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Der Musiker Cherif El-Masri tritt regelmäßig auf dem Tahir-Platz mit seiner Band Eskenderella auf: Was hat die Revolution verändert? Wie geht es weiter? Es gibt die, die das Leben wieder in seinen normalen Bahnen sehen wollen, die sich nach Normalität sehnen – das ist der Großteil der Ägypter. Die Menschen hier kommen von der Arbeit nach Hause und leben von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag.Auf der anderen Seite gibt es viele Leute, die das Feuer nicht erloschen sehen wollen. Sonst müssten sie wieder von vorne anfangen. Wenn es leise wird, das wissen sie, holt sich das Militär wieder die wichtigen Köpfe, entführen sie in der Nacht und lässt sie verschwinden. Dann geht der Faschismus von vorne los.

Dezember 23, 2011

 

„Die Realität hat eingeschlagen“

Der Musiker Cherif El-Masri über Protestsongs, Zensur und die Stimmung unter den Aktivisten

Cherif El-Masri ist eines der vielen Gesichter der ägyptischen Revolte. Der 27-jährige Musiker aus Kairo ging erstmals am 28. Jänner auf den Tahrir-Platz. Ein paar Tage später trat er dort regelmäßig mit seiner Band Eskenderella auf.„Der größte Erfolg war, dass die Menschen aufgehört haben, ohne Grund Angst zu haben,“, sagt Cherif. Was sich mit dem Sturz Mubaraks in der Musikszene und wie sich die Stimmung auf dem Platz der Revolution geändert hat, erzählte er im Gespräch mit derStandard.at in Kairo.rd.at: Sie waren ab dem 28. Jänner auf dem Tahrir-Paltz, kurz danach sind Sie dort regelmäßig mit ihrer Band Eskenderella aufgetreten. Seither gilt Eskenderella als eine jener Bands, die der Revolution ihre Hymne gegeben haben.

Cherif El-Masri: Anfang Februar waren einige Musiker dort. Für ein paar davon war der Tahrir-Platz der Karrierestart. Einige wurden zu Helden, weil sie festgenommen und gefoltert wurden, nach ihrer Entlassung aber wieder zurückgekommen sind. Meine Band war vor der Revolution weniger bekannt, danach hatten wir plötzlich enorm viel Aufmerksamkeit. Wir haben ein Video auf und um den Tahrir Platz herum gedreht:

 

Quelle: Youtube

derStandard.at: Hat der Aufstand damals auch die Pop-Musik erreicht?

Cherif El-Masri: Viele der hiesigen Stars wussten nicht, was sie mit der Revolution anfangen sollten. Sie wollten irgendwie mitmachen, aber gleichzeitig nicht mit zu starken Statements auffallen. Manche von denen haben versucht, sich an beide Seiten anzubiedern. Temer Hosny (einer der bekanntesten Sänger in Ägypten, Anm.) etwa hatte vor Mubaraks Abgang ein Lied, in dem er sich für die Proteste beim „Vater des Landes“, womit Mubarak gemeint war, gewissermaßen entschuldigt. Nach dem Sturz Mubaraks hat er einfach die Betonung geändert – was im Arabischen geht – und damit die Bedeutung des Liedes verändert: So wurde aus dem „Vater“ ein Feminin, so als würde er plötzlich das Land an sich ansprechen.

derStandard.at: Wie hat das Publikum darauf reagiert?

Cherif El-Masri: Er ist auf den Tahrir Platz gegangen und dachte wohl, die Leute würden ihm zujubeln. Dabei haben sie angefangen, auf ihn einzuprügeln. Er hat zu weinen begonnen und versucht, den Leuten klarzumachen, dass es sich um ein Missverständnis handle. Es hat nichts genützt.

derStandard.at: Die Proteste waren begleitet von einigen Bands. Spielen die jetzt noch auf dem Tahrir-Platz?

Cherif El-Masri: Nicht wirklich. Ägyptische Bands hatten nie einen Ort, wo sie spielen konnten. Ägypten war kulturell immer etwas hinterher und hat nie wirklich versucht, das aufzuholen. Man findet auch keine Bands, die etwas Neues ausprobieren. Man macht eher nach, was in den USA oder Europa passiert. Jetzt aber probieren die Leute viel mehr aus. Auch wenn es weiterhin an Bühnen fehlt, es tauchen plötzlich viel mehr Musiker auf. Arabischer Hip Hop explodiert nahezu und wird allmählich auch richtig gut. Anfangs war er mehr der Versuch, das Arabische in diese Formel hineinzupressen, es sollte also auf Arabisch klingen wie es auch auf Englisch, Französisch, Deutsch klingt. Jetzt hat man einen eigenen Stil gefunden mit seinem eigenen Rhythmus, eigener Persönlichkeit. Und er ist echter so.

derStandard.at: Wie ging es der Musikszene vor der Revolution?

Cherif El-Masri: Davor war es richtig übel. Als Musiker hat man beschränkte Möglichkeiten, wenn man Erfolg haben will, also Fans haben und Shows spielen möchte: Man kann Covers von Western-Songs spielen oder man macht ägyptischen Pop, der sich über die vergangenen zwanzig Jahre nicht weiterentwickelt hat.

derStandard.at: Was hat sich mit dem Machtwechsel für die Musikszene geändert?

Cherif El-Masri: Viele, vor allem die mit viel Geld, würden alles geben dafür, dass sich nie etwas geändert hätte, weil sie viel Geld in Kanäle, Medien oder Künstler investiert haben. Diese Künstler will heute niemand mehr hören, die Leute wollen hören, was passiert.

derStandard.at: Was ist heute möglich an Kritik an der Regierung?

Cherif El-Masri: Unter Mubarak wurde man strengstens überwacht, wenn Musik auch nur in Ansätzen politisch oder sozialpolitisch war. Leute oder Dinge beim Namen zu nennen – wer das machte, hat regelrecht um Ärger gebeten.

derStandard.at: Wurden Liedertexte mit dem Sturz Mubaraks politischer?

Cherif El-Masri: Wir haben jetzt viele patriotische Lieder, solche, die ein neues Ägypten anpreisen, eine neue Freiheit. Ehrlich gesagt bin ich kein sonderlicher Fan davon. Natürlich müssen wir unser Land lieben, aber das steht ohnehin außer Frage. Die Lieder sind nur patriotisch des Patriotismus‘ wegen. Weil die Musiker wissen, dass das zieht im Moment und dass es sich gut verkauft. Es fühlt sich nicht so echt an, wie zu den Zeiten, als patriotische Lieder auf dem Tahrir-Platz gespielt wurden. Jetzt ist es mehr ein Trend.

derStandard.at: Sie stehen seit Ende Jänner immer wieder am Tahrir-Platz. Hat die Euphorie von damals in der Zwischenzeit abgenommen?

Cherif El-Masri: Ich bin zum ersten Mal am 27. Jänner am Tahrir-Platz gewesen, da ging es erst richtig los. Am 28. habe ich mir nur noch gedacht: Das ist es, jetzt oder nie. Da ging es Richtung Innenstadt schon ziemlich apokalyptisch zu. Autos standen in Flammen, Rauch überall, man roch das Tränengas und es gab Straßenkämpfe. Im Nachhinein gesehen war das das Zeitfenster, in dem wir wirklich etwas verändern hätten können. Damals haben wir das Regime auf dem kalten Fuß erwischt. Mit der nötigen Vorbereitung und Kooperation hätten wir damals etwa die staatlichen Medien unter unsere Kontrolle bringen können. Wäre das Regime damals schneller ausgetauscht worden, hätte der Militärrat seine Macht weniger ausbauen können.

derStandard.at: Wieso tun sich besonders die säkularen Kräfte so schwer, die Aufbruchsstimmung für sich zu nützen?

Cherif El-Masri: Die Realität hat eingeschlagen. Die Euphorie nach dem großen Sieg, dem Sturz Mubaraks, der in Wirklichkeit nicht so ein großer Sieg war, ist weg. Die Änderung war eine Formsache, der Name wurde ausgetauscht, Idee und Regime sind geblieben. Eine Zeit lang war jeder Aktivist, bis man gemerkt hat, dass man eigentlich keine Ahnung von Politik hat. Seit Jahrzehnten leben wir Ägypter in einer abgeschirmten Welt, und jetzt plötzlich sollen wir politisch gebildet sein? Wie funktioniert Politik überhaupt? Das schüchtert viele ein, weil es Taten und viel Mühe und Anstrengung verlangt und mehr ist, als nur seine Stimme zu erheben. Das sind abstrakte Probleme, die den Durchschnittsägypter gerade nicht sonderlich beschäftigen. Der ist besorgt darüber, wie das Land finanziell wieder auf die Beine kommt. Selbst wenn wir tatsächlich all unsere Rechte kennen würden, wäre das jetzt irrelevant, weil sich die meisten in erster Linie um ihre Einnahmen sorgen. Das Land befindet sich seit gut einem Jahr in einer Schockstarre.

 

Ebenfalls auf dem Tahrir-Platz gedreht: „Der Klang der Freiheit“ („Sout Al Horeya“ im Original) von Hany Adel, Amir Eid, Hawary und Sherif Mostafa. Hany Adel ist außerdem in der Band Wust El-Balad (Quelle: Youtube).

derStandard.at: Dass die Menschen gelernt haben, ihre Rechte überhaupt einzufordern, ist das nicht einer der größten Erfolge der Revolution?

Cherif El-Masri: Eindeutig. Und dass die Ägypter aufgehört haben, ständig in einer irrationalen Angst zu leben. Die Regierung hat uns 30 Jahre lang eingehämmert, dass man ständig vor irgendetwas Angst haben muss. Vor westlichem, satanischem oder schwulen Einfluss, vor Krankheiten, Terrorismus, der Revolution – was auch immer. Ab dem 28. Jänner hat sich bei der Bevölkerung ein Schalter umgelegt. Das war keine bewusste Entscheidung, man hatte schlichtweg nichts mehr zu verlieren. Die Angst, dass sie dich ins Gefängnis sperren oder töten könnten, war auf einmal weg. Wir hatten Glück verglichen mit anderen Ländern wie Syrien oder Jemen. Der arabischen Revolutions-Skala nach ist es uns in Ägypten noch relativ gut gegangen. Natürlich ist nicht alles gut gelaufen und sie ist noch lange nicht vorbei. Eigentlich kann man das, was in Ägypten passiert ist, nicht einmal eine Revolution nennen. Damit fängt‘s einmal an.

derStandard.at: Wann wird aus dem Aufstand eine Revolution?

Cherif El-Masri: Wenn Leute Bildung ernst nehmen, ihre eigene und die anderer. Bildung ist der Schlüssel. Klar ist es schwierig mit der eingebürgerten Desinformation und Manipulation. Die ägyptischen Medien sind dabei nicht sehr hilfreich, sie knien vor wem auch immer, der gerade an der Macht ist. So behalten sie ihre Jobs. Viele wissen noch nicht einmal, was es in der Theorie braucht, damit man das Land wieder zurückbekommt: Bildung, Untersuchungen, Nachforschungen, Networking, die Umstellung vieler Gewohnheiten. Aber wie kann man das jemandem nahelegen und von jemandem verlangen, dessen größtes Problem ist, sein Kind ernähren zu können? Sie haben Verantwortungen, gleichzeitig ist auch das eine Verantwortung: ein Land aufzubauen.

derStandard.at: Wie hat sich die Stimmung unter den Demonstranten geändert?

Cherif El-Masri: Ich glaube, die Jugend erkennt jetzt erst den Ernst der Lage, die Realität der Militärrat-Regierung. Gleichzeitig hat sich die Idee des Märtyrertums in den Köpfen der Ägypter festgeschraubt. Natürlich ist es es eine große Tat, sein Leben für sein Land zu opfern, aber zu viele junge Frauen und Männer kämpfen gegen die Regierung mit nichts als Adrenalin und Wut. Wir müssen uns aber um mehr Strategie bemühen und die Situation langfristiger ins Auge nehmen. Es schmerzt, dabei zuzusehen, wie wir diese hellen und intelligenten Köpfe an ein Militär verlieren, das sie zu diesem Märtyrium zwingt. Das ist fast schon Selbstmord, meiner Meinung nach.

 

HipHopper Mohammed El-Deeb alias Deeb (Quelle: Youtube).

derStandard.at: Auf dem Tahrir-Platz demonstrieren mal mehr, mal weniger, die große Masse aber schweigt. Schwindet die öffentliche Unterstützung für die Revolution?

Cherif El-Masri: Schwierig zu sagen, weil es dazu viele unterschiedliche Meinungen gibt. Einige sagen, man soll Tahrir und wofür der Platz steht, vergessen. Es gibt die, die das Leben wieder in seinen normalen Bahnen sehen wollen, die sich nach Normalität sehnen – das ist der Großteil der Ägypter. Die Menschen hier kommen von der Arbeit nach Hause und leben von der Hand in den Mund, von Tag zu Tag. Nicht jeder kann es sich leisten, sich für die Zukunft des Landes zu opfern. Das ist gewissermaßen ein Luxus oder wird zumindest von einigen als Luxus empfunden. Die meisten Menschen hier denken nicht so weit. Sie denken an heute, vielleicht an morgen. Sie denken simpler: „Ich habe ein Kind Zuhause, das ich ernähren muss“.

Auf der anderen Seite gibt es viele Leute, die das Feuer nicht erloschen sehen wollen. Sonst müssten sie wieder von vorne anfangen. Wenn es leise wird, das wissen sie, holt sich das Militär wieder die wichtigen Köpfe, entführen sie in der Nacht und lässt sie verschwinden. Dann geht der Faschismus von vorne los. (fin, derStandard.at, 22.12.2011)

 

http://derstandard.at/1324501125052/Die-Realitaet-hat-eingeschlagen

Nach dem Feuer
Der junge Ägypto-Amerikaner Cherif el-Masri ist einer der vielseitigsten und mutigsten Musiker Kairos. Mit seiner Band Eskenderella gab er der ägyptischen Revolution ihre Hymne Falter 33/2011 vom 17.8.2011
Ressort Medien > Ägypten
Autor Klaus Stimeder

 

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Es kümmert mich ehrlich gesagt wenig, was mit ihm passiert. Wichtig wäre, dass das Geld, das er und seine Bande den Ägyptern gestohlen haben, wieder ins Land kommt. All die Millionen, die bis heute auf amerikanischen und Schweizer Bankkonten liegen. Soll man ihn für seine Taten mit dem Tod bestrafen? Ich weiß es nicht. Ich kann die Menschen verstehen, die ihn hängen sehen wollen. Aber auf der anderen Seite: Er ist nur ein alter, kranker Mann, der sowieso bald sterben wird.“

Während rund 9000 Kilometer entfernt das Verfahren gegen Hosni Mubarak eröffnet wird, sitzt Cherif el-Masri am Tresen einer der letzten Bars von New York, in denen noch geraucht werden darf, und erzählt Geschichten von der Revolution in Kairo, von der Liebe zu seinem Land und von der Macht der Musik.

Das Schicksal seines ehemaligen Präsidenten interessiert ihn nicht wirklich: „Wir haben ihn gestürzt. Aber es ging nicht um ihn, sondern um das System, das er repräsentiert hat. Mubarak war nur ein Symbol für das, was in meinem Land schiefläuft. Ich glaube nicht, dass auch nur ein Ägypter besser schlafen wird, wenn er zum Tod verurteilt wird.“ Den Prozess wird el-Masri trotzdem verfolgen, bis Ende September von der amerikanischen Ostküste aus.

El-Masri ist den USA aufgewachsen, war aber seit 2007 nicht mehr hier. Vermisst hat er seine Freunde, Amerika selbst nicht wirklich: „Es ist fürchterlich. Eine einzige Verschwendungsgesellschaft, in der es nur um Geld und Status geht. Wie in diesem Land mit natürlichen Ressourcen umgegangen wird, ist der pure Wahnsinn, und alle halten das für normal. Wenn das die Erste Welt sein soll, lebe ich lieber in der sogenannten Dritten.“

Cherif el-Masri ist Musiker, 27 Jahre alt. Er ist in Heliopolis zu Hause, einem Vorort von Kairo. Er hat gerade eine Revolution hinter sich gebracht. Jetzt hat er sich Urlaub genommen, bevor es im Herbst an die Aufräumarbeiten geht. Die vergangenen Monate waren anstrengend, privat wie beruflich. El-Masri erzählt von der zeitweisen Trennung von seiner Freundin, einer fünf Jahre jüngeren Sängerin, und von der seltsamen Routine, die er in jenen Wochen im Jänner entwickelte, in denen sich der Aufstand der Ägypter seinem Höhepunkt näherte.

„Aufstehen, Nachrichten auf Al Jazeera oder dem arabischen Service der BBC schauen; ein Sammeltaxi Richtung Tahrir-Platz nehmen, um dort zu spielen und zu demonstrieren; am Abend zurück, um gemeinsam mit den Nachbarn das Haus der Familie und das Viertel zu bewachen. Es war sehr seltsam, plötzlich mit einem Jagdmesser in der Hand auf der Straße zu stehen. Ich hätte mir nie vorstellen können, es wirklich zu benutzen. Zum Glück ist nichts passiert.“

Im Zuge dieser intensiven Wochen wurde Cherif el-Masri im Westen zu einem der Gesichter des neuen Ägypten: jung, gebildet, weltgewandt und vor allem furchtlos. Die Schüsse und die Tränengassalven, die Knüppelhiebe und die tieffliegenden Kampfjets, nichts konnte ihn und seine Landsleute mehr davon abhalten, ihren Willen durchzusetzen. „Ab einem gewissen Zeitpunkt war es so, dass niemand mehr vor irgendetwas Angst zu haben schien. Nicht einmal vor dem Sterben.“

Soweit heute bekannt ist, bezahlten 846 Menschen für diese Haltung mit ihrem Leben. El-Masri überlebte, er gab amerikanischen Radiostationen Interviews und hielt, wenn das Regime nicht gerade die Verbindungen gekappt hatte, seine Freunde im Rest der Welt via Facebook und Twitter auf dem Laufenden. Nebenbei spielte er mit der Anfang des vergangenen Jahrzehnts von dem Starmusiker Hazem Shaheen gegründeten Band Eskenderella ein Lied ein, das zur Hymne der Revolution werden sollte: „Rag’een“ („Wir kehren zurück“), ein poetischer Protestsong, zu dem auch ein professionelles Video produziert wurde.

„In Ägypten gibt es diese Tradition von sozialkritischen Liedern schon lange. Sie reicht von Sayed Darwish, der seine ersten Songs um 1900 veröffentlichte, über den blinden Singer/Songwriter Sheikh Imam, der für seine Musik in den 60er- und 70er-Jahren oft im Gefängnis landete. Das ist die Tradition, in der sich die elf fixen Mitglieder von Eskenderella – ab und zu stoßen Gastmusiker dazu – sehen.“

Der Bandname ist eine Mischung aus dem alten arabischen Wort für die Stadt Alexandria und Cinderella, dem Aschenputtel der Brüder Grimm. El-Masri gehört Eskenderella seit zwei Jahren an, er singt und spielt die Gitarre, den Bass und manchmal die Ud, ein in der arabischen Welt populäres Instrument, das eine Art Urmutter der klassischen Gitarre darstellt. Daneben beherrscht er die Mandoline, ist gelernter Percussionist und weiß mit Synthesizern umzugehen. Seine Vielseitigkeit und die Tatsache, dass er sich seine Wohnung in Heliopolis mit seiner Mutter teilt, ermöglichen ihm ein bescheidenes Leben als Berufsmusiker.

Derzeit absolvieren Eskenderella eine Reihe von Auftritten in Tunis, der Hauptstadt von Tunesien; dem Ort, an dem die politischen Veränderungen in der arabischen Welt ihren Ausgang nahmen. El-Masri ist ein bisschen traurig, nicht dabei zu sein. Die arabischen Dialekte unterscheiden sich zwar stark, die Botschaft Eskenderellas wird aber auch dort verstanden: Demokratie, Freiheit, Frieden und Gerechtigkeit für alle. Umgesetzt frei von hippiesken Anwandlungen westlicher Prägung, vorgetragen in Texten, die mit sardonischem, aber nie in Zynismus abgleitendem Humor durchsetzt sind.

Cherif el-Masri dreht sich noch eine Zigarette, den steuerfreien Golden-Virginia-Tabak hat er aus dem Duty-free-Shop vom Flughafen Kairo mitgebracht. Über dem dritten Bier erzählt er von seiner Enttäuschung, dass sich seine amerikanischen Freunde kaum für seine Geschichten interessieren. „Hier fragt einen niemand, wie es da drüben ist. Was warum passiert ist, und was jetzt wird. Das ist schon erstaunlich.“

Die USA scheinen derzeit noch stärker als sonst mit sich selbst beschäftigt. Das politische Gezerre um die Anhebung des Schuldenlimits, die hohe Arbeitslosigkeit, die schwierige Wirtschaftslage lassen die US-Bürger noch weniger über den Tellerrand blicken. Wirklich wundern tut ihn das nicht, dafür kennt er das Land zu gut.

Cherif el-Masri hat beträchtliche Teile seines Lebens hier verbracht, er hat neben seinem ägyptischen auch einen amerikanischen Reisepass. Als er drei Jahre alt war, wanderte sein Vater Hani, ein akademischer Maler und Grafiker, zuerst nach New Jersey und dann nach Los Angeles aus, wo er für Steven Spielbergs Firma Dreamworks und für Walt Disney arbeitete.

Cherif el-Masri wuchs in Glendale im San Gabriel Valley auf, einem Teil von L.A. County, der, wie er sagt, „jedem Klischee über die Westküste gerecht wird. Es ist im Grunde genommen eine einzige große Shoppingmall mit Häusern rundherum.“ Dieser Art von Wirklichkeit zu entkommen halfen ihm als Jugendlicher vor allem die Werke des chilenischen Avantgarde-Filmemachers, Schriftstellers und Komponisten Alejandro Jodorowsky, einem Helden der latein- und nordamerikanischen Gegenkultur, der unter anderen David Lynch zu seinen Verehrern zählt. Seine sonstige kulturelle Sozialisation lässt sich auf zwei Universen einschränken: Punk und die Plastikästhetik der 80er-Jahre.

El-Masri, der „sich nie vorstellen konnte, etwas anderes zu machen als Musik“, mag die Filme von Troma, der vom jüdischen Filmemacher Lloyd Kaufman gegründeten Produktionsfirma, die seinerzeit eine neue Art von Trash-Kultur etablierte: Filme wie „Class of Nuke ’em High“ und Teile des „Toxic Avenger“-Quartetts gelten heute als Klassiker des guten schlechten Geschmacks. Musikalisch erzogen haben ihn die Punk- und Hardcorewellen ihrer Zeit, deren Ausläufer den el-Masri’schen Haushalt in Glendale erst in den 90ern erreichten: Black Flag, die Misfits, die Dead Kennedys, die Ramones.

Über die Musik aus Videospielen fand er schon als Kind Zugang zu den deutschen Elektropoperfindern Kraftwerk und Krautrockern wie Faust und Can. Alles Einflüsse, die er mitnahm, als er sich mit 23 Jahren entschloss, in seine alte Heimat zurückzukehren, in der seine Mutter mittlerweile wieder lebte, und die er in ein anderes musikalisches Projekt einfließen ließ, das er neben seiner Arbeit für Eskenderella betreibt: die Elektronikkombo Dimension Machine, die Anfang Juni ihre erste EP veröffentlichte.

Gemeinsam mit dem Studiotechniker und DJ Bassam Soliman, einem Freund aus Kindheitstagen, kreierte el-Masri fünf Kompositionen, die irgendwo zwischen experimentellem Synthiepop und dem Soundtrack von Commodore-C-64-Spielen oszillieren, vermischt mit traditionellen orientalischen Klängen. „Elektronische Musik, wie sie im Westen existiert, war in Ägypten bis jetzt praktisch unbekannt. Ich glaube, dass die Zeit dafür jetzt reif ist“, sagt er.

Von den neuen Verhältnissen im Land erhofft sich el-Masri mehr Offenheit für derlei Einflüsse von außen, mehr Mut zum Experimentellen. „Die einzigen Stars aus dem Westen, die hier in den vergangenen Jahren Konzerte gaben, waren Leute wie Shakira, Britney Spears, Andrea Bocelli oder Jean Michel Jarre. Das sagt eigentlich alles. Die einzige musikalische Subkultur, die es in Kairo gibt, beschränkt sich auf eine kleine Death-Metal-Szene, deren Angehörige bis heute seit Jahrzehnten aktive Bands wie Sepultura, Slayer oder Morbid Angel hören. Punk und die damit verbundene Do-it-yourself-Haltung hat in Ägypten nie stattgefunden, und nachdem so viele Generationen praktisch nichts anderes als arabischen Synthiepop kennen, wird es dauern, bis sich die Hörgewohnheiten ändern. Es gibt viel nachzuholen. Und es muss sich noch viel ändern in den Köpfen der Leute.“

Eine Erfahrung, die el-Masri gerade erst am eigenen Leib machte. Seine Reise nach New York konnte er erst Wochen später als geplant antreten. Beim ersten Versuch hatten ihn Polizisten am Betreten des Flugzeugs gehindert; erst als er sich nach einer nervenaufreibenden Prozedur eine Bescheinigung des Verteidigungsministeriums in Kairo besorgt hatte, die bestätigte, dass er als Doppelstaatsbürger und einziges Kind seiner Eltern nicht der allgemeinen Wehrpflicht unterworfen sei, ließ man ihn ausreisen: „Pure Schikane, aber damit muss man auch in diesen angeblich neuen Zeiten rechnen. Das Militär hat jetzt die Macht im Land, und das lassen sie die Menschen spüren. Aber vielleicht bin ich auch zu pessimistisch.“

Wie el-Masri heute zugibt, hatte er Anfang des Jahres bei aller Revolutionseuphorie nicht wirklich daran geglaubt, dass sich auch nur irgendetwas ändern würde. Die Geschwindigkeit, mit der die Ägypter Mubaraks Regime aus dem Amt fegten, überrascht ihn noch heute. „Mich und viele andere schockierte im positiven Sinne, dass die ganze Apathie, die vorher jahrzehntelang geherrscht hatte, plötzlich wie weggeblasen war.“ Die Erleichterung, die bei großen Teilen der Bevölkerung einsetzte, als das Militär durch die Straßen Kairos und Alexandrias rollte und die Macht übernahm, kann er dagegen bis heute nicht nachvollziehen.

Auch wenn er einräumt, dass ohne das Eingreifen der Soldaten aufseiten der Demonstranten möglicherweise syrische Zustände entstanden wären, sieht er ihre Rolle kritisch. „Die Armeeführung besteht ausschließlich aus Leuten, die dem alten Regime gedient haben. Warum ausgerechnet sie es sein sollen, die jetzt für die Veränderung sorgen wollen, leuchtet mir nicht wirklich ein.“

Die für November angekündigten ersten freien Wahlen? „Das größte Problem ist, dass wir keine Erfahrungen mit Demokratie in irgendeiner Form haben, keine Bürokraten, die ein anderes System kennen als das jetzige.“ Die Gefahr einer Islamisierung sei gegeben, auch wenn die im Westen gefürchtete Muslimbruderschaft laut el-Masri im Laufe der Revolution an Glaubwürdigkeit bei der Bevölkerung eingebüßt habe: „Die Islamisten sind erst spät auf den Zug aufgesprungen. Das vergessen viele Menschen nicht. Wenn sie die Wahlen trotzdem gewinnen, ist nur mehr die Frage, wie weit die Islamisierung geht, inwiefern sich die radikalen Kräfte durchsetzen.“

Mit Mohammed el-Baradei, der als langjähriger Chef der in Wien beheimateten UN-Teilorganisation International Atomic Energy Agency der große Hoffnungsträger des Westens ist, können el-Masri und seine Freunde wenig anfangen: „Er ist wenig glaubwürdig. Einerseits, weil er lange im Ausland gelebt hat, andererseits aber vor allem, weil er nicht klar sagt, was er vorhat. Wenn er Präsident werden will, schön. Dann soll er es laut sagen und entsprechend handeln. Eines sollte er aus der Revolution gelernt haben: Die Ägypter trauen keinen Leuten mehr, die sich zurückhalten.“

From → Ägypten, Kultur

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