Skip to content

Trotz breiter Unterstützung in der Bevölkerung und Hundertausenden von Demonstranten haben die chilenischen Studenten und Schüler noch nicht viel erreicht: Jetzt hoffen sie auf Veränderungen bei den nächsten Wahlen! In Kolumbien haben die Aktionen dagegen erste Erfolge gebracht

Dezember 18, 2011

Studentischer Kampf um kostenlose Bildung Unterschiedliche Erfolge der Bewegungen in Chile und Kolumbien

Trotz monatelangem Kampf und breiter Unterstützung haben die Chilenen bisher wenig erreicht. Die Kolumbianer jedoch können auf einen Etappensieg verweisen. Werner Marti, Buenos Aires Mit ihren seit Ende April anhaltenden Protestaktionen haben die chilenischen Mittelschüler und Studenten zwar mehrmals Hunderttausende auf die Strasse gebracht und das Bildungssystem zum Thema Nummer eins gemacht. Doch letztlich haben sie es bisher nicht geschafft, die breite Unterstützung in der Bevölkerung in einen entsprechenden Einfluss im politischen System umzumünzen. Ende September begannen Verhandlungen zwischen der Regierung einerseits und den Studenten und Professoren anderseits, doch brachen die Letzteren die Gespräche bald wieder ab, weil die beiden Seiten in der Grundsatzfrage diametral entgegengesetzte Positionen vertreten. Privatwirtschaftliches Modell Präsident Piñera war nie bereit, auf die Kernforderung der Studenten nach einer kostenlosen, qualitativ guten Ausbildung für alle Chilenen einzugehen. Vielmehr möchte er am privatwirtschaftlich dominierten Ausbildungssystem festhalten und einfach mit Reformen die aufgetretenen Probleme lösen. Mit der Aufstockung der Mittel für Stipendien und der zusätzlichen staatlichen Vergünstigung der Ausbildungskredite (Reduktion der Zinssätze) will er die Last der Familien reduzieren. Die Zuständigkeit für die öffentlichen Schulen soll von den Gemeinden wieder auf die Zentralregierung übergehen, damit die grossen Unterschiede als Folge der unterschiedlichen Finanzkraft ausgeglichen werden. Und schliesslich will Piñera mit strengeren Bestimmungen das eigentlich verbotene Gewinnstreben von privaten Bildungsinstitute bekämpfen. Das vorläufige Scheitern des Studentenprotests wurde deutlich bei der Verabschiedung des Bildungsbudgets für 2012 durch den Kongress Ende November. Die Vertreter der Regierungspartei zusammen mit einigen wenigen Unabhängigen verabschiedeten den Vorschlag von Piñera, der Bildungsausgaben von 12 Milliarden Dollar vorsieht, was einer Erhöhung um 10 Prozent entspricht (bei einem erwarteten Wirtschaftswachstum von 6,5 Prozent für 2011). Die Studentenführer hatten zuvor betont, dass die Erhöhung ungenügend sei und den Forderungen ihres mittlerweile siebenmonatigen Protests nicht nachkomme. «Segregation» im Schulsystem Präsident Piñera ist es inzwischen gelungen, den Absturz bei seinen Popularitätswerten aufzufangen. Lag seine Zustimmungsrate auf dem Höhepunkt des Konfliktes nur noch bei gut 20 Prozent, so erhielt er im November immerhin wieder die Unterstützung von jedem dritten Chilenen. Doch die Anliegen der Studenten geniessen weiterhin eine breite Unterstützung, das Thema dürfte deshalb nicht vom Tisch sein. Laut einer Meinungsumfrage vom November werden die Anliegen der Studenten und Mittelschüler weiterhin von 71 Prozent der Chilenen unterstützt, wobei gleichzeitig 54 Prozent der Befragten mit den von den Studenten angewandten Methoden nicht einverstanden sind. Missfallen erregen dürften dabei vor allem die immer wieder vorkommenden Gewaltausbrüche radikaler Elemente am Rande der Demonstrationen sowie die Verhinderung des Unterrichts durch die Besetzung von Hörsälen oder ganzen Lehranstalten. Die Studenten wollen versuchen, mit ihrer Bewegung die Lokalwahlen vom nächsten Jahr sowie die Präsidentschaftswahlen von 2013 zu beeinflussen. Ihre Forderungen finden insbesondere eine breite Unterstützung in der Mittelschicht, der das von Augusto Pinochet geschaffene Bildungssystem sehr hohe Kosten auferlegt. Die Reformen des Generals haben den Beitrag des Staates an die Schulen und Universitäten praktisch halbiert. Hohe Studiengebühren Kritiker machen geltend, dass de facto ein weitgehend nach sozialer Herkunft segregiertes dreiteiliges Ausbildungssystem geschaffen wurde. Rund 40 Prozent der Schüler besuchen kostenlose öffentliche Schulen, die im Allgemeinen qualitativ schlecht sind, vor allem wenn sie in finanzschwachen Gemeinden liegen. 50 Prozent besuchen staatlich subventionierte Privatschulen, bei welchen die Eltern einen substanziellen Beitrag leisten müssen, und die restlichen 10 Prozent besuchen teure Privatschulen, die ohne Unterstützung des Staates auskommen. Auf Universitätsniveau erheben auch die öffentlichen Lehranstalten bedeutende Studiengebühren. Laut einer Studie der OECD ist Chile nach den USA das Land, das von seinen Bürgern die höchsten Aufwendungen für die Universitätsausbildung ihrer Kinder verlangt. Insgesamt wird geschätzt, dass heute ungefähr 75 Prozent der Kosten für die Bildung von den Familien der Schüler und Studenten selber getragen werden müssen. Die Führer der Bewegung schlagen vor, zur Finanzierung einer kostenlosen und qualitativ guten öffentlichen Ausbildung die Steuern und die Abgaben im Bergbau zu erhöhen sowie die Rüstungsausgaben zu senken. Reform in Kolumbien sistiert Im Falle von Kolumbien lag der Fall etwas anders. Hier war es die Regierung, die eine Reform des Universitätswesens beabsichtigte und damit das Missfallen von Studenten und Professoren auf sich zog. Präsident Santos wollte damit die Zahl der Studenten signifikant erhöhen, aber in erster Linie mit praxisbezogenen technischen Lehrgängen, die vergleichsweise geringe staatliche Aufwendungen pro Studierendem erfordern würden. Die Kritiker sahen darin einen Versuch, die akademische Ausbildung einseitig den Erfordernissen der globalen Wirtschaft unterzuordnen. Besonderen Anstoss erregte aber die Tatsache, dass als Folge der Reform die durchschnittlichen öffentlichen Aufwendungen pro Student sinken würden und dass fast die Hälfte der staatlichen Zusatzausgaben privaten Lehranstalten zugutekommen sollte. Vertreter von Studentenschaft und Lehrpersonal interpretierten dies als ein Signal in Richtung Abbau der staatlichen Verantwortung in der Universitätsausbildung. Ausserdem kritisierten sie die reduzierte Mitsprache des Sektors in der Bildungspolitik sowie die Einschränkung der universitären Autonomie. Auch in Kolumbien entstand praktisch aus dem Nichts eine eindrückliche Protestbewegung für eine kostenlose öffentliche Qualitätsausbildung, die so viele Menschen auf die Strasse brachte wie nur selten in Kolumbien in den letzten Jahrzehnten. Die konsensorientierte Regierung Santos lenkte schliesslich ein und sistierte die Vorlage Mitte November.

 

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/studentischer_kampf_um_kostenlose_bildung_1.13683446.html

 

Schreibe einen Kommentar

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: