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Die Doppelgängerin der Nazi-Terroristin packt aus (Beate Zschäpe benutzte die Identität von Mandy Struck) – Gibt es jetzt die direkte Spur zu den Hintermännern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die von der Bundesanwaltschaft noch nicht identifiziert werden konnten.

Dezember 27, 2011

Die Doppelgängerin der Nazi-Terroristin packt aus

Beate Zschäpe benutzte die Identität von Mandy Struck, die deshalb ins Visier der Fahnder geriet. Jetzt berichtet sie erstmals – und weiß von einer folgenschweren Panne.

Vier Tage, nachdem die beiden Rechtsextremisten Uwe Böhnhardt und Uwe Mundlos tot in einem gemieteten Wohnmobil aufgefunden worden waren, tauchte der Name zum ersten Mal in den Medien auf: „Mandy Struck“. Fast alle Zeitungen druckten den Namen, der von Beate Zschäpe, dem dritten Mitglied des Terrortrios, als Deckname im Untergrund benutzt worden war.

Foto: Montage: DIE WELT
Beate Zschäpe betrieb viel Aufwand, um sich mit der Identität von Friseurin Mandy Struck zu tarnen

Bald stellte sich heraus, dass die Tarnidentität Mandy Struck einer realen Person entliehen war – einer Friseurin, die in Schwarzenberg lebt, einer 18.000-Seelen-Stadt im sächsischen Erzgebirgskreis.

Das Leben der richtigen Mandy Struck ist seitdem aus den Fugen geraten. Die Bundesanwaltschaft stufte sie erst als Verdächtige, dann als Beschuldigte ein. Am 3. Advent klingelte es um vier Uhr in der Frühe, Ermittler durchsuchten ihre Wohnung.

Ende vergangener Woche wurde sie auf eigenen Wunsch stundenlang von Spezialisten der Kriminalpolizei vernommen. Struck befürchtete ansonsten, Weihnachten in einer Gefängniszelle verbringen zu müssen, wie fünf der derzeit sieben Beschuldigten.
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Weitere Festnahme in Zwickau

„Ich will da schnell durch, deshalb stelle ich mich der Situation, ich habe nichts Böses getan“, sagt Struck im ersten Gespräch mit Journalisten überhaupt. Gleich zu Beginn erklärt die 36-Jährige „Welt Online“, dass sie nur dieses eine Mal mit der Presse reden werde. Sie hoffe, dass damit die wochenlange Jagd der Journalisten auf sie ende und es ihr gelinge, das falsche Bild von ihr zu korrigieren.

Sie gehe derzeit durch die Hölle, schlafe kaum noch und habe sechs Kilogramm abgenommen. Fast drei Stunden lang beantwortet sie Fragen nach Kontakten zur Zwickauer Zelle und deren Umfeld. Struck hat nichts dagegen, dass ihr vollständiger Name genannt wird: „Den kennen sowieso alle, außerdem bin ich nicht die geheimnisvolle Terrorhelferin im Hintergrund.“

Nach dem Gespräch in einem Schwarzenberger Hotel bleiben drei wesentliche Erkenntnisse. Erstens: Struck ist in jedem Fall eine wichtige Zeugin. Ohne ihre Vermittlung wäre es den Thüringern Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wohl nicht gelungen, kurz nach ihrem Abtauchen Ende Januar 1998 in Chemnitz ein Quartier zu finden. Struck sagt, sie sei nur ein kleines Licht gewesen. Dennoch hilft ihre Aussage den Ermittlern, den genauen Weg der Terrorzelle in den Untergrund nach zu verfolgen.

Zschäpe bediente sich an Strucks Identität mit viel Aufwand

Zweitens kann sie inzwischen berichten, welchen Aufwand Zschäpe betrieben hat, um sich Strucks Identität zu bedienen. Und drittens lassen ihre Schilderungen darauf schließen, dass es wohl eine folgenschwere Panne bei der Fahndung nach dem Trio gegeben hat.
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Drei mutmaßliche Terroristen und ihr Umfeld

Foto: dapd
Uwe Mundlos (l.) und Uwe Böhnhardt im Jahr 1996. Die beiden Neonazis…

Struck war einst tief in der rechtsradikalen Szene verstrickt. Die schlanke Frau mit pechschwarzen Haaren redet nicht gern darüber. Bis vor Kurzem glaubte sie, diese Vergangenheit abgestreift zu haben. Sie fühlte sich in Schwarzenberg angekommen, die Bürger kennen sie als engagierte Leiterin eines Friseursalons und alleinerziehende Mutter einer vierjährigen Tochter. In ihrer Freizeit fährt sie Motorrad und arbeitet im Garten.

Doch dann flog die Zwickauer Zelle auf und mit dem geordneten Leben war es vorbei. Strucks Vergangenheit holte sie ein. Sie war in Johanngeorgenstadt aufgewachsen, jener Bergarbeiterstadt, in der sich nach der Wende eine dezidiert rechte Jugendkultur entwickelt hatte. Nach ihrer Ausbildung zog Struck im Herbst 1997 nach Chemnitz, wo sie tief ins Milieu abrutschte.

Struck betreute „Kameraden im Knast“

Die Friseurin besuchte Demonstrationen und Konzerte von Blood-and-Honour-Bands, die sich mit Nazi-Symbolen schmückten und deren Texte brutal waren. Die angesagten Gruppen hießen „Noie Werte“, „Brutal Attack“ oder „Celtic Warrior“. „Chemnitz war eine ganz andere Welt als Johanngeorgenstadt“, erinnert sich Struck. Dort sei alles viel organisierter zugegangen.
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Die Aufdeckung des Neonazi-Terrors

Schritt für Schritt führt ein Bankraub die Ermittler auf die Spur einer Mordserie, die das Land erschüttert. Jeden Tag kommen neue Einzelheiten über die Neonazi-Gruppe aus Zwickau ans Licht:

Sie ließ sich überreden, Mitglied der inzwischen verbotenen Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene zu werden. Ihre Aufgabe bestand darin, die „Kameraden im Knast“ zu betreuen. „Ich schrieb Briefe. Dabei ging es weniger um Politik, ich fühlte mich wie eine Sozialarbeiterin.“ Dann der Bruch, der 30. Geburtstag. „An diesem Tag bin ich erschrocken und habe mich gefragt: ‚Was hast du mit deinem Leben angefangen?’“

Dieses Erlebnis vor sechs Jahren bezeichnet sie als ihren Wendepunkt. Doch jetzt sind die Schatten aus dem Leben als Rechtsradikale wieder da. Eine damals für Struck unwichtige Episode spielt heute bei den Ermittlungen eine zentrale Rolle.

„Kannst Du Leute unterbringen, die Scheiße gebaut haben?“

Februar 1998: Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe sind seit wenigen Tagen abgetaucht und benötigen einen Unterschlupf. In einem Szenetreff von Rechtsradikalen, mitten in einem Chemnitzer Plattenbau-Gebiet gelegen, spricht ein Bekannter Struck an: „Kannst Du Leute unterbringen, die Scheiße gebaut haben?“. Diese Frage könnte für die Ermittler einen Durchbruch bedeuten. Denn Struck kennt den Namen des Fragenstellers.

Sie glaubt, dass dieser Quartiermacher nur ein Laufbursche führender Neonazis gewesen sei. Doch über ihn führt vielleicht eine direkte Spur zu den Hintermännern des Nationalsozialistischen Untergrunds (NSU), die von der Bundesanwaltschaft noch nicht identifiziert werden konnten. Struck nennt keine Details: „Ich will die Ermittlungen nicht gefährden. Die Polizei weiß alles.“

Ihre damalige Bereitschaft, Mundlos, Böhnhardt und Zschäpe helfen zu wollen, erklärt sie so: „Mir wurde gesagt, die drei hätten nichts Schlimmes gemacht. Mal sollen sie eine Hakenkreuzflagge über den Balkon gehängt, mal Nazisprüche skandiert haben. Für einige Wochen sollten sie untertauchen. Weil sich in meiner Wohnung meist mein Freund aufhielt und seine Wohnung deshalb frei war, wurden sie dort untergebracht. Ich habe die Leute, deren Namen ich nicht kannte, da dann nur drei oder vier Mal gesehen.“

Ex-Freund Max-Florian B. gehört auch zu Beschuldigten

Ihr damaliger Freund Max-Florian B. gehört ebenfalls zu den Beschuldigten in dem Ermittlungsverfahren. Ihm wird wie Struck die Unterstützung einer terroristischen Vereinigung vorgeworfen. „Nachdem ich mich im Frühsommer 1998 von Max-Florian getrennt hatte, war das Kapitel für mich abgeschlossen.“

Diese Aussage widerspricht angeblichen Erkenntnissen der Behörden. Wie „Welt Online“ von einem Verfassungsschützer erfahren hat, soll Struck am 6. Mai 2000 mit Böhnhardt in Chemnitz beobachtet worden sein.

Damals hatte der MDR in der Sendung „Kripo live“ einen Fahnungsaufruf nach den drei untergetauchten Thüringern veröffentlicht. Rund um das Sendedatum wurden mögliche Kontaktpersonen des Trios observiert. Dabei soll auch ein Foto von Böhnhardt und Struck entstanden sein. Strucks Telefon wurde zudem vom 5. bis zum 15. Mai 2000 abgehört. Sie selbst glaubt an einen Irrtum.

Rabiater Zugriff war Verwechslung

„Die Kripo zeigte mir Fotos, auf denen ich einen Bekannten identifizierte.“ Nach Angaben von Struck erfolgte daraufhin ein rabiater Zugriff. Doch anders als die Polizei vermutet hatte, handelte es sich bei dem Mann nicht um Böhnhardt. Offenbar hatte es sich um eine Verwechslung gehandelt. Die Polizei ließ sich danach nie mehr bei Mandy Struck blicken.

Die Fahndungsfotos von Böhnhardt, Mundlos und Zschäpe wurden ihr damals nicht vorgelegt, sagt Struck. Sollte das stimmen, wäre das ein fataler Fahndungsfehler gewesen. Denn Struck kannte die erste konspirative Wohnung des Trios in Chemnitz. Mit dieser Information wäre es für die Ermittler leicht gewesen, die Spur zu den Gesuchten aufzunehmen und sie dingfest zu machen. Nur wenige Monate später wurde dann erneut eine Chance zur Ergreifung der Täter vertan.

Sachsens Verfassungsschutz beobachtete auf Bitte der Thüringer Kollegen die Chemnitzer Wohnung von Struck. In einem Appartement gegenüber wurde eine Videokamera aufgestellt, die von Mitte September bis Ende Oktober 2000 lief. Es hatte Hinweise gegeben, dass Böhnhardt seinen Geburtstag am 1. Oktober in Strucks Wohnung feiern wolle. Das bestätigte sich nicht.

Vier-Sekunden-Sequenz mit Böhnhardt und Zschäpe

Doch brachte die Überwachung zumindest ein Ergebnis. Auf einer vier Sekunden langen Sequenz vom 29. September 2000 sind mutmaßlich Böhnhardt und Zschäpe festgehalten. Die Beiden werfen im Vorbeigehen einen Blick auf die Klingelschilder an Strucks Wohnhaus.

Diese Sequenz auf der Videokassette wurde Tage später entdeckt und an das für die Fahndung nach dem Trio zuständige Landeskriminalamt Thüringen weitergeleitet. Struck sagt, sie sei nicht mit dem Material konfrontiert worden. Wiederum eine verpatzte Möglichkeit. Weshalb die Zielfahnder nicht auf sie zugegangen sind, bleibt unverständlich.

Das Jahr 2000, so scheint es, hatte für die Entwicklung des NSU-Trios eine schicksalhafte Bedeutung. Die Bande, die bis dahin einige Banküberfälle begangen hatte, erschoss im September in Nürnberg ihr erstes Opfer, einen türkischen Blumenhändler. Es war der Auftakt einer Mordserie, die noch neun weitere Menschen das Leben kostete.

Eine Terrorzelle konnte sich bilden – offenbar auch deshalb, weil Hinweise nicht ernst genug genommen worden waren. Struck beteuert, sie habe nichts von den Verbrechen des Trios gewusst oder auch nur geahnt. Für die Taten hat sie nur ein Wort übrig: „abartig“.

Lkw-Fahrer bezichtigt Struck, Zschäpe zu sein

Als sie dann erfahren habe, dass Zschäpe unter dem Decknamen „Mandy Struck“ aufgetreten war, sei sie „total geschockt“ gewesen. Immer wieder müsse sie Kollegen, Freunden und Bekannten erklären, dass sie nicht den geringsten Anteil an der Mordserie habe.

Mitunter wird es skurril: Ein Lkw-Fahrer, der mit ihr nach dem Bekanntwerden der Zwickauer Zelle in einen Unfall verwickelt war, bezichtigte sie, Beate Zschäpe zu sein und nur zur Tarnung den Namen Mandy Struck angenommen zu haben. Und dann wurde die Sache mit dem Internetpasswort publik. Der Thüringer Neonazi Thomas Gerlach hatte vor Jahren in geschützten Foren das Passwort „struck-mandy“ verwendet.

Als dies kürzlich aufgedeckt wurde, begannen Spekulationen, Gerlach und Struck seien Helfershelfer des Terrortrios. Die Friseurin weist das für ihre Person zurück. Jedoch sei sie früher mit Gerlach befreundet gewesen, der wohl deshalb ihren Namen als Passwort benutzt habe.

Struck empfindet nur Abscheu für Zschäpe

Heute weiß Mandy Struck auch, auf welche Weise ihre Doppelgängerin ihre Identität benutzte. So besaß Zschäpe einen auf den Namen „Mandy Struck“ ausgestellten Mitgliedsausweis eines bayerischen Tennisclubs. Damit hätte sie sich bei einer Kontrolle trotz eines fehlenden Personaldokuments ausweisen können. Gefunden wurde auch ein Impfpass für Zschäpes Katzen, auf dem als Besitzerin der Tiere „Mandy Struck“ stand.

Was beide Frauen neben einer gewissen Ähnlichkeit verbindet, ist die Körpergröße: Beide sind etwa 1,65 Meter groß. Offenbar hatte die Zwickauer Zelle die Friseurin viele Jahre im Visier. Denn die Ermittler stellten bei der Hinterlassenschaft des Trios unter anderem Strucks aktuelle Handynummer sowie die Anschrift ihres vorletzten Wohnortes sicher.

Für die in einem Kölner Gefängnis einsitzende Beate Zschäpe empfindet Mandy Struck nur Abscheu. „Ich glaube, sie weiß nicht, was sie mir und vor allem meiner kleinen Tochter angetan hat.“

http://www.welt.de/politik/deutschland/article13785184/Die-Doppelgaengerin-der-Nazi-Terroristin-packt-aus.html

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