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Der 80jährige Norweger Johann Galtung hat allen, die sich für den Frieden einsetzen wollen, sehr viel zu geben: «Ich habe in meinem ganzen Leben keinen einzigen gewalttätigen Menschen gefunden, der nicht wenigstens einen nachvollziehbaren Grund für seine Gewalt gehabt hätte – was nicht heisst, dass die Anwendung von Gewalt legitim wäre», sagt Johan Galtung. In diesem Satz steckt der Kern seines Ansatzes: die Motive auch des Täters verstehen und nicht bloss moralische Urteile über dessen verdorbenen Charakter fällen – damit Handlungsmöglichkeiten jenseits purer Repression gefunden werden können. Der von ihm geprägte Begriff der «strukturellen Gewalt», die es zu überwinden gilt, umfasst alle durch menschliches Tun veränderbaren Faktoren, die ein Individuum an seiner Entfaltung hindern, wie etwa Armut oder eine tiefe Lebenserwartung.

Dezember 19, 2011

Kein bisschen leise
Johan Galtung und sein neues Friedensinstitut bei Basel – ein Besuch
Gleich beginnt er zu reden – Johan Galtung in einer Aufnahme vom Oktober 2005. (Bild: Ullstein)
Auch mit seinen achtzig Jahren ist Johan Galtung noch immer fast pausenlos als Mediator und Redner unterwegs. Nun hat der streitbare und umstrittene Doyen der Friedensforschung in Grenzach-Wyhlen bei Basel ein Friedensinstitut gegründet.

Urs Hafner

Verdankt sich die Abkürzung einer seiner schalkhaften Provokationen, mit denen er Freund wie Feind zu verblüffen liebt? «GI» steht neuerdings nicht mehr nur für einen Infanteristen der US-Streitkräfte, sondern auch für das «Galtung-Institut für Friedenstheorie und Friedenspraxis» in Grenzach-Wyhlen, einer baden-württembergischen Kleinstadt unweit von Basel. Das vor wenigen Monaten von Johan Galtung gegründete Institut nimmt sich bescheidener aus, als es sein prominenter Name vermuten lässt. Es ist in einem grossen, hellen Raum untergebracht, der mit dem schäbigen Äusseren des an einer stark befahrenen Strasse liegenden Gebäudes kontrastiert, und besteht aus drei jungen Menschen.
Die Mission

Die Politikwissenschafter Karoline Weber und Naakow Grant-Hayford, Co-Direktorin und Direktor des Instituts, legen dem Gast enthusiastisch und charmant die Mission des «Dialog-Treibhauses» dar: die «Epistemologie, Theorie und Praxis» der Galtungschen Friedensforschung vertiefen bzw. umsetzen. «Epistemologie» der Friedensforschung? Grant-Hayford setzt eloquent zu einer ambitionierten Erläuterung an, die darauf hinausläuft, dass der «westlich-cartesianische» Ansatz, die Welt zu sehen, durch taoistische Elemente ergänzt werden sollte, durch mehr «östliche» Ganzheitlichkeit. Die Forderung erinnert an die Maximen der New-Age-Bewegung der achtziger Jahre.

Das Galtung-Institut will jährlich etwa acht bis zehn Veranstaltungen anbieten, in denen man sich in die Theorien Galtungs vertiefen und das Handwerk der Konfliktlösung erlernen kann. Finanziert wird der gemeinnützige Verein durch «Transcend International», ein 1993 von Galtung gegründetes Netzwerk, dem rund 520 Mitglieder in 80 Staaten angehören. Ein weiterer Schwerpunkt des Instituts, bei dessen Standortwahl die Nähe Basels, Frankreichs und des Flughafens ausschlaggebend gewesen sind, liegt in der Edition und Übersetzung von Galtungs Schriften. «Sie sollen von Sachkundigen im sokratischen Dialog diskutiert werden», sagt Grant-Hayford. Galtung werde von der scientific community zu wenig rezipiert. – Der von ihm geprägte berühmt-berüchtigte Begriff der «strukturellen Gewalt» lässt sich freilich auch kaum definitorisch festlegen. Er umfasst alle durch menschliches Tun veränderbaren Faktoren, die ein Individuum an seiner Entfaltung hindern, wie etwa Armut oder eine tiefe Lebenserwartung.

Obschon der Gast gerne mehr über die beiden jungen Friedensforscher erfahren würde, kommen sie immer wieder auf ihren grossen Mentor zu sprechen. Im Feld der Friedensforschung geniesst der 1930 in Norwegen geborene Mathematiker und Soziologe einen teils legendären, teils zwiespältigen Ruf. 1959 gründete Galtung das erste universitäre Friedensforschungsinstitut in Europa, das International Peace Research Institute Oslo (Prio). Mit der aufblühenden Friedensbewegung gewann der Träger des alternativen Friedensnobelpreises sowie mehrerer Ehrendoktorate in den 1980er Jahren grosse Bekanntheit. Noch immer reist er um den Globus, Vorträge haltend, vermittelnd, schreibend. Einen festen Wohnsitz hat er nicht. Rund hundertfünfzig Bücher und über tausendfünfhundert in über dreissig Sprachen übersetzte Artikel soll er verfasst, in mehr als hundertfünfzig Konfliktlösungen mitgewirkt haben, zuletzt im Karikaturenstreit zwischen der dänischen Regierung und Vertretern islamischer Gemeinschaften.

Zurzeit arbeitet Johan Galtung an einer Zivilisationstheorie, seiner Summa. In dieser Synthese versucht er zusammenzuführen, was sich irgendwie zusammenführen lässt: Biologie, Philosophie, Freud, Marx, Strukturalismus, fernöstliche Lehren; kaum ein Aspekt des menschlichen Lebens, zu dem er sich nicht äussern würde, sei es Religion, Ernährung, Sport, Sex, Klasse, Rasse, Gender. Der Kontrast zur politologischen Sicherheitsforschung, die beispielsweise am Center for Security Studies der ETH Zürich betrieben wird, ist gross. Zu diesem akademischen Diskursfeld dürften die Galtungschen Gedanken den Zugang, den ihnen das neue Institut eröffnen will, nicht leicht finden.
Individuen und Staaten

Das Telefon klingelt; Galtung, der bereits im Institut eingetroffen sein sollte, um einen Auftritt zu absolvieren, lässt ausrichten, dass er dem ZDF in Basel, wo er an der Universität eine Vorlesung gehalten hat, ein Interview gibt. Wir holen ihn ab. Statt im Institut unterhält er sich mit dem Gast im Auto, das ein Mitarbeiter steuert. Als wir vor dem Institut ankommen, spricht er im Wagen weiter, obschon die Veranstaltung in wenigen Minuten beginnt. Der Mann mit dem weissen Haar und dem bunten Hemd scheint keine Müdigkeit zu kennen.

«Ich habe in meinem ganzen Leben keinen einzigen gewalttätigen Menschen gefunden, der nicht wenigstens einen nachvollziehbaren Grund für seine Gewalt gehabt hätte – was nicht heisst, dass die Anwendung von Gewalt legitim wäre», sagt Johan Galtung in fast akzentfreiem Deutsch. In diesem Satz steckt der Kern seines Ansatzes: die Motive auch des Täters verstehen und nicht bloss moralische Urteile über dessen verdorbenen Charakter fällen – damit Handlungsmöglichkeiten jenseits purer Repression gefunden werden können.

Sind ein Konflikt zwischen zwei Staaten und einer zwischen zwei Individuen nicht grundlegend verschiedene Dinge? «Nein, das ist das Gleiche. Der einzige Unterschied: Um einen Ehekonflikt zu lösen, brauche ich einen Nachmittag, für einen politischen Konflikt etwas länger», erwidert Galtung. Letzthin habe er ein Ehepaar beraten, das kurz vor der Scheidung stand: er Geschäftsmann, sie Buddhistin, beide der Überzeugung, der andere interessiere sich nur für sich. Die Lösung: eine buddhistische Buchhandlung. Plötzlich habe die Frau sich für Bilanzen und der Mann für Buddhas Weisheiten interessiert. Und was, wenn sie sich die Buchhandlung nicht hätten leisten können? «Dann hätte ich eine andere Lösung gefunden.» Das Wichtigste sei: Die Lösung dürfe keinen Verlierer hervorbringen, sondern müsse den konfliktreichen Gegensatz transzendieren. Beide Streitparteien müssten dem Mediator ihre jeweilige Sicht der Dinge darlegen. Dieser identifiziere die legitimen Motive und bringe sie miteinander in Einklang, damit die Parteien mit einer neuen Einstellung leben könnten.

Galtung wechselt das Thema: Es erstaune ihn, dass die neutrale Schweiz in der Welt nicht offensiver für ihr erfolgreiches Modell werbe, verschiedene Kulturen in einem Staat zu vereinen. Er sei überzeugt, dass dieses Land, dessen Geschichte er gut kenne, ein Vorbild für Afghanistan sein könnte. Die beiden Länder seien sich in vielem ähnlich. Leider werde seine Arbeit im Westen zu wenig geschätzt, ganz anders als in Lateinamerika, Russland und China. «Der Westen will immer recht haben und fühlt sich dem Rest der Welt überlegen. Aber die Menschenrechte sind per definitionem individuell gefasst, und die Demokratie ist nur eine arithmetische Abstimmungsdemokratie.» China etwa dagegen basiere auf einer «Wir-Kultur», für die kollektive Menschenrechte wichtig seien. Für solche Gesellschaften seien «Spielarten konsozialer Demokratie» angemessener. – Nun ja, denkt man sich still.
Zwiespalt und Gleichgewicht

«Gibt es etwas, was Sie nicht wissen, Herr Galtung?» Er lacht. «Ich habe mich stets bemüht, transdisziplinär zu forschen, mit einigem Erfolg. Es ist gut zu wissen, was man nicht weiss.» Die Rechtswissenschaften seien ein weisser Fleck auf seiner kognitiven Weltkarte. Ob die Welt besser wäre, wenn er mehr Geld und Einfluss hätte? «Ich habe kein Geld, aber ich habe Ideenmacht.»

Die Zeit drängt. Der Institutsraum hat sich inzwischen mit rund zwanzig Zuhörern gefüllt, die einer Podiumsdiskussion zu «9/11» beiwohnen wollen. Galtung referiert nach zwei Vorrednern. Sogleich läuft er zu rhetorischer Hochform auf. Die Gedächtnisstütze, die er vorbereitet hat – ein paar kleine, dicht beschriebene Zettel –, benötigt er nicht. Zum Finale ein nicht zum ersten Mal vorgebrachtes Statement, mit dem Galtung sich selbst zitiert: «I hate the American empire, but I love the American republic.»

http://www.nzz.ch/nachrichten/kultur/aktuell/kein_bisschen_leise_1.13318632.html

From → Friedensprozesse

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