälschungen praktisch wertlos sind, muss ein Begünstigter, wenn er in Somalia eine Auszahlungsstelle betritt, neben der Clan-Zugehörigkeit eine Reihe von Verwandtschaftsbeziehungen nennen, die sein Verwandter in Minnesota oder anderswo dem Überweisungsauftrag anfügte.

http://www.nzz.ch/nachrichten/wirtschaft/aktuell/rimessen_nach_somalia_blockiert_1.14006124.html

From → Banken, Somalia, USA

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