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Vor 50 Jahren wurde Eichmann zum Tode verurteilt: War er ein Monster oder kann er auch heute überall auftauchen? Auf einer abstrakten Ebene jedoch hat Arendts Analyse des unverantwortlichen Schreibtischtäters zeitlose Gültigkeit. Wenn ein verbrecherisches System sich durchsetzt, wird verbrecherisches Denken und Handeln zur Norm, und viele Leute können oder wollen sich dem nicht verweigern.Auf einer abstrakten Ebene jedoch hat Arendts Analyse des unverantwortlichen Schreibtischtäters zeitlose Gültigkeit. Wenn ein verbrecherisches System sich durchsetzt, wird verbrecherisches Denken und Handeln zur Norm, und viele Leute können oder wollen sich dem nicht verweigern.

Dezember 15, 2011

Das Böse lauert – Eichmann ist aktuell

Auch heute kann ein Clown sich in ein Monster verwandeln

Adolf Eichmann (von hinten) bei der Verkündigung seines Urteils. Filmaufnahme. (Bild: Israelische Staatsarchive)ZoomAdolf Eichmann (von hinten) bei der Verkündigung seines Urteils. Filmaufnahme. (Bild: Israelische Staatsarchive)

Adolf Eichmann war ein Massenmörder und ansonsten eine Nebenfigur der Geschichte. Nur dank Hannah Arendt wurde er zu einer Hauptfigur, als verkörperte «Banalität des Bösen». Vor 50 Jahren wurde Eichmann in Jerusalem zum Tode verurteilt.

Andres Wysling

Der SS-Mann Adolf Eichmann war im Dritten Reich zuständig für die «Endlösung der Judenfrage». Er hat dafür gesorgt, dass Hunderttausende von Menschen in die Vernichtungslager kamen und dort umgebracht wurden, in den Gaskammern oder einfach durch Entkräftung und Erfrieren. Nach dem Zweiten Weltkrieg tauchte Eichmann unter.

Israelische Geheimdienstleute spürten Eichmann dann in Argentinien auf und entführten ihn, israelische Richter sprachen Recht über ihn. Der Prozess kam auf rechtlich fragwürdige Weise zustande, das Urteil vom 15. Dezember 1961 war aber sicher nicht falsch (auch wenn die Todesstrafe grundsätzlich immer abzulehnen ist). Am 31. Mai 1962 wurde Eichmann gehenkt.

 

Bilderstrecke: Der Eichmann-Prozess 1961

Im Gerichtsverfahren gegen den ehemaligen SS-Obersturmbannführer Adolf Eichmann wurde dieser vor dem Jerusalemer Bezirksgericht zwischen dem 11. April und 15. Dezember 1961 für den Völkermord an Juden zur Verantwortung gezogen. Das Urteil lautete auf Tod durch den Strang.

 

Gehorsam statt Gewissen

Eichmann war zwar ein Massenmörder, ansonsten aber eine unbedeutende Figur der Geschichte. Dass man sich heute noch an ihn erinnert, ist nicht auf seine Verbrechen, sondern auf seinen Prozess zurückzuführen, der als Schauprozess weltweite Beachtung fand. Hätten die Israeli Eichmann nicht verfolgt, wäre er von der Justiz völlig unbehelligt geblieben und irgendwann unbemerkt gestorben. Und hätte Hannah Arendt nicht ihr Buch «Eichmann in Jerusalem» geschrieben, wäre dieser Mann nicht zum Inbegriff des Bösen oder vielmehr der «Banalität des Bösen» geworden.

Eichmann wird oft als «Scheusal», «Monster», «Unmensch» bezeichnet. Bei Arendt wird der Unmensch zum normalen Menschen. Sie beschreibt ihn als eher dumm, angeberisch und streberisch, als einen Mann, der sich von seinem Gewissen dispensiert hat, um sich dafür der Pflichterfüllung hinzugeben, dem Gehorsam gegenüber dem «Führer» und den Vorgesetzten. Bei ihr wird das «Monster» zum «Clown».

Brillante Analyse trotz Irrtum

Die These von der «Banalität des Bösen» stiess sogleich auf heftige Ablehnung. Zwar war die Argumentation Arendts stringent, aber ihre kühle Ironie, die zum Teil auch ins Sarkastische drehte, ertrugen viele nicht. Sie wollten ein Monster, sie wollten das Böse diesem Mann zuordnen, und sie wollten mit diesem Mann zugleich das Böse erledigen. Die Hinrichtung war für sie eine Erlösung.

Video: Eichmann-Prozess

Verkündigung des Todesurteils, Jerusalem, 15.12.1961.

 

Allerdings lag Arendt mit ihrer Darstellung der konkreten Person Eichmann in einem wesentlichen Punkt falsch, nämlich wenn sie behauptete, dieser sei kein Judenhasser gewesen, er habe als williger Befehlsempfänger gehandelt und nicht als eigenwilliger Überzeugungstäter. Eichmann stellte sich selbst durchaus als Werkzeug im Dienste des nationalsozialistischen Systems dar; das war seine Verteidigungsstrategie. Arendt glaubte ihm – sie liess sich täuschen. Aber Eichmann konnte auch aus eigenem Antrieb handeln: Er setzte sein Morden sogar noch fort, nachdem er schon den Befehl erhalten hatte, damit aufzuhören und die Spuren zu verwischen.

Verbrecher im Verbrechersystem

Auf einer abstrakten Ebene jedoch hat Arendts Analyse des unverantwortlichen Schreibtischtäters zeitlose Gültigkeit. Wenn ein verbrecherisches System sich durchsetzt, wird verbrecherisches Denken und Handeln zur Norm, und viele Leute können oder wollen sich dem nicht verweigern. Solche Entwicklungen sieht man immer wieder, in Europa zuletzt im Jugoslawien-Krieg. Eichmann droht auch heute.

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