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Offizielles Büro für die Taliban in Katar: Nach Absprache des Emirats mit den USA, Deutschland und der UNO soll in Katar ein offizielles Büro der Taliban eröffnet werden: Afghanistans Regierung fühlt sich übergangen – Aber ohne offizielle Adresse ist es schwierig, Friedensverhandlungen mit den Taliban in Gang zu bringen

Dezember 18, 2011

 

Ein Büro für die Taliban

Katar ist als Standort einer offiziellen Repräsentanz der afghanischen Aufständischen im Gespräch

Die Grösse der kompromissbereiten Fraktion der Taliban ist unklar. Im Bild: Kämpfer, die ihre Waffen niederlegen. (Bild: Reuters)Zoom

Die Grösse der kompromissbereiten Fraktion der Taliban ist unklar. Im Bild: Kämpfer, die ihre Waffen niederlegen. (Bild: Reuters)

Die Taliban erwägen, eine Vertretung in Katar zu eröffnen. Kabul hat Widerstand angekündigt, weil es sich in der Debatte übergangen fühlt. Unbestritten ist aber, dass die Taliban eine «Adresse» brauchen, wenn man mit ihnen verhandeln will.

Andrea Spalinger, Delhi

Hamid Karzai hat am Donnerstag erklärt, im Fall von Friedensgesprächen mit den Taliban müsse Afghanistan eine führende Rolle spielen. Eine Einmischung anderer Staaten könne nicht toleriert werden. Der afghanische Präsident reagierte damit auf einen Bericht der indischen Zeitung «The Hindu», in dem es hiess, Verhandlungen über die Eröffnung eines Büros der afghanischen Taliban in Katar stünden kurz vor dem Abschluss. Laut dem Bericht waren neben Katar die Vereinigten Staaten, Deutschland und die Uno in die Gespräche involviert.

Frustrierter Präsident

Nach einem Treffen mit Regierungsvertretern sagte Karzai, man sei sich einig darüber, dass die Aufständischen eine offizielle Vertretung innerhalb Afghanistans haben sollten. Wenn dies aus Sicherheitsgründen nicht möglich sei, könne auch ein Standort in einem befreundeten muslimischen Land wie Saudiarabien oder der Türkei in Betracht gezogen werden. Gespräche seien aber erst möglich, wenn die Islamisten ihre Waffen niedergelegt hätten.

Karzai hatte die Taliban jahrelang als «Brüder» umworben und an den Verhandlungstisch zu locken versucht. Nach mehreren Rückschlägen in dem mühseligen Friedensprozess scheint der Präsident aber zunehmend frustriert, und seine Position hat sich in den letzten Monaten merklich verhärtet. Die erhitzte Debatte über ein potenzielles Büro in Katar ist ein Gradmesser dafür, wie gross das Misstrauen aufseiten der Regierung mittlerweile ist.

Unklare Position der Taliban

Die Taliban haben Gespräche bisher offiziell abgelehnt, solange sich ausländische Truppen am Hindukusch befänden. Mehrere Friedenskonferenzen wie auch die Einsetzung eines Hohen Friedensrates durch Karzai haben keinerlei Fortschritte gebracht, und auch mehrere direkte Kontaktversuche sind gescheitert. Sowohl Kabul als auch Washington sind Betrügern aufgesessen, die sich als Vertreter der sogenannten Quetta-Shura um Mullah Omar ausgaben.

Letztes Jahr kassierte ein angeblicher Taliban-Emissär von den USA eine beträchtliche Stange Geld und verschwand. Ein anderer ermordete im September den Chef des Friedensrates, Burhanuddin Rabbani.

Die afghanischen Taliban sagen, sie hätten mit dem Selbstmordattentat nichts zu tun gehabt, und manches spricht tatsächlich dafür, dass eine andere Terrororganisation mit dem Anschlag die Friedensbemühungen unterminieren wollte. Einige hochrangige Mitglieder der Quetta-Shura scheinen des Kampfes und des Lebens im Exil müde zu sein und genuines Interesse an Gesprächen zu haben. So etwa Tayyab Agha, ein enger Vertrauter von Mullah Omar, der mit den USA seit längerem im Gespräch sein soll. Es ist aber schwer zu sagen, wie gross die kompromissbereite Fraktion ist. Die Hardliner in der Führungsriege plädieren weiterhin für Krieg, und da die Aufständischen auf dem Schlachtfeld derzeit dominieren, dürften sie innerhalb der Gruppe mehr Unterstützung geniessen als die Friedenstauben.

Einzige Alternative

Der frühere Botschafter des Taliban-Regimes in Pakistan, Abdul Salam Zaeef, der heute in Kabul unter Beobachtung des Geheimdienstes lebt, plädiert seit Jahren dafür, den Taliban eine offizielle Adresse und damit die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme zu geben. Zaeef ist überzeugt, dass Islamabad den Zugang zu gesprächswilligen Taliban in Pakistan blockiert. Nur auf neutralem Boden sind seiner Ansicht nach fruchtbare Gespräche möglich. Zaeef war laut dem «Hindu» als Chef des Büros in Dauha im Gespräch. Er wollte die Berichte aber nicht bestätigen.

Spätestens seit der Ermordung Rabbanis ist allen an den Friedensbemühungen Beteiligten klar, dass die Taliban ein Büro brauchen und dass Gespräche nur möglich sind, wenn man weiss, wem man gegenübersitzt. Ebenfalls klar ist, dass dies nur ausserhalb Afghanistans an einem neutralen Ort möglich wäre. Die Quetta Shura, die in Pakistan untergetaucht ist, hat verständlicherweise Angst, dass ihre Emissäre in Afghanistan verhaftet werden könnten.

Karzai zieht die Bremse

Seit Monaten kursierten Gerüchte, dass Katar als Standort für ein Taliban-Büro im Gespräch sei. Die westlichen Verbündeten wollten den stockenden Friedensprozess mit diesem Projekt wiederbeleben. Offenbar hofften sie, noch vor Jahresende zu einer Übereinkunft zu gelangen, und wurden von Karzais Eingreifen überrumpelt.

Ein hochrangiger Regierungsvertreter erklärte gegenüber der BBC, Kabul unterstütze die Idee einer Taliban-Vertretung grundsätzlich. Katar habe aber Details der Pläne mit den Amerikanern und den Deutschen besprochen, ohne Kabul einzubeziehen. Karzai war derart verstimmt über den Alleingang des Emirats, dass er unter anderem auch den afghanischen Botschafter aus Dauha zurückbeorderte.

Es ist nachvollziehbar, dass Kabul auf einen von Afghanistan geführten Prozess beharrt. Westliche Diplomaten in Kabul beklagen jedoch, dass der Präsident in der Frage widersprüchliche Signale aussende und dass auf afghanischer Seite zu viele Leute mit unterschiedlichen Vorstellungen mitredeten.

Druck aus Washington

Laut Vertrauten ist Präsident Karzai nicht glücklich darüber, dass ein Land im Friedensprozess eine führende Rolle spielen soll, das Afghanistan nicht besonders nahesteht und nicht einmal eine diplomatische Vertretung in Kabul hat. Ein Regierungsvertreter erklärte am Freitag allerdings, der Abzug des Botschafters sei eine temporäre Massnahme. Das weitere Vorgehen werde noch besprochen. Dauha ist als Adresse der Taliban somit wohl noch nicht vom Tisch. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die USA die offizielle Vertretung des Feindes gerne in einem verbündeten Golfstaat sähen und hinter den Kulissen einigen Druck auf Karzai ausüben dürften, doch noch einzuwilligen.

 

http://www.nzz.ch/nachrichten/politik/international/die_taliban_wollen_eine_vertretung_eroeffnen_1.13683558.html

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