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Die deutsche Politik hat die Imame neuerdings als Schlüsselfiguren der Integration entdeckt: Hoffnungsträger und Feindbilder: «Die über vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, sollten ihre Probleme selbst lösen und ohne importierte Geistliche auskommen können»

Dezember 22, 2011

Imame «made in Germany»
Besuch bei Weiterbildungskurs für muslimische Seelsorger
Der Imam Mehmed Jakubovic beim Koran-Unterricht in der bosnischen Gemeinde Aachen. (Bild: PD)
Die deutsche Politik hat die Imame neuerdings als Schlüsselfiguren der Integration entdeckt. Aber auch in vielen Moscheegemeinden wird über dringende Reformen der Glaubensverkündung und des Gemeindelebens nachgedacht.

Jürgen Kahl, Osnabrück

Dass Michael Kiefer sein Publikum mit dem arabischen Assalamo Aleikum begrüsst, ist eine nett gemeinte Geste, mit der der Referent allerdings eher sich selber als seinem Publikum schmeichelt. Die etwa 25 Männer und Frauen jüngeren und mittleren Alters, die in einem Seminarraum der Universität Osnabrück vor ihm sitzen, sind in Deutschland zu Hause. Und sprachlich sind sie fit genug, um auch dann nicht den Faden zu verlieren, wenn sich Kiefer in seinem Einführungsvortrag in das Fachchinesisch des Sozialexperten verirrt.
Der Islam als Unterrichtsfach

«Was müssen Imame wissen?», leuchtet es von der Leinwand. In einer kompakten Vorschau listet die Folie auf, was auf die Teilnehmer in dem zweisemestrigen Weiterbildungskurs im Fach Landes- und Gesellschaftskunde zukommt. Ein straffes Programm, bei dem sich die muslimischen Geistlichen und die in der Seelsorge tätigen Frauen, ein gutes Drittel der Kursteilnehmer, offensichtlich nicht nur auf die passive Rolle des Zuhörens beschränken wollen. Als es um Schule und Bildung geht, entspinnt sich gleich am ersten Tag eine lebhafte Debatte, die zeigt, wie sehr ihnen das Thema aus der praktischen Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in den Moscheegemeinden auf den Nägeln brennt.

Das Zentrum für Interkulturelle Islamstudien (ZIIS)in Osnabrück wurde einer breiteren Öffentlichkeit bekannt, als Bundespräsident Christian Wulff Ende September zusammen mit seinem türkischen Amtskollegen Abdullah Gül die Einrichtung besuchte. Für Wulff der rechte Ort, um zu demonstrieren, dass er es mit seinem grossen Wort vom Islam, der zu Deutschland gehöre, ernst meint und sich in Niedersachsen, wo er lange Ministerpräsident war, auch im akademischen Bereich einiges bewegt hat.

Seit vier Jahren werden am ZIIS, das wie die evangelische und die katholische Theologie zum Fachbereich Erziehungs- und Kulturwissenschaften gehört, Religionslehrer für den islamischen Bekenntnisunterricht ausgebildet. Inzwischen mit besseren Berufsaussichten, wenn in Niedersachsen aus dem experimentellen Angebot zu Schulbeginn im Herbst 2012 tatsächlich ein reguläres Unterrichtsfach wird.
Erfahrungsaustausch

Zur gleichen Zeit beginnt für den jungen Islamwissenschafter und Ordinarius Bülent Ucar die nächste grosse Herausforderung. Osnabrück gehört zu den vier von Bundesbildungsministerin Annette Schavan ausgewählten Universitäten, an denen künftig das Fach Islamische Theologie gelehrt und Imame ausgebildet werden sollen. Das von der Landesregierung finanzierte berufsbegleitende Fortbildungsprogramm mit den Fächern Gesellschaftskunde und Gemeindepädagogik, das am ZIIS gerade in die zweite Runde geht und weit mehr Bewerber anzieht, als Plätze zur Verfügung stehen, hat ein bescheideneres, aber wegen seines Praxisbezugs nicht weniger innovatives Format. Da kommen die Geistlichen und die religionspädagogischen Betreuer nicht nur als Lernende. Vielmehr sind die Kurse auch ein Forum des Erfahrungsaustausches. In seiner Vielstimmigkeit gibt es jenseits der Klischees einen aufschlussreichen Einblick, wie und unter welchen Schwierigkeiten sich mit dem Generationswechsel das Leben und das Selbstverständnis in den Moscheegemeinden zu wandeln beginnt.
Feindbild und Hoffnungsträger

Der Imam als Feindbild und die Moscheegemeinden als Festungen der Aufklärungs- und Integrationsverweigerung. Der Imam der bosnischen Gemeinde in Aachen, Mehmed Jakubovic, der am ersten Fortbildungskurs teilgenommen hat, kennt sich da gut aus. Seit er in Deutschland lebt, erzählt der in Sarajevo ausgebildete Theologe, sei er, stellvertretend für seinen Berufsstand, immer wieder mit den gleichen, von Angst und Unwissen besetzten Reizworten in Verbindung gebracht worden: dem Jihad und der Scharia.

Genau so hat er es bei einer Podiumsdiskussion in Osnabrück wieder erlebt. Da sei ein Sozialwissenschafter mit der allen Ernstes vorgetragenen These aufgetreten, dass muslimische Jugendliche umso mehr zur Gewalttätigkeit neigten, je häufiger sie die Moschee besuchten. Dabei, wundert sich Jakubovic, habe die Politik doch gerade erst die muslimischen Geistlichen als Schlüsselfiguren der Integration entdeckt und «das Leitbild des Super-Imam entwickelt, der alles in einer Person zu sein hat: Glaubensverkünder und Seelsorger ebenso wie Integrationslotse, Sozialarbeiter und Sicherheitsbeauftragter».

Der Erwartungsdruck, dem die Imame und die Vorstände der Gemeinden ausgesetzt sind, kommt jedoch nicht nur von aussen, sondern zunehmend auch von innen. Und es sind nicht nur die Kursteilnehmer am ZIIS, die nach Antworten auf die Herausforderung suchen, dass das alte, von der ersten Migrantengeneration geprägte Selbstverständnis der Moscheegemeinde als spiritueller Rückzugsraum und der Herkunftsnation verpflichteter Heimatverein nicht mehr ankommt. Nicht bei den in Deutschland geborenen muslimischen Jugendlichen, die mit einem Geistlichen, der in seiner Predigt und im Koran-Unterricht Türkisch oder Arabisch spricht, wenig anfangen können. Und auch nicht bei den jüngeren, bildungsbewussten Eltern. Sie erwarten vor allem, dass ihr Imam sich mit dem Leben hier gut genug auskennt, um den Kindern mit ihren Problemen Rat und Orientierung geben zu können.
Import von Geistlichen

«Die über vier Millionen Muslime, die in Deutschland leben, sollten ihre Probleme selbst lösen und ohne importierte Geistliche auskommen können», meint Abdul-Jalil Zeitun, von Beruf Immobilienkaufmann und, dank seiner theologischen Vorbildung, ehrenamtlicher Imam der Ibrahim-Al-Khalil-Moschee in Osnabrück. Die Fakten, die der ebenfalls am ZIIS lehrende Religionswissenschafter Rauf Ceylan für sein Buch «Die Prediger des Islam» zusammengetragen hat, sprechen dagegen. Danach sind die wenigsten der insgesamt rund 2000 hier tätigen, zu drei Vierteln türkischstämmigen Imame in Deutschland sozialisiert. Die über 800 Gemeinden der Türkisch-Islamischen Union (Ditib), des grössten Dachverbands, werden ausnahmslos von Imamen betreut, die als türkische Staatsbeamte jeweils nur für einige Jahre nach Deutschland entsandt werden und bestenfalls oberflächliche Sprach- und Landeskenntnisse mitbringen.

Die unabhängige Gemeinde, die der vor 40 Jahren als Student aus Syrien eingewanderte Zeitun aufgebaut hat, ist da schon ein ganzes Stück voraus. Bedingt durch den multiethnischen Zuschnitt, ist Deutsch die Sprache, die die rund 200 Gemeindemitglieder verbindet. Und mit seiner hier fest verwurzelten Tochter, die sich als Seelsorgerin besonders um die Jugendarbeit kümmert, hat der 63-Jährige eine aufgeklärte junge Frau an seiner Seite, die mit dem Islam, «wie er in den Wüsten Arabiens und in den Bergen Anatoliens praktiziert wird», nichts anfangen kann. Von einem «Islam, der zu Deutschland passt», spricht sie. Für Dua Zeitun heisst das, sich als Muslim aktiv in die Gesellschaft einzubringen, aber gleichzeitig selbstbewusst seinen Glauben leben zu können. Dazu gehöre auch, dass eine Muslima, die sich, wie sie selbst, für das Tragen des Kopftuchs entschieden habe, das tun kann, ohne deswegen schief angesehen zu werden.

Der Aktionskünstler und Designer Adem Sahantürk, der als exotischer Laie unter den Imamen und Religionspädagogen sitzt, hat das Leben in der Moschee von der anderen Seite kennengelernt. Das hat den Sohn einer anatolischen Einwandererfamilie bewogen, in seiner Heimatstadt Bremen einen Jugend- und Familienverein mitzugründen, in dem er sich vor allem um muslimische Jugendliche kümmert. Meistens sind es Problemfälle: Frustrierte Jugendliche, die mit ihren mental ganz anders gepolten Eltern nicht zurechtkommen, sich von der deutschen Umgebung missverstanden fühlen und in der Moschee, «wo sie Koranverse in Arabisch auswendig lernen und dann vielleicht noch eine Runde Kicker spielen», erst recht keine Antworten auf ihre Probleme finden. Und genau diese Mischung aus Frust und Aggressivität sei es, so Sahantürk, die den Extremisten in die Hände spiele.
Leben in westlicher Umgebung

Ähnliche Erfahrungen hat der junge Gymnasiallehrer Arslan Yalcin gemacht, bevor er, ausgelöst durch den Hilferuf «Wo bleiben die Jugendlichen?» des Imam einer Ditib-Moschee in Essen, völlig unerwartet die Gelegenheit bekam, es einmal anders zu versuchen. Nun hat er freie Hand für ein Experiment, das bei den Jugendlichen der Gemeinde offenbar besser ankommt. Statt unverdaute Texte memorieren zu lassen, setzt er sich in seiner Gruppe mit ausgewählten kurzen Koranversen auseinander. Dazu gehöre auch die lebhafte Diskussionen provozierende Frage, welche Botschaft darin für das Leben und die Verantwortung in dieser Gesellschaft stecke.

Als die Seelsorgerin Dua Zeitun das Bekenntnis des Bundespräsidenten zum Islam als Teil Deutschlands las, war ihre Reaktion zwiespältig. Einerseits habe sie das als Ermunterung empfunden, sich andrerseits aber gefragt, wie lange man noch über die Frage diskutieren wolle, ob die Muslime nun dazugehörten oder nicht. Den Chef des ZIIS, Bülent Ucar, beschäftigt das Problem schon, seit ihn seine aus der Türkei stammenden Eltern in Oberhausen auf eine katholische Grundschule schickten. Aus der Suche nach einer konstruktiven Antwort sind sein Beruf und eine beachtliche Karriere geworden, die er als Lehrer für Islamkunde im Ruhrgebiet begann, bevor er promovierte und gleich nach der Habilitation 2008 nach Osnabrück berufen wurde.

Bei der Entscheidung von Bund und Ländern, Lehrstühle für Islamische Theologie einzurichten und Imame in Deutschland auszubilden, hat Ucar den Einfluss genutzt, den er als gefragter Berater der Politik und Mitglied der Islamkonferenz besitzt. Für ihn ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu einer Glaubensverkündung, «die die Lebenswirklichkeit der Muslime ernst nimmt», und zu einem Islam, der sich auch im wissenschaftlichen Diskurs westlich geprägter Gesellschaften behaupten könne.

Für die künftigen Imame «made in Germany» ist das vorläufig jedoch noch eine Perspektive ohne Horizont. Denn von praktischem Nutzen ist das Hochschuldiplom erst, wenn sich Gemeinden finden, die die Träger einstellen und auch angemessen bezahlen können. Wie kooperativ sich Ditib bzw. der türkische Staat da am Ende verhalten werden, dem es mit der von der Religionsbehörde zentral gesteuerten Entsendepolitik weniger um die Integration der türkischstämmigen Muslime als um deren patriotische Gesinnung geht, hat Präsident Gül bei seinem Besuch in Osnabrück unbeantwortet gelassen. Auffällig ist nur, dass unter den Teilnehmern der Fortbildungskurse alle anderen muslimischen Verbände vertreten sind, aber nicht ein einziger aus einer Ditib-Gemeinde.

 

From → Islam, Religion

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