Skip to content

Iran – Weltreich des Geistes – mit 3000 jähriger Geschichte: „Den tieferen, reflektierten, humanen Iran gibt es neben den bedrohlichen Schlagzeilen immer noch.“

Dezember 21, 2011

Mullah-Staat und Hochkultur
Michael Axworthy: „Iran, Weltreich des Geistes“, Wagenbach Verlag, Berlin 2011, 347 Seiten

Religiöse Hardliner, ein demagogischer Präsident und die Atomwaffenfrage: Der Iran wecket bei vielen vor allem düstere Assoziationen. Der britische Persien-Kenner Michael Axworthy stellt diesem Bild nun die spirituellen, literarischen und kulturellen Blüten einer 3000-jährigen Geschichte entgegen.

„Persien“, das klingt gleich ganz anders als: „Iran“. Allein schon durch diese zwei Begriffe, die das Gleiche bezeichnen, weitet sich die Perspektive auf ein Land, ein Volk, eine Kultur. Fixierung auf aktuelle Tagespolitik hingegen verengt oft den Blick, gerade wenn man auf den Iran schaut: Islamische Revolution, Todesstrafe, Antisemitismus, das sind Schlagworte, die in ihrer Ausschließlichkeit verdunkeln, statt zu erhellen.

Das macht ein Buch deutlich, das Michael Axworthy vorlegt, Leiter des Zentrums für iranische und persische Studien der Universität Essex. Der Autor, vormals auch Leiter der iranischen Abteilung im britischen Außenministerium, besucht den Iran seit den 1970er-Jahren und hat immer wieder über ihn geschrieben. Sein jüngstes Buch „Iran, Weltreich des Geistes“ ist ein gelungener Versuch, auf gut 300 Seiten eine 3000-jährige Geschichte „von Zoroaster bis heute“ darzustellen. Gut lesbar, kritisch, differenziert. Nach der Lektüre ist es unmöglich, Iran ausschließlich mit religiösen Hardlinern, seinem demagogischen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad oder der Atomwaffenfrage zu assoziieren. Schon der Untertitel des Buches verweist darauf, dass es Axworthy vor allem um etwas anderes geht: „Weltreich des Geistes“ – eine in unseren Tagen für den Iran eher überraschende Zuschreibung.

Axworthy entwickelt sein Bild vom Iran chronologisch. Um 1000 vor unserer Zeitrechnung siedelten sich Völkerfamilien aus den Steppen Russlands in Zentralasien, Indien und der Gegend des heutigen Iran an. Meder, Perser, Parther vermischten sich und lebten in wechselnden Allianzen, aus denen 300 Jahre später die Meder einen unabhängigen Staat errichteten, die Keimzelle für spätere persische Reiche, die sich über die Fläche des heutigen Aserbaidschan, Afghanistan und Indien erstreckten.

Der Autor zeichnet die geografische, demografische, kulturelle und historische Entwicklung einer Zivilisation nach, die seit der Antike von Gewalt und Kriegen geprägt war, zugleich aber auch prachtvolle spirituelle, literarische und kulturelle Blüten hervorgebracht hat. Bis heute können ganz durchschnittliche iranische Bürger längere Passagen aus Gedichten auswendig hersagen, Sätze ihrer großen Dichter fließen in den alltäglichen Sprachgebrauch ein.

Anders als bei den arabischen Nachbarn, so Axworthy, verfügten die Perser – die sich selbst immer als Iraner bezeichneten – früh schon über ein Nationalgefühl, das unabhängig von den jeweiligen Herrschergeschlechtern der Achämeniden, Parther und Sassaniden oder Saffawiden bestand. Die Religion des Zoroaster gilt manchen Forschern als erste monotheistische Religion, sie unterscheidet Gut und Böse, konstituiert eine Moral und hat mit ihrer Vorstellung vom Jüngsten Gericht christlich-jüdisches Denken beeinflusst.

Axworthy legt seine (Kultur-)Geschichte des Iran durchaus kritisch an. Er will nicht gegen ein Klischee schreiben, sondern Dualitäten und Paradoxien zeigen. Es ist keine homogene Geschichte, die er schildert, sondern eine der Widersprüche. Allemal spannend und klug, besonders dann, wenn der Autor darauf verweisen kann, dass der seit 200 Jahren bestehende europäisch-amerikanische Einfluss auf den Iran dort immer auch eine Rückbesinnung auf traditionelle Werte auslöste.

Eine Verteufelung des Teheraner Mullah-Regimes lehnt der Autor ab und sieht dieses vielmehr als Folge geschichtlicher Entwicklungen. Axworthy bezweifelt jedoch, dass das Land unter dieser „engstirnigen, eigennützigen Clique“ die Rolle in der Region spielen kann, die ihm seiner Ansicht nach zukommt – durch geografische Lage und kulturelles Erbe, zu dem auch eine tolerante Religionsausübung gehört. Sein Resümee ist dennoch hoffnungsvoll: „Den tieferen, reflektierten, humanen Iran gibt es neben den bedrohlichen Schlagzeilen immer noch.“

Besprochen von Carsten Hueck

Michael Axworthy: Iran, Weltreich des Geistes. Von Zoroaster bis heute
Aus dem Englischen von Gennaro Ghiradelli
Wagenbach Verlag, Berlin 2011,
347 Seiten, 24,90 Euro

http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/kritik/1631436/

From → Iran

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: