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In Osteuropa schlägt die Krisenangst in Panik um: Während Westeuropa mit sich selbst beschäftigt ist, verschärft sich die Schuldenkrise im Osten

Dezember 19, 2011

In Osteuropa schlägt die Krisenangst in Panik um

Bank-Run in Lettland, Rezession in Ungarn: Während Westeuropa mit sich selbst beschäftigt ist, verschärft sich die Schuldenkrise im Osten.

Viktor Orbán schien zum Alleingang entschlossen. Ungarns rechtspopulistischer Regierungschef hatte den Internationalen Währungsfonds (IWF) aus dem Land geworfen, lästerte über die Bürokraten der Europäischen Union (EU) und peinigte westliche Banken mit einer Sondersteuer. Um das Loch im Haushalt zu stopfen, verstaatlichte er Anfang 2011 private Rentenversicherungen und buchte so zehn Milliarden Euro auf seine Konten.

TWITTER-GERÜCHT LÖST STURM AUF GELDAUTOMATEN AUS
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Das Land habe seine „nationale wirtschaftliche Souveränität“ wiedergewonnen, brüstete sich Orbán. Seit 21. November ist die Prahlerei vorbei: Kleinlaut bat der Regierungschef EU und IWF um neue Milliarden-Kreditlinien. „Das ungarische Kreuzfahrtschiff sehnt sich nach dem Anker des IWF“, spottete die Wirtschaftszeitung „Napi Gazdasag“. In dieser Woche traf der IWF-Vertreter Christoph Rosenberg zu ersten Gesprächen in Budapest ein.

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Prognose der OECD bis 2013

Wachstum des BIP

Angesichts der Staatsverschuldung in Höhe von 84 Prozent der Wirtschaftsleistung werden Ungarn-Investoren nervös. Reformen stocken, die privaten Haushalte sind hoch verschuldet, 2012 droht das Land in eine neue Rezession zurückzufallen, warnt die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Ratingagentur Moody’s stufte ungarische Staatsanleihen auf Ramschniveau herunter.

Inzwischen muss das Land fast acht Prozent Zinsen zahlen, der Forint fällt. Damit steht Ungarn nicht allein. Der IWF senkte bereits Ende Oktober seine Wachstumsprognose für Zentral-, Südost- und Osteuropa und warnte, die Region sei „in der Abwärtsspirale fortgeschrittener Länder gefangen, und die Turbulenz in der Euro-Zone schafft zusätzliche Risiken“.

Etliche Länder haben ohnehin noch nicht wieder ihr wirtschaftliches Niveau von 2008 erreicht und kämpfen mit gestiegenen Staatsschulden, hohen Defiziten und steigenden Kreditausfällen. Einzig Polen kann sich der Rezession entziehen, weil das Land vernünftig wirtschaftet, die Exporteure vom schwachen Zloty profitieren und der Konsum stabil ist. Die OECD erwartet für dieses Jahr 2,5 Prozent Wachstum, nach vier Prozent im Vorjahr. Werte, von denen Länder wie die Tschechische Republik nur träumen können. Der Fachdienst Capital Dynamics hält dort sogar eine Rezession für wahrscheinlich.

Auch Länder wie Bulgarien und Kroatien seien bedroht. Der IWF müsse womöglich bald zu neuen Hilfsaktionen anrücken. Nicht nur Ungarn hängt stark von Wohl und Wehe der deutschen Wirtschaft ab. Deutsche Autohersteller, Elektrozulieferer oder Chemiewerke nutzen das Land als verlängerte Werkbank.

KRISE IN OSTEUROPA

Das Gleiche gilt in Abstufungen für Tschechien, Bulgarien und Rumänien. Auch ihr Wachstum könnte zum Stillstand kommen, falls Europas Konjunkturmotor Deutschland ins Stottern gerät. Zwar hat Tschechien mit 40 Prozent der Wirtschaftsleistung einen der niedrigsten Schuldenstände in Europa. Doch auch hier wuchs die Wirtschaft nur noch schwach – und nur dank der Ausfuhren nach Deutschland und in andere Länder. Die Produktion etlicher Industriezweige ging dem tschechischen Industrieverband zufolge stark zurück, ebenso der Hausbau. Auch der Auftragseingang der Industrie sank.

Abhängigkeit von westeuropäischen Banken

Das dem Staatsbudget 2012 zugrunde gelegte Wachstum von 2,5 Prozent dürfte ein frommer Wunsch bleiben. Finanzminister Miroslav Kalousek warnt, wenn die Euro-Zone auseinanderbreche, müsse die Tschechische Republik – trotz eigener Währung – um ihr Überleben kämpfen. „Wir haben es mit einer völlig neuen Ära zu tun“, sagte Kalousek. „Der Mythos, dass der Staat Wachstum mit Schulden fördern kann, verschwindet.“

Osteuropa
FOTO: INFOGRAFIK WELT ONLINEBanken-Investoren aus dem Westen

Die Abhängigkeit von westeuropäischen Banken ist die zweite große Sorge der Mittel- und Osteuropäer. Bisher waren die Institute aus Österreich und Deutschland, Italien und Frankreich gern gesehen. Denn die Bankensektoren der kapitalschwachen ehemaligen Ostblockländer bekamen dank der Muttergesellschaften aus dem Euro-Raum gute Noten der Ratingagenturen und billiges Kapital.

Doch die Kreditinstitute vergaben viele leichtsinnige Kredite, die nun nicht mehr zurückgezahlt werden. Angeschlagen durch die Euro-Krise, müssen nun viele zum Sommer kommenden Jahres ihr Eigenkapital aufstocken, bekräftigt die Europäische Bankenaufsicht. Die Regierungen fürchten nun, dass die westlichen Banken bald keine neuen Kredite mehr vergeben oder gar Kapital abziehen werden.

Erste Warnzeichen gibt es. Die Commerzbank – die ihre Kapitaldecke deutlich erhöhen muss – erklärte am 4. November, sie werde nur noch in Deutschland und Polen neue Kredite vergeben. Die portugiesische Bank BCP und die belgische KBC stellen Banktöchter in Polen zum Verkauf, die belgische Dexia-Bank ihre Tochter in der Türkei. Dies zeigt, dass sich Banken unter Druck auch aus Märkten mit hohem Wachstumspotenzial zurückziehen könnten, urteilt die Ratingagentur Fitch.

Osteuropa
FOTO: INFOGRAFIK WELT ONLINEEntwicklung der Wirtschaftskraft

Auch Österreichs im Osten besonders aktive Großbanken wie die Erste oder Raiffeisen müssen ihr Eigenkapital erhöhen – und dürfen laut österreichischer Nationalbank künftig in Zentral-, Ost- und Südosteuropa Kredite nur noch im festen Verhältnis zu den Einlagen vor Ort vergeben. Postwendend schimpfte Rumäniens Präsident Traian Basescu, die Österreicher könnten „die rumänische Wirtschaft erdrosseln“. Das ist kaum übertrieben: Knapp 40 Prozent des Bankenkapitals in Rumänien gehören österreichischen Häusern, weitere 30 Prozent Griechen und Franzosen.

Eine Ausweitung der Krise europäischer Banken kann selbst Länder treffen, in denen sie gar nicht engagiert sind, beispielsweise die baltischen Staaten Estland, Lettland und Litauen. Zwar dominieren hier Banken aus Skandinavien, dennoch müssen auch schwedische Banken inzwischen höhere Zinsen als noch vor einem halben Jahr zahlen.

Wie nervös die Menschen im Baltikum sind, merkte Marktführer Swedbank in Lettland am vergangenen Wochenende: Nachdem auf Twitter Gerüchte auftauchten, der Landeschef der schwedischen Bank sei verhaftet worden, in Schweden seien Geldautomaten stillgelegt und die Bank habe im benachbarten Estland ihre Niederlassung geschlossen, kam es zu einem Bank-Run. Besorgte Letten standen in Schlangen vor den Filialen und räumten die Geldautomaten leer. Zuvor hatten bereits in Litauen Kunden ihre Konten bei der angeschlagenen Bank Snoras leer geräumt. Die Unsicherheit bleibt.

Der IWF warnt, die Kreditausfallraten hätten im Baltikum, auf dem Balkan oder Ungarn bereits ein Niveau erreicht, „das mit dem früherer Finanzkrisen auf der Welt vergleichbar ist“. In Ungarn stellte die Nationalbank eine „rapide Verschlechterung sowohl des Unternehmens- wie des Haushalts-Kreditportfolios“ der Banken fest.

Ende Juni waren 16 Prozent aller Kredite mehr als 90 Tage im Rückstand, mit steigender Tendenz. Zentralbankchef Andras Simor forderte Premier Orbán auf, die Finanzen zu sanieren und Reformen voranzutreiben. Das wird nun wohl auch der eben noch beschimpfte Internationale Währungsfonds verlangen.


http://www.welt.de/wirtschaft/article13774362/In-Osteuropa-schlaegt-die-Krisenangst-in-Panik-um.html

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